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Wie 2018 hätte gewesen sein können

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Berlin -

Jahresrückblicke können ja manchmal etwas deprimierend sein. Deswegen stellen wir uns lieber einfach vor, wie 2018 hätte gewesen sein können, wenn die Menschen etwas freundlicher, ehrlicher und mutiger gewesen wären. Dann freut man sich automatisch mehr aufs neue Jahr!

Januar
Wie wäre es zum Beispiel mit einem Serienbrief zum Jahresanfang. Jede Apotheke erhält von jeder Krankenkasse ein Schreiben, mit einer Variante dieses Inhalts: Hiermit teilen wir Ihnen mit, dass wir in diesem Jahr vollständig auf Retaxationen verzichten werden. Wir danken Ihnen für die ausgezeichnete Arbeit und den nimmermüden Einsatz für unsere Versicherten und gehen davon aus, dass Sie bei der Abrechnung alles richtig machen.“ In dieser Welt würde ein „Genehmigt wie beantragt“ auch keine Retaxation nach sich ziehen.

Februar
Sat.1 strahlt den Beitrag: „So verarschen uns Apotheken“ aus – und muss kurz darauf einräumen, dass sich das Redaktionsteam alles nur ausgedacht hat. Zur Wiedergutmachung wird eine zwölfteilige Dokumentation über Rezeptur, Notdienste & Co. gedreht. Nicht nur die Versender in Cottbus, sondern alle Versandapotheken werden daraufhin abgeschaltet. Jens Spahn (CDU) will das ihm angetragene Ministeramt erst ablehnen. Sein Vorgänger Hermann Gröhe hat das Rx-Versandverbot zwar in den Koalitionsvertrag geboxt, aber das braucht es ja jetzt gar nicht mehr. Es kommt zum 2hm-Gutachten in die Schublade. Den Schlüssel verliert Gröhe irgendwie. In der Tagespresse wird er dafür nicht gescholten, weil im Blätterwald gerade einen Apotheker gefeiert wird, der ein Baby gerettet hat.

März
Die neue Datenschutz-Grundverordnung sorgt überall für Panik – nur nicht bei den Apothekern. Denn die sind seit Monaten vollumfänglich informiert worden und gut vorbereitet. Und dass es jetzt keine Bestellungen über WhatsApp mehr gibt, macht gar nicht. Längst gibt es eine einheitliche Bestellplattform für alle Apotheken, die bei allen Endgeräten von Apple, Google & Co. schon installiert ist und mit dem neuerdings vergüteten Botendienst die flächendeckende Versorgung in eine neue Dimension führt.

April
Und so gibt es im April erstmals keine einzige Apothekenschließung. Es gibt Platz für den erfahrenen Einzelkämpfer und die junge Doppelapothekerin. Traurige Geschichten von unglücklichen Schließungen gehören ebenso der Vergangenheit an wie die Schauermärchen von Retaxwellen zu Rezepturen. Im Bundesgesundheitsministerium (BMG) wird das Referat für Apotheken einfach abgeschafft – das System läuft auch so perfekt.

Mai
Die DSGVO wird scharf gestellt, in den Apotheken fällt das nicht weiter auf. Ebenfalls unbemerkt bleibt, dass sich die Apo-Rot-Chefin die alte Marke DocMorris gekauft hat, als Erinnerungsstück. Heute muss kein 90-Jähriger mehr tagelang auf DHL warten. Auch Amazon haben die Apotheken den Rücken gekehrt – und umgekehrt. Der Versandriese erklärt, dass sensible Geschäft mit Arzneimitteln lieber den Fachleuten überlassen zu wollen.

Juni
Im Juni wird es kurz noch einmal ungemütlich: Die Krankenkassen wollen die Apotheken um eine Milliarde Euro schröpfen. Aber Spahn höchstpersönlich macht den GKV-Spitzenverband auf einen Rechenfehler aufmerksam, woraufhin diese rückwirkend zum Jahresanfang komplett auf den Kassenabschlag verzichten. Dass Spahn die Großhandelsrabatte begrenzen will, nehmen ihm die Apotheker nun nicht mehr krumm. Leben und leben lassen. Das gilt auch für die Revision, die jetzt immer gleich und brüderlich verläuft und nie in Streit endet.

Juli
In China ist eine Verunreinigung in der Valsartan-Herstellung aufgefallen – zum Glück rechtzeitig. Die einzige betroffene Charge kann noch vor dem Werkstor aus dem Verkehr gezogen werden. Der Vorfall wird offiziell gemeldet, aber niemand bekommt etwas mit. Die Politik setzt sich trotzdem dafür ein, die Rahmenbedingungen so anzupassen, dass sich auch eine heimische Wirkstoffproduktion wieder lohnt. Derweil lässt sich eine Kundin in einer Münchener Apotheke ausführlich beraten und kauft dann die ihr empfohlenen Arzneimittel.

August
Eine Apothekerin ist nicht überzeugt von Homöopathie, sie nimmt alle Produkte aus dem Sortiment. Der Kollege nebenan ist dagegen großer Globulifan und übernimmt die Kunden gern. Alle sind zufrieden. Homöopathiebefürworter und -kritiker treffen sich im Park zum Picknick und tauschen sich aus. Die Stimmung ist gut. Es gibt Kühlboxen für den Saft (und für die Medikamente – wir sind ja nicht im Versandhandel).

September
Als klar wird, dass zu viel Schöllkraut in Magenmitteln Risiken für die Konsumenten birgt, stellt Bayer die Rezeptur von Iberogast um. Aber das ist alles Jahre her, deswegen gibt es 2018 zu dem Thema nichts mehr zu sagen. In Hamburg sucht Douglas Apotheker und PTA für die Kosmetik-Apotheke. Bei der Eröffnung war die Stimmung noch supi, doch bald schon langweilt sich das Fachpersonal zwischen Tiegelchen und Töpfchen. Menschen gesund machen ist irgendwie spannender als einfach nur schön. Und in Apotheken ist genug zu tun. Denn erstmals seit Jahren ist die Zahl der Apotheken gestiegen, netto nur um neun, aber die Wende könnte eingeleitet sein.

Oktober
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kommt im Oktober zum Deutschen Apothekertag (DAT). Viel zu besprechen gibt es eigentlich nicht. Doch dann kündigt der Minister unter dem tosenden Applaus der Delegierten an, dass er noch in diesem Jahr ein großes Honorarpaket für die Apotheker plant. DocMorris – mittlerweile eine gemeinnützige Marketingfirma unter dem Dach der Vereinten Nationen – unterstützt die Apotheker mit einer Kampagne pro Botendienst. Die Pharmazieräte sind begeistert. Wirtschaftsminister Peter Altmaier erklärt allen, was ein handelsüblicher Skonto ist.

November
GKV-Spitzenverband und Deutscher Apothekerverband (DAV) haben einen neuen Rahmenvertrag ausgehandelt. Das ging sehr schnell und einvernehmlich. Das Papier ist sehr dünn: § 1 Die Apotheken versorgen die Patienten gemäß ärztlicher Verordnung. § 2 Die Krankenkassen erstatten die Arzneimittelkosten und vergüten die Leistung der Apotheker.

Dezember
Minister Spahn stellt sein Paket vor: Das Honorar wird dynamisiert, der Notdienst besser vergütet. Die Apotheker kündigen an, mit überschüssigen Mitteln alle Arztpraxen barrierefrei zugänglich zu machen. Und weil der Bund die Kosten für die PTA-Ausbildung übernimmt und die neue Honorarordnung einen kräftigen Zuschlag bei den Tariflöhnen ermöglicht, ist auch der Festkräftemangel besiegt. Nur an Heiligabend müssen die Familien der Apotheker/innen alleine feiern, weil jeder Inhaber aus der wiederentdeckten Liebe zum Beruf freiwillig Notdienst schiebt. Die Kunden danken es mit Freundlichkeit und selbst gemachtem Rote-Beete-Salat.

Auch wenn das abgelaufene Jahr in Wirklichkeit nicht ganz so traumhaft war und auch in 2019 vermutlich nicht alles Gold wird, lassen Sie sich die Freude an Ihrem Beruf nicht nehmen, es ist ein toller! Kommen Sie gut ins neue Jahr und bleiben Sie uns gewogen!

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