Zur Rose-Chef schwärmt vom E-Rezept

Oberhänsli: Kurzfristig 10 Prozent vom Rx-Markt

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Berlin -

DocMorris will stationären Apotheken nach der Einführung elektronischer Rezepte noch mehr Geschäft abjagen. Der Anteil des Online-Handels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten könne mit E-Rezepten von heute 1,3 Prozent innerhalb kurzer Zeit auf 10 Prozent steigen, sagte der Chef der Schweizer DocMorris-Mutter Zur Rose, Walter Oberhänsli: „Dann ist die Versandapotheke nur noch einen Klick entfernt.“ Bislang müssen Kunden die Papierrezepte per Post einschicken und deshalb einige Tage auf ihre Medikamente warten.

Oberhänsli rechnet damit, dass das notwendige Gesetz noch vor der Sommerpause verabschiedet wird. Im Idealfall könnten nach seinen Vorstellungen dann nach einem Jahr alle Ärzte Rezepte elektronisch ausstellen und alle Apotheken diese Rezepte auslesen. „Wir werden uns dafür einsetzen, dass das E-Rezept schnell und flächendeckend umgesetzt wird, weil dann die Chance wächst, dass der Kunde bei uns kauft statt in einer stationären Apotheke“, so Oberhänsli.

Aktuell können ausländische Versandapotheken Kunden noch mit Rabatten auf die Zuzahlung locken. Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in seinem Entwurf für ein Apothekenstärkungsgesetz Rx-Boni verbieten will, ärgert Oberhänsli. „Wenn Apotheker darauf bestehen, dass alle gleich lange Spieße haben, könnte man ja allen solche Boni gestatten, statt sie zu verbieten“, meinte er. Er rechnet auch ohne Preisvorteil damit, dass Kunden den Komfort einer Online-Bestellung schätzen.

In der Schweiz und in Schweden, wo es elektronische Rezepte gibt, liege der Anteil des Online-Handels bei zehn Prozent. „Es spricht nichts dagegen, dass es in Deutschland auch in die Richtung geht“, sagte Oberhänsli. In Schweden sei der Anteil in vier Jahren erreicht worden. Zur Rose hat eine Technologie für E-Rezepte entwickelt, die gerade mit der Techniker-Krankenkasse ausprobiert wird. Ob sich dieser Standard durchsetze oder ein anderer, sei aber egal. „Ich möchte ja gar nicht auf meinem Grabstein stehen haben: Er hat Deutschland mit dem elektronischen Rezept beglückt“, sagt Oberhänsli.

Der Schweizer hält an seiner Idee von Medikamentenautomaten trotz einer vorläufigen Niederlage vor Gericht fest. Die Automaten werfen Arznei aus, nachdem der Kunde über einen Bildschirm einen Apotheker konsultiert hat. Das Verwaltungsgericht Karlsruhe hatte Anfang April das Verbot eines solchen DocMorris-Automaten in Hüffenhardt in Baden-Württemberg bestätigt. Oberhänsli erwägt Berufung. „Ich bin mir sicher, dass die Automaten kommen werden. Ich weiß nur nicht, wann. Sie erfüllen einen Bedarf in strukturschwachen Gegenden.“

Nach der jüngsten Übernahme von Medpex Anfang des Jahres sind nach Oberhänslis Angaben keine weitere Zukäufe geplant. „Wir wollen unseren Marktanteil im Versandgeschäft von über 30 Prozent verteidigen.“ Dazu gehören auch Pflegemittel ohne Rezept. „Bei verschreibungspflichtigen Medikamenten sind es schon rund 40 Prozent. Da wird die Luft schon dünn, das noch auszubauen.“

Oberhänsli will auch die Apotheker mit einem neuen Projekt ins Boot holen. Er will den Gesundheitsmarkt mit einer Plattform nach dem Vorbild von Amazon aufrollen. „Wir haben in Spanien die Firma Promofarma gekauft, die einen Marktplatz ähnlich wie Amazon betreibt, und sie arbeitet schon mit 700 Apothekern zusammen. Das ist ein Modell, das uns auch für Deutschland vorschwebt.“ In Spanien stünden die Apotheker Schlange, um mitzumachen, sie hätten jährliche Umsatzzuwächse von 20 Prozent.

Kunden könnten auf der Plattform nach Pflegemitteln suchen. Ein Algorithmus zeige ihnen, bei welcher Apotheke sie zu welchem Preis kaufen können. Die Auslieferung übernimmt die Plattform. Zur Rose verdiene an jedem Kauf mit. In Deutschland könne das Projekt 2020 starten, sagte Oberhänsli.

Oberhänsli hatte schon Ende März über die bevorstehende Einführung des E-Rezepts gejubelt: „Das ist eine Chance für unser Unternehmen, wie man sie nur einmal im Leben bekommt.“ Der Zur Rose-CEO rechnet vor: Derzeit liegt der Marktanteil der Versender im Rx-Bereich bei 1,3 Prozent, davon entfallen 38 Prozent auf Zur Rose, was einem Umsatz von 250 Millionen Euro entspricht. Würde der Versandanteil auf 5 Prozent steigen, könnten sich unter Annahme der bisherigen Quote die Umsätze auf eine Milliarde Euro steigern – und zwar schon kurz- bis mittelfristig. Oberhänsli hält sogar einen Marktanteil von 10 Prozent für durchaus realistisch, was dann 1,9 Milliarden Euro an zusätzlichen Erlösen in die Kasse spülen würde.

Seit Jahren warten die Versandapotheken sehnsüchtig auf das E-Rezept. „Höchste Zeit für eHealth!“, gab Oberhänsli schon 2014 als Devise aus. Passiert ist lange nichts. Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nun zeitnah Fakten schaffen will, löst bei Zur Rose regelrechte Begeisterung aus. Bis Mitte des Jahres wolle Spahn seinen Entwurf durchbringen, sodass das E-Rezept bereits Anfang 2020 eingeführt werden könnte, erklärt Oberhänsli. „Das ist eine Chance für uns, auf die lange gewartet haben.“

Oberhänsli rechnet vor: Derzeit liegt der Marktanteil der Versender im Rx-Bereich bei 1,3 Prozent, davon entfallen 38 Prozent auf Zur Rose, was einem Umsatz von 250 Millionen Euro entspricht. Würde der Versandanteil auf 5 Prozent steigen, könnten sich unter Annahme der bisherigen Quote die Umsätze auf eine Milliarde Euro steigern – und zwar schon kurz- bis mittelfristig. Oberhänsli hält sogar einen Marktanteil von 10 Prozent für durchaus realistisch, was dann 1,9 Milliarden Euro an zusätzlichen Erlösen in die Kasse spülen würde.

Bei Zur Rose rechnet man sich gute Chancen aus, von Anfang an mitspielen und profitieren zu können. 2019 werde das Jahr der Versuche und Pilotprojekte, so Oberhänsli. Er lässt keinen Zweifel daran, dass Zur Rose sich bereits einbringen will, bevor Spahns Gesetz sieben Monate nach Verkündung tatsächlich in Kraft tritt. Er verweist auf die beim Modellprojekt der TK eingesetzte Technologie, die von Zur Rose mitentwickelt und bereitgestellt wurde.

Doch auch mit anderen Kassen wolle man Pilotprojekte vorantreiben, so Oberhänsli. Dasselbe gelte für Ärzte; hier sei man in Verhandlungen für entsprechende Modelle. Details verraten will er noch nicht, weil es noch keine Unterschriften gibt. Vermutlich könnte es aber nach Unterzeichnung der Verträge sehr schnell an die Umsetzung gehen: Mit dem Schmerzzentrum Berlin hatte Zur Rose bereits vor Jahren einen entsprechenden Versuch gestartet; mit dem Deutschen Hausärzteverband hatte sich Zur Rose später – erfolglos – mit dem Projekt „eRx“ um Fördergelder aus dem Innovationsfonds beworben.

Dritte Säule in der Strategie von Zur Rose, um das E-Rezept bekannt zu machen, ist die Ansprache der Verbraucher: Dank der verschiedenen Übernahmen konnte die Zahl der Kunden 2018 auf 5,6 Millionen nahezu verdoppelt werden – unterstellt man, dass jeder fünfte von ihnen Chroniker ist, kommen laut Oberhänsli eine Million Kunden auch für den Rx-Bereich infrage.

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