Kasse retaxiert jetzt jedes Rezept

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Berlin - Kassenchef Ingo Eisenhart braucht Geld. Zwar sitzt er – wie seine Kollegen auch – noch auf einem bequemen Polster. Die Betonung liegt aber auf „noch“. Will der neue Gesundheitsminister doch die Reserven abschmelzen. Unerhört! Weil Eisenhart ein guter Manager ist, sorgt er rechtzeitig vor. Ausgaben runter, Einnahmen rauf, lautet die Devise. In seiner Verzweiflung kommt ihm eine Idee.

Eisenhart hat sein Team zusammengetrommelt. Will Vorschläge hören. Alte und kranke Versicherte dezent rausmobben, sagt einer. Zu heikel. Diagnosen hochstufen, schlägt ein anderer vor. Um Gottes Willen! Werbung einstellen, Homöopathie streichen, Geschäftsstellen schließen. Wie bitte? Seinen Vorschlag, das Vorstandsgehalt einzufrieren, behält der Praktikant da lieber gleich für sich.

Am Ende kommt doch noch ein Vorschlag, der Eisenharts Augen glänzen lässt. Abrechnungsprüfung, sagt verschüchtert einer aus der Fachabteilung. Gemeinhin unter dem Begriff Retaxation bekannt. Der Kassenchef weiß gleich, was er von dem Vorschlag zu halten hat. Billiger, als eine Leistung umsonst zu bekommen, geht es nicht.

Bei den Kliniken, das muss Eisenhart schnell lernen, ist die Sache allerdings nicht so einfach, wie er sich das vorgestellt hat: Denn wenn die Kürzung nicht rechtens war, muss die Kasse nicht nur den vollen Preis zahlen, sondern auch noch eine Aufwandsentschädigung von 300 Euro. Besser sieht es da bei den Apotheken aus: Hier gibt es Null Retax-Risiko für die Kasse. Und noch besser: Abgesehen von DocMorris & Co. sind Apotheken in der Regel inhabergeführte Kleinbetriebe, die lieber Patienten versorgen, als langwierige Prozesse mit teuren Anwälten zu führen. Das wusste Eisenhart nicht. Er traut seinen Ohren nicht.

Nach dem Treffen geht alles sehr schnell: Fortan wird jede Apothekenabrechnung ungeprüft beanstandet. Erst wenn Widerspruch eingelegt wird, wird die Fachabteilung aktiv. Die ersten Erfahrungen sind positiv: Absetzungen kleinerer Beträge scheinen die Apotheken zerknirscht zu akzeptieren. Und wo es um mehr Geld geht, wird es noch Jahre dauern, bis die Sozialgerichte Zeit finden, um sich mit der Sache zu beschäftigen. Einstweilen stimmt bei der Kasse die Bilanz – und das ist es doch, worum es im Gesundheitswesen eigentlich geht.

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