Akustikprobleme im Handverkauf

Plexiglas: Gegensprechanlage für den HV

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Berlin -

Beratung und Kundengespräch sind eindeutig effektiver, wenn man sich dabei hören kann. Neu ist diese Erkenntnis nicht, doch beides findet in den vergangenen Wochen unter erschwerten Bedingungen statt: Plexiglaswände und Mundschutzpflicht erschweren den Arbeitsalltag. Vor allem seit die Apotheken sich wieder füllen, klagen viele Mitarbeiter darüber, dass sie ihre Kunden nur unzureichend verstehen können. Ein Unternehmen aus Baden-Württemberg will nun mit kleinen weißen Boxen Abhilfe schaffen.

Krisen ziehen manchmal auch schöne Nebeneffekte nach sich: In der Coronakrise sind Branchen zusammengerückt, die vorher wenig bis gar nichts miteinander zu tun hatten. Da haben Schnapsbrenner plötzlich angefangen, Apotheken mit Ethanol zu beliefern, und Messebauer in den Offizinen Plexiglaswände aufgebaut. Nun kommen die Akustikspezialisten: WHD ist ein 90-jähriges mittelständisches Familienunternehmen aus Deisslingen in Baden-Württemberg mit rund 50 Mitarbeitern und macht kurz gesagt alles, was mit Akustik zusammenhängt. „WHD ist allgemein sehr breit aufgestellt, wir machen von Medizintechnik bis Ampelanlagen alles, was mit Ton zu tun hat“, erklärt Geschäftsführer Stefan Huber. „Eines unserer exotischsten Produkte ist beispielsweise eine Schwingspule für Beatmungsgeräte.“

Insbesondere so ein breit aufgestelltes Unternehmen trifft die Covid-19-Pandemie natürlich hart. Ein wichtiger Kunde von WHD war die Kreuzfahrtindustrie, die nun komplett weggebrochen ist. „Die Krise ist nicht spurlos an uns vorbeigegangen, aber wir haben sie schnell anerkannt und uns darauf eingestellt. Dadurch ist die Krise erträglicher geworden.“ So hat Huber früh erkannt, wo zusätzlicher Bedarf für seine Produkte entsteht – und darauf aufbauend im Schnellverfahren seine „Voice Bridge“ entwickelt.

Die besteht aus zwei 86 x 111 Milimeter großen und 18 Millimeter flachen, weißen Sprechstellen-Boxen, auf der Innen- und Außenseite der jeweiligen Acrylglasscheibe mit integriertem Spiegel-Klebeband befestigt werden. In den beiden Boxen befindet sich jeweils ein Mikrofon und ein Lautsprecher, damit Kunden und Personal trotz Abstand und Schutzscheibe verständlich und ohne Mühe miteinander kommunizieren können. Für die Inbetriebnahme ist kein Fachelektriker nötig, bewirbt WHD sein Produkt, denn die Voice Bridge müsse nur angebracht, die Boxen mit den mitgelieferten Kabeln verbunden und der Netzstecker in die Steckdose gesteckt werden.

Privatsphäre und Datenschutz seien von der Installation nicht betroffen, da die Boxen autonom und nicht über WLAN oder Bluetooth in bestehende Systeme eingebunden sind. Auch an die Hygiene hat Huber gedacht: Die Sprechstelle auf der Kundenseite wird über Infrarotsensoren aktiviert, sobald sich eine Person dem Kassenbereich nähert. Die einzige Taste befindet sich auf der innen angebrachten Sprechstelle, über die das Personal das Ein- und Ausschalten des Systems sowie das Stummschalten der Mikrofone auf Wunsch übernehmen kann. Rote und grüne LED-Lämpchen zeigen den Aktivierungsstatus des Mikrofons an. Die Sprechstellen-Boxen können mit handelsüblichen Reinigungs- und Flächendesinfektionsmitteln gesäubert werden.

Erst Mitte Mai hatte Huber die Idee und umgehend mit der Produktentwicklung begonnen. „Auf das Problem aufmerksam geworden sind wir durch Seniorenwohnheime“, erklärt er. „Da waren die Einschränkungen ja am Anfang radikal. Es wurden Besuchsboxen für die Bewohner gebaut, da haben die Leute sich zwar gesehen, aber nicht mehr gehört.“ Den größten Absatzmarkt erwartete WHD allerdings in Standorten mit hoher Kundenfrequenz und lauten Hintergrundgeräuschen wie Ladengeschäfte, Supermärkte und Tankstellen, Empfangstresen von Hotels und Restaurants, Informationsschalter in Flughäfen und Bahnhöfen sowie Fahrerkabinen von Bussen und Taxen.

Als er sein Produkt kürzlich in den Vorverkauf brachte, wunderte sich Huber allerdings. „Man kann die Voice Bridge auch auf unserer Homepage bestellen“, erklärt er. „Und ich war sehr überrascht, als ich gesehen habe, was für ein Feedback wir da aus dem Apothekenbereich erhalten. Acht von zehn Online-Bestellungen sind bisher aus Apotheken gekommen!“ Am Donnerstag startet die Auslieferung der ersten Geräte, online und offline zusammengenommen rund 1000 Stück zu einem Preis von je 199 Euro. Dass derzeit gerade in den Apotheken eine hohe Nachfrage herrscht, kann er sich im Nachhinein gut erklären, sagt Huber. „Apotheken wissen, wie wichtig es ist, die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten, müssen aber trotzdem unbedingt verständlich ihre Kunden beraten. Wenn der Apotheker zwei Pillen am Tag sagt und der Kunde versteht drei, dann ist das nun mal schlecht.“

 

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