Weihnachtsnotdienst: Apothekerin belästigt und vulgär beschimpft | APOTHEKE ADHOC
„Das muss man nicht aushalten“

Weihnachtsnotdienst: Apothekerin belästigt und vulgär beschimpft

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Berlin -

Telefonanrufe sind für Apotheker:innen im Notdienst oft ein leidiges Thema. Wenn am anderen Ende der Leitung jedoch nicht nach den Öffnungszeiten gefragt wird, sondern nur ein Stöhnen zu hören ist, ist der Schock groß. Britta Schleßelmann wurde am zweiten Weihnachtsfeiertag sexuell belästigt und heftig beschimpft. Die Inhaberin der Alten Apotheke im niedersächsischen Selsingen will das Tabuthema in die Öffentlichkeit bringen und fordert Maßnahmen.

Mitten in der Nacht ging der Anruf am zweiten Weihnachtsfeiertag bei Schleßelmann ein. Die Apothekerin wohnt in der Nähe der Apotheke und darf wegen der schnellen Erreichbarkeit zu Hause auf Anfragen reagieren. „Es hat mich zu Hause, im Privaten erwischt, das fand ich schlimm“, sagt sie. Die Nummer war unterdrückt, als sie ans Telefon ging. „Er hat mich mit ‚Fotze mit Medikamentenlager‘ beschimpft. Ich habe dann gleich aufgelegt und habe ihn weggedrückt, als noch ein Anruf kam.“

Zuvor sei es vorgekommen, dass am anderen Ende der Leitung nur ein Stöhnen – „wie Kurzatmigkeit“ – zu hören war. „Das muss man nicht aushalten.“ Für die Apothekerin reichte die Erfahrung am Wochenende, um sich an die Landesapothekerkammer und den -verband sowie die Abda zu wenden. „Wer soll uns Apothekerinnen schützen, wenn nicht unsere Verbände? Es geht nicht, dass wir damit allein gelassen werden.“ Sie sei „erschüttert“ wegen des Notdienstes an Weihnachten, schrieb sie in einem Brief.

„Penisprobleme“ häufen sich

„Stöhnende Männer in der Nacht beim Notdienst von Apotheken unter weiblicher Leitung sind (in unserem Notdienstbezirk) keine Seltenheit. Auch Fragen zu ‚Penisproblemen‘ mitten in der Nacht häufen sich“, schreibt sie. Die Apothekerin fühlt sich mit dem Problem allein gelassen. „Im Notdienst nicht ans Telefon zu gehen, ist leider keine Lösung.“ Als Arbeitgeberin wolle sie ihre Mitarbeiter:innen solchen Beschimpfungen ebenfalls nicht aussetzen.

Sie fragt die Mitgliedsorganisationen in ihrem Schreiben, ob dieses Thema „bisher irgendwo thematisiert“ worden sei? „Vielleicht wird sexuelle Belästigung in Apotheken von den Verbänden oft abgetan, weil dort mehr Männer arbeiten“, vermutet sie. „Die Situation ist sehr schlimm, weil es gegen Frauen geht. Bei uns im Notdienstkreis ist sexuelle Belästigung bei den männlichen Inhabern noch nicht vorgekommen, bei den Frauen im Umkreis aber schon.“

Bereitschaftsnummer für Apotheken gefordert

Schleßelmann schlägt einen zentral organisierten Bereitschaftsdienst für Apotheken analog zum ärztlichen Patientenservice unter der Nummer 116117 vor. Dort wird außerhalb der Sprechstundenzeiten informiert und weitergeleitet. In der Regel rufen Mediziner bei Fragen, die keine Notfälle betreffen, zurück. Warum gebe es kein „Äquivalent“ für Apotheken, fragt sie in dem Brief. Das wäre von Vorteil für Kund:innen und Apotheken. „Ich wäre persönlich bereit, etwas von meinem Notdienstgeld dafür zu geben, um mit vor solchen Angriffen zu schützen.“

Auch Kolleg:innen berichten von Fällen sexueller Belästigung im Notdienst. Für ihren Vorschlag einer zentralen Nummer für Kund:innen bekommt sie Unterstützung: „Die Idee einer deutschlandweiten Einheitsnummer, wo man erfahren kann, welche Apotheke Dienst hat, ist sinnvoll“, sagt eine Inhaberin. Nicht nur wegen sexueller Belästigung. „Meistens rufen die Leute an und fragen, ob man da ist. Das nervt unheimlich, da man eigentlich mit den Kunden zu tun hat. Leider wird der Notdienst oft missbraucht, für Lappalien.“ Zudem verdiene man kein Geld mit den Anrufen, sei aber gleichzeitig sehr damit eingespannt.

Schleßelmann hat die vulgären Beschuldigungen an Weihnachten abgehakt. „Im ersten Moment habe ich mich furchtbar aufgeregt, war aber auch müde und kaputt. Später hat es mich schon beschäftigt, weil ich so etwas noch nie erlebt habe. Mir geht es gut, ich bin sicher aufgewachsen und gefestigt. Was aber ist mit Kolleginnen, die vorher schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht haben? Ich bin bestimmt nicht der schlimmste Fall“, sagt sie.

„Erschrocken“ sei sie über Rückmeldungen von Kolleg:innen, dass viele Kammern das Thema offenbar nicht ernst nehmen. Sie endet ihren Brief mit der Frage: „Kann ich von Ihnen Unterstützung bekommen?“ Bisher gab es seitens der Mitgliedsorganisationen noch keine Antwort.

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