Teil- statt Volldienst

Apotheken auf dem Land: Notdienst für 0 Euro

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Berlin -

Apotheker Sebastian Scholz hat diese Woche Notdienst – jeden Tag. Bis Freitag arbeitet der Mitinhaber der Boize-Apotheke zwei Stunden länger und schließt erst um 21 Uhr. Am Wochenende ist der Betrieb für drei Stunden als notdiensthabende Apotheke in Boizenburg/Elbe in Mecklenburg-Vorpommern eingetragen. „Dafür kriege ich keinen Cent“, sagt Scholz. Auch in anderen ländlichen Regionen gibt es mancherorts keinen 24-stündigen Notdienst mehr, weil zu wenig Apotheken vorhanden sind und dadurch der Druck auf die verbliebenen zu groß geworden ist.

Scholz befürwortet die Grundidee, den Notdienst in ländlichen Regionen zu verkürzen. Die Teildienste seien eigentlich eine super Lösung, sagt er. Denn die Kolleg:innen würden bei den Arbeitszeiten entlastet. Zudem sei die Nachfrage nach Arzneimitteln der Kundschaft auf dem Land in den Nachtzeiten nicht sehr ausgeprägt. Vor einigen Jahren gab es noch Volldienste: „Da hatten wir ein- bis zweimal pro Woche Notdienst“, sagt er. Damals habe es sich noch um einen 24-stündigen Volldienst gehandelt.

Die notdiensthabenden Apotheken lagen Scholz zufolge jedoch bereits zwischen 25 und 30 Kilometer auseinander. Boizenburg/Elbe zählt rund 11.500 Einwohner und liegt am Dreiländereck mit Niedersachsen und Schleswig-Holstein – Schwerin ist rund 70 Kilometer entfernt, nach Lüneburg sind es rund 40 Kilometer und Hamburg liegt rund 60 Kilometer im Nordwesten. „Hier ist die Welt noch in Ordnung“, wirbt das Rathaus für die Stadt an der Elbe.

Drei-Stunden-Dienst am Wochenende

Nach einer Erhebung sei der Volldienst auf einen Spät- und Teildienst umgestellt worden, so Scholz. Für diesen Samstag bedeutet das: Dienst von 17 bis 18 Uhr und für Sonntag von 11 bis 12 sowie von 17 bis 18 Uhr. Die Entscheidung sei einerseits gut: „Ich bin glücklich, dass es nur diese Stunden sind“, sagt er. „Auf der anderen Seite ist es schwierig, da wir keinen Zuschuss erhalten.“ Da er mit seinem Vater zwei Apotheken in Boizenburg/Elbe betreibt, habe er dreimal im Monat Notdienst. „Ich würde einen angestellten Apotheker hinstellen, aber ich sehe ja kein Geld dafür.“

Mehrfach habe er bemängelt, dass die fehlende Honorierung unfair sei. Seiner Meinung nach müsste der NNF die Leistung generell stundenweise abrechnen. Doch in Berlin winkt man ab: NNF-Geschäftsführer Ferdinand Ostrop bestätigt, dass diese Teil- oder Spätdienste nicht bezuschusst werden. „Das fällt nicht in unser Aufgabengebiet. Im Gesetz sind nur Vollnotdienste genannt“, sagt er auf Anfrage.

Das Apothekengesetz (ApoG) regelt, dass Apotheken, die von der zuständigen Behörde zur Dienstbereitschaft im Notdienst durchgehend in der Zeit von spätestens 20 Uhr bis mindestens 6 Uhr des Folgetages bestimmt wurden und den Notdienst vollständig erbracht haben, einen pauschalen Zuschuss erhalten. Zuletzt lag dieser bei 380,86 Euro pro geleistetem Vollnotdienst; er wird quartalsweise berechnet und ausgezahlt.

Scholz kritisiert zudem, dass seine stundenweisen Notdienste an den Wochenenden von den Notdienstsuchen im Internet nur eingeschränkt wiedergegeben würden. „Die Software bildet es nicht vorab ab. Entweder fahren die Kund:innen gleich woanders hin oder rufen vorher an.“ Die Nachfrage halte sich in Grenzen. „Schlange steht hier keiner.“ Aber privat seien die Wochenenden besonders am Sonntag durch die zwei Stunden verplant.

Verschiedene Modelle

Auch in Niedersachsen gibt es solche Spätdienste. Thomas Beck von der Ring-Apotheke in Ganderkesee hat alle acht Tage Nacht- und Notdienst. Fällt der Dienst auf einen Wochentag, steht er bis 20 Uhr in der Offizin, regulär schließt er um 19 Uhr – auch sein Spätdienst wird nicht bezuschusst. Am Wochenende leistet er dagegen einen 24-stündigen Volldienst. „Notdienste sind immer schlimm“, sagt er. Seit fast drei Jahren sucht er einen Approbierten, um die Arbeit verteilen zu können. „Es ist niemand zu bekommen.“ Ob die Stunde Spätdienst unter der Woche nötig ist, findet er fraglich: „Zwischen 19 und 20 Uhr ist nicht viel los, im Schnitt kommt eine Person. In den vergangenen sechs Jahren kam es einmal vor, dass in einer Stunde drei Menschen kamen.“

Auch in anderen Kammergebieten wie in Schleswig-Holstein wurde diskutiert, die Nacht- und Notdienste umzustellen. Denn die sinkenden Apothekenzahlen sind vielerorts ein Problem. Allerdings spricht die fehlende Bezuschussung von Teildiensten gegen das Modell. In Niedersachsen liegen Anträge aus Notdienstkreisen vor, die eine Reduzierung der Zeiten fordern. „Das muss man sich gut überlegen, die Grundidee ist gut, aber ohne Vergütung macht das keinen Sinn“, sagt Scholz.

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