Vorbereitung auf steigende Infektionszahlen

Arbeiten im Hotspot: Apotheken verschärfen Schutzmaßnahmen

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Berlin -

Corona kehrt zurück, das merken auch die Apotheken. Die steigenden Infektionszahlen führen vielerorts zu neuen Einschränkungen. Viele Großstädte haben mittlerweile die wichtige Warnstufe von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen geknackt und wurden so zum Hotspot. Die Apotheken in den Risikogebieten bereiten sich entsprechend vor und ziehen die Schutzmaßnahmen wieder an.

In der Apotheke am Neumarkt in der Innenstadt von Köln wurden die Maßnahmen verschärft: Alle Mitarbeiter – sowohl am HV-Tisch wie auch im Backoffice – müssen nun FFP2-Masken tragen. „Wir haben über 30 Mitarbeiter und jeder stellt ein Infektionsrisiko dar“, erklärt Dr. Axel Vogelreuter. „Da kann man nicht so tun, als wäre alles normal.“ Auch Schichtarbeit hat der Apotheker erneut in Erwägung gezogen. „Dazu ist momentan jedoch zu viel Betrieb“, erläutert er. Obwohl die Kölner Innenstadt weniger frequentiert sei als sonst, sei dies derzeit nicht möglich.

Eine besondere Bevorratung habe er bislang nicht angestoßen, da die Apotheke grundsätzlich gut aufgestellt sei. Allerdings arbeitet der Apotheker an einer Lösung für die Akustik-Problematik hinter Plexiglas. „Wir haben in der Apotheke eine durchgehende, massive Plexiglasscheibe. Wenn viel Betrieb ist, versteht man die Kundschaft kaum noch.“ Das sei ein Problem: Schließlich stelle die Kommunikation eine Kernkompetenz der Apotheke vor Ort dar. „Ansonsten könnten die Menschen auch zur Versandapotheke gehen“, meint Vogelreuter. Eine Lösung soll in den kommenden Wochen folgen und eingebaut werden. Bisherige Gegensprechanlagen hätten nicht den gewünschten Effekt erzielt und seien schlichtweg zu leise.

Auch im niedersächsischen Cloppenburg wurde der Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschritten. In der Apotheke von Johannes Meis hat sich im Arbeitsalltag dadurch jedoch nur wenig geändert. „Wir arbeiten mit den gleichen Vorkehrungen wie im März. Auch wenn die Infektionszahlen in den Sommermonaten gering waren, so war Corona ja nie weg. Wir arbeiten also auf konstant hohem Sicherheitsniveau.“ Seine Angestellten arbeiten hinter Plexiglas mit Mundschutz. Am Regal wird auch hier mit FFP2-Maske beraten. Beim Verräumen der Ware wird der Atemschutz ebenfalls getragen. Die Laufwege wurden nochmal eindeutiger markiert, sodass die Kunden sich in der Offizin nicht in die Quere kommen.

„Mit Blick auf den Winter habe ich mir noch ein Filtergerät zugelegt. Noch kann ich über die Deckenöffnungen lüften, doch in den kommenden Monaten wird dies mitunter nicht möglich sein.“ Das Gerät nutzt Plasmafilter, diese Technologie könne Aerosole in der Luft zuverlässig reduzieren. Darüber hinaus sei das Gerät wartungsarm, berichtet Meis. Sein Team aufteilen möchte der Apotheker nicht erneut: „In der ersten Hochphase haben wir auch in zwei Gruppen gearbeitet. Als dann klar wurde, dass Apotheken systemrelevant sind, haben wir diese Regelung schnell wieder aufgehoben“, berichtet Meis. Anfang April hatten die Kammern und das Robert-Koch-Institut (RKI) klargestellt, dass eine komplette Apothekenschließung im Falle einer Corona-Infektion innerhalb der Belegschaft nicht zwingend nötig sei. Somit entschied Meis gemeinsam mit seinen Mitarbeitern, wieder in einem Team arbeiten zu gehen.

Erste Anzeichen, dass die Situation sich wieder verschärft, sieht auch das Team der Hirsch-Apotheke in Frankfurt am Main. Sie liegt an der Zeil, einer der bekanntesten Flaniermeilen des Landes. Seit Freitag herrscht dort – wie in zwölf weiteren Einkaufsstraßen auch – eine Maskenpflicht. Falls doch Kunden ohne Maske kommen, erhalten sie welche am Eingang zur Apotheke.

Doch nicht nur auf den Gesichtern der vorbeigehenden Passanten erkennt das Team der Hirsch-Apotheke die Verschärfung der Lage, auch am Einkaufsverhalten der Kunden: „Wir spüren vermehrt, dass die Kunden anfangen, sich wieder mit Masken und Desinfektionsmitteln einzudecken“, sagt eine PTA. „Nach dem Ansturm im Frühling hatte das stark nachgelassen. Aber jetzt haben die Menschen wohl gemerkt, dass es doch länger dauert, und kaufen statt einzelnen Masken oder Zehnerpackungen immer häufiger auch 50er-Boxen.“ Auch bei Desinfektionsmitteln zeigt die Absatzkurve wieder nach oben. „Davon haben wir anfangs sehr viel verkauft, auch das hat aber mit der Zeit nachgelassen.“ Die Hirsch-Apotheke hatte wie andere Apotheken auch selbst hergestellt und produziert derzeit nach Bedarf – nur wie hoch der sein wird, weiß das Team noch nicht. „Es ist schwer abzuschätzen, wie viel benötigt werden wird. Aber wir stehen in den Startlöchern.“

Ebenfalls zurückkehren könnte der Schichtbetrieb, mit dem sich das Team bereits gut auskennt: Über vier Monate, von Mitte März bis Juli, arbeitete die Hirsch-Apotheke in Schichten. Glücklicherweise ist alles gut gegangen, das Team hatte bisher keinen Covid-19-Fall zu beklagen. Die Schicht-Pläne liegen nun in der Schublade und sind bereit, wieder herausgeholt zu werden, sollte man sie brauchen. „Unsere Dienstplanmacher sind da sehr fit, zur Not können wir in kürzester Zeit wieder umstellen“, sagt die PTA. Mit Zuständen wie im Frühjahr rechnet sie nicht noch einmal, aber wenn es denn so kommen sollte, werde die Apotheke das stemmen können. „Ich denke, ein großer Ansturm wird nicht nochmal kommen. Aber falls er kommt, sind wir gut vorbereitet.“

So ähnlich sieht es auch Meral Durak, doch sie schaut mit Bange auf die kommenden Monate. Ihre Apotheke Impuls liegt auf der Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln – und sieht vor Ort, warum ihr Kiez zum Risikogebiet erklärt wurde. „Wir merken tatsächlich, dass es mehr wird, und vor allem, dass der Kreis um uns immer enger wird. Bei uns im Haus ist bereits ein Arzt erkrankt und auch im Bekanntenkreis höre ich immer häufiger von Fällen unter Kollegen.“ Das spiegelt sich auf der Karl-Marx-Straße genauso im Kundenverhalten wie auf der Zeil. Auch Durak berichtet davon, dass in letzter Zeit immer mehr Kunden größere Packungen Masken kaufen.

Das Team überlege bereits, wie mit einer möglichen erneuten Verschärfung der Situation umzugehen sein wird: Zu Beginn der Pandemie setzte die Apotheke Impuls darauf, Kunden nur einzeln in die Apotheke zu lassen. „Wir überlegen schon, ob wir das bald wieder machen.“ Und auch die Wiedereinführung des Schichtbetriebs ist bereits ein realistisches Szenario – für Durak aber kein wünschenswertes. „Der Schichtbetrieb war sehr schwer wegen der Mitarbeiterzahl. Da hat man die Hälfte des Personals, aber wegen des Ansturms viel mehr Arbeit. Wir standen im Frühjahr oft bis um zehn oder um elf in der Apotheke, weil wir noch nacharbeiten mussten.“ Sie hoffe nun, dass sich die Situation über die Herbstferien, die diese Woche in Berlin begonnen haben, ein wenig entspannt, wenn die Kinder nicht mehr in die Schule müssen. Danach könnte aber gleich das nächste Problem warten, denn in Berlin wird erwogen, die Kinder im Schichtsystem in die Schulen zu schicken. „Wir müssen auch erst einmal einen Weg finden, wie wir damit umgehen können, wenn jede zweite Woche das Kind zuhause bleibt oder immer mindestens ein Kind zuhause bleibt.“

 

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