Bad Homburg

Engel mit Clan-Connection

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Berlin -

Christoph Burggraf hat erst im März die Engel-Apotheke in Bad Homburg übernommen. Doch in wenigen Monaten wird der 23-Jährige an einen neuen Standort – etwa 150 Meter weiter – ziehen. Nur den Namen der Traditionsapotheke und ein kleines Warenlager kann er mitnehmen und hoffen, dass die Kunden mitkommen. Was sich wie die Geschichte eines jungen Apothekers anhört, der schon am Anfang seiner beruflichen Laufbahn vor großen Herausforderungen steht, könnte sich als Markteintritt eines starken Mitbewerbers entpuppen.

Die Apotheker in Bad Homburg haben jedenfalls durchaus Respekt vor dem neuen Konkurrenten. Denn Burggraf ist zwar jung und unerfahren, kann aber offenbar auf die Unterstützung seines Cousins, des Steinbacher Apothekers Marc Schrott, bauen. Schrott ist der Kopf des Verbunds „Ihre Apotheker“, zu dem nicht nur seine eigenen vier Apotheken gehören, sondern seit Neustem auch die Engel-Apotheke von Burggraf sowie die City-Apotheke in Neu-Isenburg. Letztere hat ursprünglich ebenfalls Schrott gehört, wird aber nun von Jens Süßmann geleitet. Zur Gruppe gehört auch der Großhändler Medicoline Pharma, der unter anderem die Apotheken der Kooperation beliefert.

Der berühmteste Standort von Schrott dürfte aber die Hirsch-Apotheke in Frankfurt am Main sein. Sie kann auf eine lange Tradition zurückblicken: Bis ins 15. Jahrhundert lässt sich ihre Geschichte zurückverfolgen. Seit den 1870-er Jahren war sie im Besitz der Familie Fresenius. 1912 gründete Eduard Fresenius im Hinterhaus der Apotheke das Unternehmen „Dr. Eduard Fresenius chemisch-pharmazeutische Industrie“ und legte damit den Grundstein für den heutigen Gesundheitskonzern.

Schrott, der in Mainz Pharmazie studierte, hat die Apotheke mit der Adresse Zeil 111 im Jahr 2000 übernommen und darf sich damit über eine der besten Einkaufslagen der Stadt freuen. Über eine astronomisch hohe Ladenmiete, wie sie auf Deutschlands umsatzstärkster Einkaufsstraße inzwischen üblich ist, muss sich der Apotheker aber offenbar trotzdem nicht den Kopf zerbrechen.

 

Die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung, mit 26,08 Prozent der Anteile der Hauptaktionärin des börsennotierten Konzerns und Eigentümerin des Hauses, hat laut einem Bericht der Frankfurter Neuen Presse (FNP) ein Interesse am Erhalt des Ladens, in dem schon ihre Namensgeberin als Apothekerin wirkte. Darüber, dass sich mit dem Verkauf von Arzneimitteln kein Vermögen verdienen lasse, sei man sich bewusst, wird die Stiftung zitiert. So falle der Mietzins vergleichsweise günstig aus.

So konnte sich Schrott wohl eine der exponiertesten Lagen in deutschen Großstädten sichern und gleichzeitig ein großes Sterillabor aufbauen. Über der Apotheke richtete er einen Produktionsraum ein. Inzwischen verdient er, wie Schrott der FNP sagte, mit der individuellen Herstellung von Augentropfen, Schmerzinfusionen und anderen Medikamenten mehr als mit dem normalen Apothekengeschäft. Ein weiteres Sterillabor soll vor vier Jahren in Steinbach eröffnet worden sein, wo Schrott seine Hauptapotheke betreibt.

Die Verbindung zu Fresenius besteht bei Schrott auch in der Familie. Bis vor wenigen Jahren war sein Vater, Klaus Schrott, Geschäftsführer von Fresenius Kabi. Heute ist er Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Leben mit Krebs“, deren Hauptförderer die Else-Kröner-Fresenius Stiftung ist.

„Hier ist natürlich keiner glücklich über die neue starke Konkurrenz“, sagt Dörthe Sthapit. „Für alle wird es schwieriger.“ Die Pharmazeutin führt mit ihrem Ehemann zusammen drei Apotheken, darunter die Gartenfeld-Apotheke in Bad Homburg. Bis vor kurzem gehörte ihr auch die Engel-Apotheke. „Es war von Anfang an ein schwieriger Standort“, sagt sie. Zudem habe sich herausgestellt, dass der bauliche Zustand des denkmalgeschützten Hauses, in dem sich die Apotheke befindet, doch sehr viel schlechter ist, als beim Kauf angenommen. Das Haus und die Apotheke drohten sich immer mehr zu einem Fass ohne Boden zu entwickeln.

Die letzte Hoffnung auf eine positive Entwicklung schwand, als die Apothekerin im Mai vergangenen Jahres eine Anzeige las. In der Annonce suchte Schrott mehrere Apotheker, PTA und PKA , unter anderem für eine Apotheken-Neugründung „in zentrale Lage“ in Bad Homburg. „Ich habe während meines Studiums für Herrn Schrott gearbeitet und habe ihn sofort angerufen“, berichtet Sthapit. Es habe sich herausgestellt, dass die neue Apotheke in der Fußgängerzone – nur 150 Meter entfernt von der Engel-Apotheke – eröffnet werden sollte. „Ich war geschockt“, berichtet die Apothekerin. Unter diesen Umständen sah sie keine Zukunft für die Engel-Apotheke.

Nach einem Gespräch habe man sich darauf geeinigt, dass Schrott das Haus, das offiziell Sthapits Ehemann gehörte, abkauft. Die Apothekerin selbst verkaufte die Engel-Apotheke „mit einem kleinen Warenlager“ an Burggraf, der seitdem die Räume bei seinem Cousin mietet. „Herr Schrott war über den Zustand des Hauses vollständig im Bilde“, betont die Apothekerin. Gemeinsam habe man vor dem Verkauf ein bauliches Gutachten anfertigen lassen, das den schlechten Zustand dokumentierte.

Warum Schrott ein marodes Haus kaufte, dessen Instandsetzung viel Geld verschlingen wird, mit einer Apotheke, die kaum wirtschaftlich betrieben werden kann? Das kann sich die Apothekerin nur dadurch erklären, dass er sich – genauso wie sie damals – „in das Gebäude verliebt“ hat. Und dass er ihr helfen wollte. Sthapit ist jedenfalls glücklich, dass sie die Apotheke, wenn auch mit einigen Verlusten, wieder losgeworden ist.

Schrott selbst sagt, dass es für ihn damals nicht feststand, dass die Apotheke geschlossen wird und dass der Monate vorher geplante neue Standort den traditionsreichen Namen übernehmen wird. Ansonsten will er zu seinen Plänen nichts sagen: „Wenn Sie Nico Kovac nach seiner Strategie für das nächste Spiel fragen, dann verrät er sie doch auch nicht. Die Strategie, die hinter meinem Denken und dem Denken meines Cousin steckt, ist nicht für die Öffentlichkeit.“ Er und Burggraf hätten sie aber in „vielen Punkten abgestimmt“.

Der Verbund „Ihre Apotheker“ ist laut Schrott lediglich ein loser Zusammenschluss von unabhängigen Apothekern. „Wir haben einen gemeinsamen Namen und Web-Auftritt“, betonte er. Es gehe nur um den Auftritt in der Öffentlichkeit. Das gemeinsame Logo sehe auf den Tüten der Apotheken „viel ordentlicher“ aus. Alles in allem also „eine unbedeutende Sache“.

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