Zalando-Mann leitet Marktplatz

DocMorris startet Apothekenplattform

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Berlin -

DocMorris will zurück in die Fläche und zusammen mit Apotheken eine Plattform aufziehen. Das hatte CEO Olaf Heinrich bereits im August angekündigt. Jetzt wird es konkreter: Ab dem zweiten Quartal soll ein Team in Berlin mit den technischen Vorbereitungen für das Kooperationsmodell beginnen, das voraussichtlich noch in diesem Jahr starten soll. Für den Marktplatz verantwortlich ist Dr. Malte Dous, früher Leiter des Zalando-Partnerprogramms.

Die Strategie von Zur Rose ist, das eigene Versandgeschäft mit dem stationären Handel zu vernetzen: Patienten sollen ihre Medikamente online bestellen und dann festlegen können, in welcher Apotheke vor Ort sie das Präparat noch am selben Tag abholen oder ob sie es sich vom Versender schicken lassen wollen. Das Kooperationsprojekt heißt „DocMorris Marktplatz“ und wird über eine App erreichbar sein. Die Technik wird in Abstimmung mit Experten von Promofarma entwickelt, die bereits in Spanien ein solches Plattform-Modell betreiben. Der DocMorris-Mutterkonzern Zur Rose hatte Promofarma 2018 übernommen.

Die eigentlich spannende Frage ist, wie die Zusammenarbeit zwischen DocMorris und den Apotheken aussehen soll: Entweder bekommen die Apotheken eine Provision für die Abwicklung der Aufträge von DocMorris, oder sie machen selbst das Geschäft und zahlen eine Gebühr an die Versandapotheke. Anders ausgedrückt: Wer verkauft die Ware und wie ist das apothekenrechtlich geklärt? Dazu will DocMorris noch nichts verraten.

DocMorris beschreibt den Service so: „Über eine Marktplatz-App wird es Apotheken, stationär oder online, sowie weiteren Gesundheitsdienstleistern zukünftig ermöglicht, ihr Produktangebot und ihre Services auf einer digitalen Plattform anzubieten, um sich so mit einer großen Basis von Patientinnen und Patienten zu verbinden. Sie profitieren dabei von einer starken Marke – DocMorris ist mit einer Markenbekanntheit von über 62 Prozent Deutschlands bekannteste Apothekenmarke (GfK 2019) und Zugang zu über 6 Millionen aktiven Kunden in Deutschland.“

Dr. Malte Dous war nach dem Studium und der Promotion an der Schweizer Universität St. Gallen mehrere Jahre bei der Boston Consulting Group tätig. Anschließend leitete er als Marktplatz-Chef das Partnerprogramm bei Zalando. Zuletzt trug Dous die kommerzielle Verantwortung für das Deutschlandgeschäft von Wayfair, einem Marktplatz für die Bereiche Home und Living.

„Mit dem Marktplatz schaffen wir die Basis für zukünftiges Wachstum. Die Plattform setzt neue Maßstäbe im Gesundheitsmarkt und schafft klare Mehrwerte für unsere Partner. Dazu braucht es qualifizierte und motivierte Fachkräfte. Berlin eignet sich dafür ideal, denn die Stadt verfügt über eines der dynamischsten Tech-Ökosysteme der Welt“, sagt Dr. Malte Dous, Geschäftsführer DocMorris Marktplatz Deutschland.

Heinrich betont, dass sich das Patientenverhalten mit der Einführung Rezepts sowie dem Ausbau der Telemedizin das Patientenverhalten verändern wird. „Gelernte Vorteile aus anderen Branchen – eine riesige Angebotspalette und Variantenreichtum über eine einzige Plattform – erwarten Verbraucher auch im Gesundheitsbereich. Unabhängig vom Bezugskanal wollen wir daher gemeinsam mit unseren Partnern eine schnelle und reibungslose Versorgung für sie über den DocMorris Markplatz organisieren“, so der DocMorris-CEO.

Die Digitalisierung verändere die europäische Gesundheitsbranche, heißt es von der Versandapotheke. „Neue Technologien bringen alle Teilnehmer des Gesundheitsmarktes enger zusammen und eröffnen neue Märkte sowie Wege der Kooperation. DocMorris will an dieser Entwicklung partizipieren und treibt konsequent die eigene digitale Transformation weiter voran.“ In den kommenden Monaten baue man daher in Berlin „einen offenen und unabhängigen Marktplatz für Gesundheitsdienstleister“ auf.

DocMorris hat schon einmal mit Vor-Ort-Apotheken kooperiert: Ab 2006 gab es ein Franchise-Konzept unter der Marke, das allerdings nie richtig durchgestartet ist. Über rund 150 Teilnehmer kam man nie heraus, das Geschäft war seinerzeit aber auch klar getrennt vom gleichnamigen Versandhändler. Mit dem Verkauf der Versandapotheke und Marke DocMorris von Celesio an Zur Rose wurde das Partnermodell schrittweise abgewickelt. Die letzten Partnerverträge mit DocMorris-Apotheken liefen Ende 2017 aus.

Allerdings hatte DocMorris-CEO Heinrich ebenfalls schon 2017 ein neues „Kooperationsmodell 4.0“ angekündigt. Im vergangenen Jahr sagte er auf die Frage, ob sich in der deutschen Apothekerschaft für eine solche Kooperation überhaupt Partner melden würden: „Die Bereitschaft ist da. Der Branche ist klar, dass sie im Zuge der Digitalisierung und veränderter Kundengewohnheiten vor großen Herausforderungen steht.“ Zu der neuen Annäherung passt, dass mit Max Müller im April eine Reizfigur der Apotheker bei DocMorris von Bord geht.

Laut Zur Rose-CEO Walter Oberhänsli ist der Versandhandel nur eine Zwischenstufe in der „(R)evolution des Apothekenmarktes“. Was ihm vorschwebt, ist der Aufbau des „führenden Ökosystems“ im Gesundheitsmarkt: eine Plattform, die Patienten, Ärzte, Versicherer, Hersteller, Apotheken und andere Anbieter vernetzt. Die Übernahme des spanischen Portals Promofarma bringe nicht nur Technologiekompetenz, sondern auch Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Apothekern. Auf die Frage, ob er trotz starken Widerstands der ABDA damit rechne, Kooperationspartner finden zu können, sagte Oberhänsli in einem Interview mit der Welt am Sonntag: „Ich denke schon. Das wird die Zukunft sein.“

Oberhänsli denkt aber auch an die integrierte Versorgung, er skizzierte im vergangenen Jahr ein Modell aus der Schweiz, wo Chroniker, die ihre Medikamente über Zur Rose beziehen, von niedrigeren Tarifen profitieren. Auch Telepharmazie in strukturschwachen Regionen soll dazu gehören. Der CEO präsentierte Zur Rose in einer „Hall of fame“ mit Google, Amazon, Spotify, Netflix, Airbnb und Uber. „Mit unserer Aufstellung sind wir geradezu berufen, das auch umsetzen zu können.“ Im Prinzip könne er sich alle möglichen Services und Produkte vorstellen – „bis auf Bügeleisen“.

Klares Ziel von Zur Rose sei es, die Plattform massiv zu erweitern und zu einem umfassenden Online-Gesundheitsversorger auszubauen, so Heinrich vor zwei Jahren auf einer Konferenz in London. „Wir werden ein Ökosystem errichten, das in Europa unerreicht ist“, kündigt er an. Heinrichs Vision: Eine Kunde ist krank. Er wendet sich an einen Teledoktor, der ihm ein E-Rezept ausstellt, das der Kunde wiederum bequem an das DocMorris-Netzwerk weiterleitet. Dort könne man aufgrund der Daten, die man ohnehin schon vom Kunden hat, dessen Medikationsmanagement übernehmen und ihn beliefern.

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