Überraschungstüten aus der Apotheke

Too Good To Go: „Es ist kein Gewinngeschäft“

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Berlin -

Too Good To Go ist eine kostenlose Smartphone-App, die es ermöglicht, überschüssige Produkte vor dem Müll zu retten. Das Konzept verbindet Kund:innen mit lokalen Betrieben wie Bäckereien, Restaurants und Supermärkten, die am Ende des Tages einwandfreie Waren übrig haben. Die Marien-Apotheke in Kaufbeuren ist bereits die 50. Apotheke, die am Konzept teilnimmt. „Es ist für uns eine tolle Sache, die unsere eigene Philosophie widerspiegelt“, erklärt Apothekenmanagerin Elke Sonja Simm.

Die Grundeinstellung, Produkte nahe dem Verfall vergünstigt anzubieten, habe das Apothekenteam schon länger. „Nachhaltigkeit und Ressourcen schonen, praktizieren wir im Rahmen unserer Möglichkeiten“, betont Inhaber Heinrich Hallatschek. In der Apotheke gebe es seit längerem bereits einen Extra-Tisch, auf dem Produkte günstiger angeboten werden.

Was darüber nicht vermittelt werden könne, erhalte nun seit Anfang April eine weitere Chance. „Deshalb machen wir bei der Plattform Too good to go mit“, erläutert Hallatschek.

Das dänische Unternehmen startete 2015 – und kam 2016 nach Deutschland. Über eine App vermitteln unter anderem Bäckereien, Supermärkte und Restaurants, aber auch Non-Food-Geschäfte wie Blumenläden oder Apotheken ihre täglichen Lebensmittelüberschüsse an Kunden. „Aktuell retten insgesamt mehr als 26.000 Betriebe mit uns in Deutschland“, erklärt Too Good To Go auf Nachfrage. Genaue Zahlen pro Segment könne das Unternehmen „leider nicht zur Verfügung stellen“.

Zwei Tüten pro Woche – im Schnitt

In der App kann dafür per Postleitzahl oder GPS-Standort nach Partnern im Umkreis gesucht werden. Sobald ein passendes Angebot gefunden ist, werden Reservierung und Bezahlung digital abgeschlossen. Beim klassischen Modell erfolgt die Abholung persönlich im Laden während eines festen Zeitfensters. Zusätzlich bietet die Plattform einen Versandweg an, über den sich noch haltbare Produkte von Großhändlern bestellen lassen.

Einen festen Angebotsturnus – wie bei vielen anderen Anbietern – gebe es in der Apotheke in Kaufbeuren aber nicht. Apothekenmanagerin Simm, die sich um die Abwicklung kümmert, erklärt: „Wir richten uns nach dem, was wir dahaben und sich anbietet. Bisher sind es im Schnitt zwei Tüten pro Woche.“ Die Erfahrungen seien bislang positiv: „Wenn wir eine Tüte einstellen, ist sie sehr schnell weg.“

Überraschungstüte mit Zusatzinfos

Den meisten Abnehmer:innen sei das Konzept bereits bekannt. Viele seien neugierig, was denn ausgerechnet eine Apotheke konkret anbiete. „Bei uns kommen beispielsweise Tees, Traubenzucker, Gummibärchen, Bonbons, Trinknahrung für spezielle Ernährungsbedürfnisse und Nahrungsmittel in die Tüte“, berichtet Simms.

Es handele sich – wie auch bei anderen Anbietern – stets um eine Überraschungstüte. Aber: „Wenn wir einen Schwerpunkt in der Zusammenstellung sehen, schreiben wir das mit in die Anzeige. Bei einer der letzten Tüte gab es beispielsweise den Hinweis, dass die Tüte besonders gut für Menschen mit Kindern passt“, erklärt die Apothekenmanagerin.

Verteilen gegen da Wegwerfen

Für diese Information seien die Abholer:innen durchaus dankbar: „Das bekommen wir immer wieder mitgeteilt. Die Kunden finden es klasse, dass wir ein bisschen Orientierung geben.“ Einmal habe beispielsweise eine Rentnerin im HV gestanden, die eine Tüte für Kinder abholen wollte. „Sie erklärte dann, sie haben den Hinweis gelesen und die Tüte für eine Nachbarin bestellt. Viele Sachen werden an Freunde, Familie und Bekannte verteilt und weitergegeben.“

Was Simm besonders freue: „Die Menschen sind mit der Vielfältigkeit unserer Überraschungstüten zufrieden und sind gut in Bezug auf Haltbarkeiten und das Mindesthaltbarkeitsdatum aufgeklärt.“

Unternehmen sind auf sich gestellt

Die Abwicklung und Einstellung des Angebots liege komplett beim lokalen Anbieter, erklärt die Apothekenmanagerin. „Ausgestattet – zum Beispiel mit Tüten – werden wir überhaupt nicht. Wie wir es machen ist komplett unsere Sache.“ Am Anfang habe es ein wenig Betreuung gegeben. „Unsere Ansprechperson meinte, wir sind die 50. Apotheke, die mitmacht. In Deutschland stehe das Angebot in Apotheken aber noch am Anfang.“

Im Gespräch habe man von Seiten des Anbieters nur wissen wollen, mit wem man es zu tun habe. „Die App wurde uns nicht erklärt.“ Im Nachgang habe es nur noch einen E-Mail-Verkehr bezüglich Unterlagen gegeben. „Es läuft steuerlich alles sauber ab, die sind Profis und wissen genau, was sie brauchen“, betont Simm.

Kein Gewinngeschäft

Eine Illusion möchte die Apothekenmanagerin interessierten Apothekenteams unbedingt nehmen: „Es ist kein Gewinngeschäft – egal ob für die Apotheke oder jemand anders. Wenn jemand – so wie wir – nur wenige Angebote einstellt, dann bleibt nichts übrig.“

Laut Verbraucherzentrale berechnete Too Good To Go im Dezember 2024 eine Provision von 1,15 Euro pro verkaufter Tüte. Zusätzlich wurde eine administrative Jahresgebühr in Höhe von 39 Euro pro Annonce in der App erhoben. Zu aktuellen Beiträgen äußerte sich Too Good To Go auf Anfrage nicht. Laut Simm werden ein Monatsbeitrag und ein Betrag pro Anzeige fällig.

„Der Grundgedanke, mitzumachen, ist nicht das Geld, das muss ich ganz deutlich sagen“, stellt die Apothekenmanagerin klar. „Wir sind gegen Verschwendung und möchten die Sachen einerseits Menschen zukommen lassen, die noch Verwendung dafür haben und andererseits an Personen vermitteln, die sie sich im Normalfall vielleicht gar nicht leisten können.“

Die Ware sei immerhin tadellos gelagert und originalverpackt, betont Simm. „Sowas werfen wir natürlich äußerst ungern weg, wenn es nicht noch einen Abnehmer finden könnte.“ Es gebe durchaus Nutzer:innen, die dies falsch deuten. „Natürlich sind das alles Waren, die wir nicht mehr regulär anbieten würden, aber eben auch keine, die zwei Tage vor dem Verfall stehen.“

Mehraufwand ist gegeben

Für das Apothekenteam gebe es durchaus einen Mehraufwand: Die App muss gepflegt, Waren ausgesucht und Tüten gepackt werden. „Es muss auch alles korrekt verbucht werden im System – die Bestände müssen ja stimmen. In der normalen Finanzbuchhaltung wiederum müssen die Verkaufsbelege auch korrekt verbucht werden“, stellt Simm klar.

Wer eine nachhaltige Einstellung vertrete, könne sich das Konzept in jedem Fall ansehen, findet die Apothekenmanagerin. „Ob das Gesamtkonzept für andere Apotheken auch etwas ist, das muss jedes Team für sich selbst entscheiden.“

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