Gebühr muss auf 20 Euro steigen

Notdienst: „Wir stehen nicht hier und warten auf Kundschaft“

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Berlin -

Der Nachtdienst in der Apotheke kann mitunter herausfordernd sein. Auch Apothekerin Cordula Eichhorn kann wie viele Kolleg:innen von Begegnungen erzählen, die unvergessen sind. Angesichts der steigenden Herausforderungen fordern mehrere Inhaber:innen eine Reform der Notdienstregelung.

Alle 23 Tage hat die Rathaus-Apotheke im hessischen Eppstein Notdienst. Dieser Rhythmus sei im Vergleich zu anderen Betrieben zwar vertretbar, weiß Eichhorn. Allerdings sei oft die nächste diensthabende Apotheke nur zehn Kilometer entfernt, da ihr Betrieb an einer Landkreisgrenze liege. „Warum kann man die Entfernungen nicht ausweiten?“, fragte sie unlängst auch bei ihrer Kammer und dem Verband an. Selbst wenn die Apotheken einen Notdienst weniger im Jahr hätten, steige dadurch die Lebensqualität.

Keine Wertschätzung des Apothekennotdienstes

Der Nacht- und Notdienst sei dringend reformbedürftig, sagt Eichhorn. Es müsse eine Diskussion angestoßen werden. „Die Entwicklung geht weiter und alte Strukturen müssen aufgebrochen werden. Es geht mir um Wertschätzung, denn die Kunden wissen nicht, wie viel der Notdienst der Apotheke wert ist.“ Dafür gebe es genügend Beispiele. Allein während ihres jüngsten Dienstes habe ein Vater um 20 Uhr angerufen, weil sei Kleinkind seit 17 Uhr akutes Erbrechen habe. „Warum nicht früher – aber das sehe ich ja noch ein“, sagt die Apothekerin.

Kurz darauf meldete sich der nächste Kunde, der Softtampons und Kondome wollte. Die Anfragen gingen munter weiter, kurz vor 3 Uhr nachts wollte ein Anrufer wissen, ab wann am nächsten Tag Antigen-Schnelltests angeboten würden. „Da ist meine Geduld am Ende“, sagt Eichhorn. Deshalb sei eine Telefonnummer wie die 116117 für den ärztlichen Bereitschaftsdienst auch für Apotheken sinnvoll. „Vielleicht fangen wir damit Kunden ab, die ein Gefühl für ein Gerstenkorn haben und dann nach einer kurzen Beratung doch bis zu den Öffnungszeiten der Apotheke warten.“

Oft seien die Anfragen eben keine „Notsituation“ – wie ein Kundenbesuch am 25. Dezember zeigte. Eichhorn hatte Weihnachtsnotdienst und Menschen wollten noch Geschenke für die Oma kaufen. „Wir stehen nicht hier und warten auf Kundschaft“, sagt sie. Das sei ein falsches Bild, dass die Öffentlichkeit vom Apothekennotdienst habe und auch die Standesorganisationen nach außen vermittelten. Die Folge: „Die Kunden missbrauchen den Nachtdienst als Späti“, sagt sie. Um 23 Uhr abends brauche man nicht plötzlich dringend ein Warzenmittel. Deshalb müsse die Notdienstgebühr deutlich angehoben werden.

Sexuelle Belästigung im Notdienst

Dazu komme die Situation, dass man als Frau alleine im Betrieb sei. „Ich hatte eine Nacht das Pech, dass mich einer jede halbe Stunde angerufen und ins Telefon gestöhnt hat. Ich habe die Polizei angerufen, aber die konnten nichts machen.“ Sie sei extrem wütend über ihre Lage gewesen: „Denn ich darf das Telefon nicht aushängen.“ Sexuelle Belästigung im Notdienst sei ein ernstes Thema. „Es kommt häufiger vor als man denkt. Ich will das nicht publik machen und keinen dazu anregen.“

Auch die angespannte Personalsituation sorge gerade bei kleinen Teams für Anspannung. „Ich mache den Notdienst selbst und bin am nächsten Tag wieder in der Apotheke.“ Arbeitsschutz gelte nur für Angestellte. Natürlich sei das ihre persönliche Situation und sie könne auch eine angestellte Apotheker:in einplanen. „Aber die ist am nächsten Tag nicht da.“ Und Vertretungsapotheker:innen könne man sich nicht leisten. Wenn es möglich wäre, sich wie Ärzt:innen aus dem Notdienst „freizukaufen“, würde sie jedoch sofort investieren.

Unterstützung erhält Eichhorn von Daniela Hänel. Die selbstständige Apothekerin ist seit Juli 2021 Vorsitzende der Freien Apothekerschaft. Die Inhaberin der Linda Apotheke in der Nordvorstadt in Zwickau machte unlängst auf eine dringende Reform des Notienstes bei der Abda aufmerksam. „Die Thematik Notdienste und deren Vergütung muss in Deutschland dringend reformiert werden und zwar so, dass es sich weiterhin lohnt, diesen Service anzubieten. Ansonsten werden wir weitere Vor-Ort-Apotheken in der Fläche verlieren“, fordert sie.

20 Euro Notdienstgebühr statt 2,50 Euro

Die Dienste seien in den vergangenen Jahren viel anspruchsvoller geworden. Das liege an der steigenden Bürokratie und den Ansprüchen der Kund:innen. Beispiele seien Nachfragen nach Raumsprays, Schwangerschafttests oder homöopathischen Mitteln. „So unkompliziert wie es vor ein paar Jahren war, ist es längst nicht mehr.“ Dazu kämen die „übermäßigen Anrufe. Erledigt man nicht alles gleichzeitig, gibt es schlechte Bewertungen über die digitalen Medien und eventuell Strafen von der Kammer, wenn sich Patienten dort beschweren.“ Deshalb müsse die Vergütung pro Auftrag mindestens auf zehn, besser 20 Euro angehoben werden. „Denn warum dürfen Schlüsseldienste, Versorger von Strom, Gas, Wasser und Abwasser, Abschleppdienste, Handwerker Feiertags- und Notdienstzuschläge von 50 Euro aufwärts verlangen und wir nicht?“ Zudem fehlten steuerliche Vergünstigungen.

Hänel verweist zudem auf die Frauenquote und die Belastung für weibliche Approbierte: „Auch wir haben hohe Feiertage, die wir lieber mit unseren Familien und Freunden verbringen möchten.“ Viele junge Apothekerinnen hätten Kinder, die dann von Familienangehörigen betreut werden müssten. Zudem sei nichts schlimmer, als wenn das eigene Kind krank ist und der Beruf Vorrang hat. „Für ganz viele von uns sind das enorme psychische Belastungen, alles selbst erlebt. Und nein, man findet nicht so schnell eine Vertretung, wenn plötzlich ein Familienmitglied notärztlich versorgt werden muss.“

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