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Pharmaziestudent wird Starfriseur

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Berlin -

Jörg Oppermann gehört zu den bekanntesten Starfriseuren und Stylisten in Deutschland. Wenn VIPs bei Filmpremieren und Foto-Shootings mit toller Mähne glänzen wollen, rufen sie den Wahl-Hamburger. Weniger bekannt ist, dass Oppermann zunächst einen anderen Berufsweg eingeschlagen hat: Nach seinem Abitur begann er ein Studium der Pharmazie mit dem Ziel, Apotheker zu werden.

Moderatorinnen Susann Atwell, Judith Rakers, Caren Miosga, Verona Pooth, Schauspielerin Désirée Nosbusch und Senior-Model Petra van Bremen sind nur einige der bekannten Namen, die auf der langen VIP-Liste von Oppermann stehen. Aber auch Hollywoodstars wie Gerard Butler oder Bo Derek vertrauen ihm ihre prominenten Köpfe an. Ende Februar stylte der 48-Jährige auf der Pariser Fashion Week für die Modefirmen Talbot Runhof und Nobi Talai die Models.

Hätte ihn aber der Zufall vor vielen Jahren nicht zu einem Crashkurs in einem Heidelberger Friseursalon geführt, würde der 1,92 große Wahl-Hamburger mit lässig frisierten, dunklen Haaren und blauen Augen wohl hinter dem HV-Tisch einer deutschen Apotheke stehen. Denn obwohl das Interesse am Friseurhandwerk schon in der Jugend erwachte, entschied sich Oppermann nach dem Abitur zunächst für ein Pharmaziestudium.

„Ich kann gar nicht genau in Worte fassen warum, aber für mich war es essentiell wichtig, Abitur zu machen und zu studieren, am liebsten in einer Großstadt“, erinnert sich der 48-Jährige, dessen Eltern aus dem Handwerk kamen und eine Bäckerei mit mehrere Filialen besaßen. Zudem habe damals alles – angefangen mit einem gelungenen Apothekenpraktikum über den Studienplatz bis hin zum Umzug nach Frankfurt am Main – erstaunlich reibungslos geklappt. „Wenn so etwas im Fluss ist, bin ich der Meinung, dass es so sein soll“, ist Oppermann noch heute überzeugt.

Sein Pharmaziestudium finanzierte er mit Modeljobs. „Unter der Woche saß ich in Vorlesungssälen oder stand im Labor. An den Wochenende tourte ich für Laufsteg-Auftritte durch ganz Europa. Das war leicht verdientes Geld und machte zudem großen Spaß“, erzählt Oppermann. Nach dem sechsten Semester kam allerdings die Wende. Vor einem Mod's Hair-Salon in Heidelberg sah der Pharmaziestudent einen Aufsteller, auf dem mit großen Buchstaben „Change your Job“ stand. Angeboten wurde eine zweimonatige Hospitation. „Der Crashkurs fand in den Semesterferien statt, sodass ich beschloss, da einfach mitzumachen“, erinnert sich Oppermann.

Der Inhaber soll so begeistert gewesen sein, dass er ihn vom Fleck weg engagierte. Neben seinem Pharmaziestudium, das er, wie er zugibt, in dieser Zeit arg vernachlässigte, machte Oppermann eine Friseurlehre. Das junge Talent machte Station bei der Firmenzentrale in Paris, organisierte Modenschauen. Die Diskrepanz zwischen nüchterner Atmosphäre im Labor und den weißen Laborkitteln auf der einen und der schillernder Welt der Mode auf der anderen Seite sei allerdings frappierend gewesen. „Für einen jungen Mann, der ich damals war, war diese Welt sehr verführerisch. Zudem ist Friseursein zumindest für mich nicht nur ein Beruf, sondern auch ein Lebensgefühl“, sagt Oppermann.

Also entschied er sich, sein Pharmaziestudium für eine Berufslaufbahn als Friseur zu schmeißen. „Einige sehr enge Freunde haben mich unterstützt“, berichtet Oppermann. „Mein Vater hat das Ganze sehr pragmatisch gesehen und hat meine Entscheidung akzeptiert. Meine Mutter war zunächst sehr enttäuscht und das obwohl sie auch eine große Friseurleidenschaft hatte.“ Dennoch hätten beide ihn unterstützt, am Anfang seiner Selbstständigkeit auch finanziell. Denn nach seiner Ausbildung bekam Oppermann die Chance, einen eigenen Salon in Hamburg zu eröffnen. „Ich kannte die Stadt durch meine Famulatur in einer Apotheke an der Isestraße, da fiel die Entscheidung leicht", berichtet er. Inzwischen zählt sein Salon zu den Top-Adressen in ganz Deutschland.

Auch die Eltern sind schon bald stolz auf ihren Sohn gewesen. Vor allem ein Tag ist Oppermann in Erinnerung geblieben. Sein Vater habe ihn im Salon besucht und ganze fünf Stunden beim Arbeiten zugeschaut. „Bevor er gegangen ist, sagte er zu mir, dass meine Mutter – die zu dem Zeitpunkt leider bereits verstorben war – extrem stolz auf mich gewesen wäre“, erzählt Oppermann, dem dieser Satz seines Vaters noch immer sehr nahe geht. „Das war einer der größten emotionalen Momente in meinem Leben.“

Negative Reaktionen habe es jedoch auch gegeben. „Es macht manchmal doch einen Unterschied, ob man angibt, Pharmaziestudent oder ein Friseur zu sein“, berichtet Oppermann. „Das spricht nicht für die Menschen, die diesen Unterschied machen. Dennoch ist es leider nicht von der Hand zu weisen, dass der Friseurberuf kein besonders hohes Ansehen in der Öffentlichkeit genießt.“ Dabei sei der Beruf anspruchsvoll, sowohl was das Handwerk angeht als auch physisch. „Wir verdienen die Anerkennung und den Respekt, auch in finanzieller Hinsicht“, fordert er.

Obwohl Oppermann seine Entscheidung für den Friseurberuf und gegen das Pharmaziestudium nie bereut hat, ist er froh, zumindest einige Jahre studiert zu haben: „Das Studium hat mir geholfen, erwachsender zu werden und über den Tellerrand hinaus zuschauen.“ Diese Erfahrung machte sich auch in der Kommunikation mit den Kunden bemerkbar.

Ohnehin gebe es zwischen Apothekern und Friseuren mehr Gemeinsamkeiten als man auf den ersten Blick vermuten würde. „Wir sind für unsere Kunden immer da und kümmern uns um sie. Wenn mich jemand dringend für einen Job braucht, mache ich alles möglich. Da kenne ich keine Uhrzeit. Wenn es notwendig ist, lasse ich Freizeit Freizeit sein“, sagt der Star-Friseur. „Bei Apothekern ist es ja oft nicht anders.“ Vor allem auf dem Land kenne man seinen Dorfapotheker und frage ihn nach seinem Rat, auch wenn die Apotheke gerade zu ist. „Und wenn mir jemand sein Herz ausschüttet, kann er sicher sein, dass es nicht weitererzählt wird“, schmunzelt Oppermann. Schweigepflicht sei oberstes Gebot.

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