Tür sollte offen bleiben

Sexuelle Belästigung im Impfzimmer

, Uhr
Berlin -

Im Beratungs- und Impfraum geht es in Apotheken vertraulich zu. Inhaberin Miriam Oster aus Hessen wunderte sich unlängst, als die Tür zu einem der Zimmer während der Betreuung immer offen stand. Als sie ihr Team darauf ansprach, kam eine Form der sexuellen Belästigung durch einen Kunden ans Licht. Kein Einzelfall in Apotheken. „Das muss mehr thematisiert werden“, fordert Nicole Stöven, Geschäftsführerin des Bremer Apothekerverbands.

Der Vorfall bei Oster kam nur über Umwege zur Sprache. „Ich habe gefragt, warum die Tür beim Impfen offen bleibt, darauf hieß es, dass sich eine Kollegin durch ‚anzügliche Bemerkungen‘ belästigt gefühlt hat.“ Ein Kunde sei ihr nach dem Impfen „auf die Pelle gerückt“ und sei ihr auch über „nonverbale Signale“ zu nahe getreten, so die Inhaberin der Columbus-Apotheke in Oberursel.

Schlimme Situation für Apothekerin

Oster suchte den Dialog. „Für meine Mitarbeiterin, die eigentlich taff ist, war die Situation schlimm und sie wollte mit der Reaktion vermeiden, dass so etwas wieder passiert.“ Doch das Dilemma sei, dass die Impfung in dem Raum diskret und eigentlich mit geschlossener Tür stattfinden solle. Die Apothekerin empfahl, die Tür zu schließen und im Notfall zu schreien.

Wenn Angestellte sich belästigt fühlten, sollten sie mit Worten zunächst deutlich machen, dass eine Grenze überschritten sei. „Ein klares ‚Stopp‘ und der Hinweis, dass man sich nicht in dieser Form unterhalten möchte, ist ein Anfang“, empfiehlt die Inhaberin. Sie verweist auch darauf, dass die Übergriffe nicht immer von der Kundschaft ausgingen. Auch innerhalb der Teams gebe es mitunter Belästigungen, die nicht in Ordnung seien. „Ich denke, das ist öfter ein Thema am Arbeitsplatz als bei der Kundschaft.“

Das bestätigt auch eine Pharmaziestudentin. In der Famulatur hätten Mitstudierende von Situationen berichtet, in denen sie sich belästigt gefühlt hätten. Sie selbst habe nur gute Erfahrungen gemacht.

Apothekerin Miriam Oster lächelt.
Der Vorfall kam nur über Umwege zur Sprache und Inhaberin Miriam Oster suchte das Gespräch.Foto: Columbus-Apotheke

Sexuelle Belästigung gehört für viele Frauen zum Alltag. Bei einer Erhebung des sächsischen Justizministeriums gaben neun von zehn Befragten an, bereits solche Übergriffe erlebt zu haben.

„Frauen müssen lauter werden“

Auch in Apotheken sei sexuelle Belästigung ein Thema, so Stöven. Dort arbeiten vor allem Frauen. Der Männeranteil liegt bei nur 20 Prozent. Bei der Beratung kann es vorkommen, dass anzügliche Bemerkungen fallen. Das sollte man sich nicht gefallen lassen. „Frauen müssen lauter werden.“ Gerade weil in der Apotheke sensible Themen wie etwa erektile Dysfunktion besprochen werde, die eine gewisse Nähe herstellen. „Wenn der Kunde Erektionsprobleme hat, wird er dort professionell beraten, ohne Hintergedanken.“

Stöven bedauert, dass es keine quantitativen Erhebungen zur Situation in der Apotheke gibt. Doch immer wieder kommt das Thema auf, etwa mit obszönen Anrufen im Notdienst. „Das Problem ist, das wird oft weggelächelt, nach dem Motto: ‚Wieder so ein Anrufer‘.“ Manchmal sei man sich bei anderen unangenehmen Begegnungen oder Äußerungen unsicher, wie das gemeint gewesen sein könnte.

Fälle im Team besprechen

Wichtig sei der Austausch der Inhaberinnen und Inhaber mit den Teams. „Ich gehe davon aus, dass es intern angesprochen wird. Denn sexuelle Übergriffe sind ein Alltag von Frauen“, so Stöven. „Ich war lange in der Apotheke und mir ist es auch passiert. Bei dem Thema wird man schnell traurig und bissig.“

Auch Oster ist es wichtig, dass das Thema im Team angesprochen wurde. Die Inhaberin verweist aber auch auf die andere Seite. Manchmal bekomme man ein wirklich freundlich gemeintes Kompliment – nicht hinter jeder Äußerung stecke eine Anzüglichkeit. „Ich bin nicht jemand, der jedes Wort auf die Goldwaage legt.“

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Neuere Artikel zum Thema

APOTHEKE ADHOC Debatte