ApoRetrO – Der satirische Wochenrückblick

DAK schickt Blumen an alle Apotheken

, Uhr
Berlin -

So viel Ärger mit dem neuen Rahmenvertrag. Das hatte man auch bei den Kassen nicht erwartet. Was auf dem Papier plausibel erschien, sorgt im Handverkauf immer wieder für unschöne Debatten und unnötigen Mehraufwand. Jetzt gibt es eine Überraschung: Als kleine Anerkennung schickt die DAK einen Blumenstrauß an alle Apotheken.

Ein kleiner Brief ist dem Sträußlein beigelegt:

Geschätzte Apothekerin, geschätzter Apotheker,
liebe Pharmazeutisch-Technische Assistentin, lieber Pharmazeutisch-Technischer Assistent,

tagtäglich leisten Sie eine großartige Arbeit, um die Versorgung der Patienten mit dringend benötigten Arzneimitteln sicherzustellen. Mit ihrem verlässlichen Einsatz sind Sie nicht nur ein bedeutender Akteur im Gesundheitswesen. Weil die Menschen wissen, dass sie sich auf die Apotheke verlassen können, machen Sie Deutschland auch ein Stückweit lebenswert.

Ihr Engagement reicht dabei oft weit über das hinaus, was Sie bei uns abrechnen können. Es gibt keine Gebührenziffer für ein offenes Ohr oder ein gutes Wort. Oder für den Botendienst nach Feierabend. Und seien wir ehrlich: Für 200 oder 300 Euro würde sich niemand von uns Kassenmitarbeitern eine Nacht im Büro um die Ohren schlagen oder gar wegen Hustensaft herausklingeln lassen.

Ob Tag, ob Nacht: Sie sind für Menschen da, die Hilfe benötigen. Sie schützen die Schwächsten der Schwachen – vor Risiken der Arzneimitteltherapie, aber auch vor Geschacher und Preistreiberei, vor überbordender Bürokratie und Prinzipienreiterei.

Ihre Patienten und Kunden bekommen oft nicht mit, welchen Einsatz Sie erbringen und welches Risiko Sie mitunter tragen. Ob dringender Fall, pharmazeutische Bedenken oder Lieferunfähigkeit – meist erfahren Sie als Apotheker und PTA erst Monate später, ob Ihre Einwände bei unseren Rezeptprüfern auch durchdringen und ob die Leistung, die Sie erbracht haben, auch abgegolten wird. Wenn es kompliziert wird, dann helfen Sie, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Wir wissen, dass wir als Kassen Ihnen Ihre Arbeit nicht immer einfach machen (können). Natürlich könnten wir das niemals offen zugeben. Aber seien Sie versichert, dass uns sehr wohl bewusst ist, dass DocMorris Sie nicht ersetzen kann und wir als Gesellschaft auf die Apotheke vor nicht verzichten können. Als kleine Anerkennung sende ich Ihnen diesen Blumengruß mit der Bitte: Machen Sie Ihre Kunden und Patienten weiterhin gesund und glücklich!

Herzlichst
Ihr Andreas Storm

Klingt schön? Prima. War aber leider nicht Storm, sondern nur Hollstein. Falls der DAK-Chef tatsächlich Sympathie für Apotheken hat: Allzu viel gezeigt hat er davon bislang nicht. Im Zusammenhang mit dem neuen Rahmenvertrag jedenfalls will seine Kasse „Einzelfälle mit Augenmaß prüfen und diese im Zweifel zu Gunsten der Apotheker berücksichtigen, bis die technische Umsetzung überall vollzogen und praktikabel ist“. Mal ganz abgesehen davon, dass demnach ansonsten nicht mit Augenmaß retaxiert wird: Andere Kassen halten sich an die Friedenspflicht.

Und das dürfte auch mehr als angemessen sein. Immerhin gibt es in den Apotheken massive Umsetzungsprobleme. Stichwort Co-Marketing: Die Neuregelung, „Pseudo-Generika“ in den Generikamarkt zu integrieren, ist schlichtweg unpraktikabel und nützt nur den Importeuren. In der Branche halten sich hartnäckig Vorwürfe, die Unterhändler der Apotheker hätten vergessen, sich juristischen Beistand zu holen. Der DAV bemüht sich um Nachbesserungen – bevor die ersten Preislawinen auf die Apotheken zurollen.

Probleme gibt es ohnehin schon genug in den Apotheken. Die Privilegierte Adler Apotheke in Hamburg hat eigentlich ein großes und stets gut gefülltes Lager. Doch die Lieferengpässe machen auch den Inhabern stark zu schaffen. Mittlerweile befinden sich fast 500 Medikamente auf der Defektliste. Als „so schlecht wie noch nie“ schätzt Apothekerin Sabine Gnekow die Situation ein.

Bei Kathrin Rodewald aus dem vorpommerschen Pasewalk ist die Liste zwar nur halb so lang. Doch ihrer Meinung nach leidet die Versorgung der Kunden. „Meine Angestellten entschuldigen sich oft schon vorab für die Wartezeit“, seufzt sie. Statt der üblichen zwei Minuten benötigt sie derzeit zwischen fünf bis zehn Minuten, um einen Kunden in ihrer Kreis-Apotheke zu bedienen.

Aber auch das Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) sorgt für Ärger. Dr. Wolfgang Erdle, Apotheker und Geschäftsführer der Softwarefirma Steribase, kritisiert die erweiterte Kennzeichnung für parenterale Zubereitungen. Er findet aber auch, dass die Apotheker sich zu viel gefallen lassen: „Sie ergeben sich ihrem Schicksal.“ Wenn man ohne Widerstand und auch ohne Entgelt jeglichen Unsinn umsetze, habe man am Ende keine guten Chancen, dies wieder abzuschaffen.

Auch Jens Dobbert, Kammerpräsident in Brandenburg, findet, dass die Apotheker sich nicht unterkriegen lassen sollten. Er fordert die Rückkehr zum Rx-Versandverbot und fordert die Kollegen auf, sich an der Petition des Pharmaziestudenten Benedikt Bühler zu beteiligen. Denn nur zuzusehen, sei keine Option: „Wir müssen alle gemeinsam handeln“, so Dobbert.

Als „letzte politische Chance“ sieht dagegen Lothar Klein das Apothekenstärkungsgesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn. Als Parlamentskorrespondent von APOTHEKE ADHOC mahnt er: Von jeder kommenden Bundesregierung könnten die Apotheker noch weniger Entgegenkommen erwarten. „Dann steht womöglich mehr als die Gleichpreisigkeit auf dem Spiel.“

Dass die SPD ihre rechtlichen Bedenken zurückzustellen will, ist dagegen eher politisches Kalkül: Man will nicht als Spielverderber dastehen, der zum zweiten Mal ein Apothekengesetz verhindert. Ohnehin gehen Lauterbach & Co. davon aus, dass die EU-Kommission das Apothekengesetz gründlich prüfen und schließlich zurückweisen wird.

So lange geht der ganz normale Wahnsinn im Apothekenalltag weiter. In Brandenburg wird über eine Rezeptsammelstelle gestritten, in Berlin fand eine Inhaberin keinen Nachfolger – trotz 1A-Lage. Aus dem Umkreis heißt es, der Betrieb sei zu stark allein auf Rezepte ausgerichtet gewesen. „Nur mit der Belieferung von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen“, sagt einer der benachbarten Apotheker.

Besser läuft es für eine Kollegin aus Ennepetal, die eigentlich nie selbstständig sein wollte und jetzt vier Apotheken in einer Straße führt. Ihr Erfolgsrezept: Als ehemalige Angestellte wisse sie, was sich Mitarbeiter von einem Chef wünschten. Und um das große Geld oder Statussymbole wie Autos gehe es ihr auch nicht. „Ich bin nicht reich, aber mir geht es gut.“

Und auch Karlheinz Ilius blickt positiv in die Zukunft: Er baut für Medikamente-per-Klick eine neue Halle am Standort in Selbitz. „Durch die Zukunftsinvestition wollen wir bewusst ein Signal setzen, dass es nach unserer Einschätzung auch ohne einen Standort in Holland und den damit verbundenen Erleichterungen in Bezug auf Regularien und Haftungsgestaltungen möglich ist, erfolgreich eine Versandapotheke in Deutschland zu führen“, sagt er. Schönes Wochenende!

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