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Oberhänsli: „Das Richtige findet immer seinen Weg“

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Berlin -

Seit knapp 27 Jahren steht Walter Oberhänsli an der Spitze von Zur Rose, seitdem legt er sich kontinuierlich mit den Apothekern an. Was ihn antreibt und wie für ihn der Apothekenmarkt der Zukunft aussieht, erklärte er jetzt im Podcast von „Visionäre der Gesundheit“.

In der Apothekenbranche gebe es einen „sehr ausgedehnten Protektionismus“, so Oberhänsli. Mitunter werde mit harten Bandagen gekämpft, um den Status quo zu verteidigen. Immer wieder habe es Momente gegeben, in denen er sich habe fragen müssen: „Meine Güte, warum jetzt das?“ Aber mit der Zeit habe er gelernt, sich ein dickes Fell zuzulegen und hartnäckig zu bleiben. Und oft genug habe ihm die Entwicklung auch Recht gegeben. Denn laut Oberhänsli lässt sich Fortschritt nicht aufhalten: „So wie das Wasser stets den Berg hinab fließt, findet auch das Richtige immer seinen Weg.“

Was ihn antreibt? „Mich für eine Idee einzusetzen, die Sinn stiftet, weil sie einen Nutzen bringt.“ In der Apothekenbranche gebe es teilweise „keine vernünftigen Zustände“, weil der Kunde oft genug nicht im Mittelpunkt stehe. Er wolle die Dinge zum Besseren verändern – um Veränderung per se gehe es genauso wenig wie um den reinen Profit. „Aber natürlich braucht es ein Geschäftsmodell.“

Freilich, in den Anfangstagen von Zur Rose ging es nicht darum, einen europaweiten Anbieter einer Gesundheitsplattform aufzubauen; das sei Anfang der 90er-Jahre nicht abzusehen gewesen. Aber in dem Maße, wie er erkenne, dass sich die Arbeit lohne, seien auch Energie und Kraft gewachsen: „Die Lust am Jagen kommt mit dem Jagen.“

Dass nun das E-Rezept in Deutschland komme, sei „großartig. „Wir haben ihm jahrelang entgegengefiebert und darauf hingearbeitet.“ Es sei richtig gewesen, in die Technologie zu investieren, denn diese verschaffe Zur Rose nun einen Vorsprung. Das E-Rezept sei eine „Conditio sine qua non“ für die Digitalisierung in der Arzneimittelversorgung.

Laut Oberhänsli geht es darum, die gesamte Branche auf den Kopf zu stellen. „Die Erfindungen der Pharmaindustrie mögen noch so unglaublich sein – am Ende stoßen sie auf ein Distributionsnetz, das seit Jahrhunderten tradiert ist.“ Der CEO ist optimistisch, dass die Digitalisierung nun Fahrt aufnimmt und Deutschland als bisheriges Schlusslicht auf die Überholspur kommen könnte. „Wir sollten alle auf eine zügige Umsetzung hinwirken, denn so eine Chance gibt es nur einmal im Leben.“

Dass Ärzte künftig nicht nur Medikamente, sondern auch Apps verordnen können sollen, sei in Europa einmalig. „Das versetzt uns in die Lage, den Therapieprozess über die Abgabe in der Apotheke hinaus zu begleiten. Es geht um die Wirksamkeit von Medikamenten und nicht nur um den Verkauf.“

Auch sein Unternehmen sei gefordert, sich auf große Transformationen einzustellen, so Oberhänsli im Podcast von „Visionäre der Gesundheit“. „Wenn man die Chance hat, den Medikationsprozess fundamental zu verbessern, kann man von Disruption sprechen.“ Am Ende läuft aus seiner Sicht alles auf eine Plattform hinaus, die Experten aus allen möglichen Bereichen vereint – auch die Apotheken vor Ort. „Die Breite des Waren- und Dienstleistungssortiments macht für den Einzelnen keinen Sinn.“ In Spanien habe man bereits 700 Apotheken für Promofarma gewinnen können; auch in Deutschland glaubt er, die Apotheken vom Wettbewerber oder Gegner zum Partner machen zu können.

Die Angst der Apotheker, dass „fremde Mächte“ den Markt übernehmen könnten, kann er verstehen – abgesehn davon, dass er DocMorris gar nicht als fremde Macht sieht, da man ja nur wegen des Fremdbesitzverbots in den Niederlanden sei.

Er hält es vielmehr für riskant, Konzernen wie Amazon, Google oder Alibaba durch Nichtstun den roten Teppich auszurollen. „Wir haben ein Defizit in der Digitalisierung zu beklagen, und wir werden die Chance nutzen, das Vakuum zu füllen, bevor es ein anderer tut. Ob es uns gelingt, Apotheker um uns herum zu vereinen, werden wir sehen. Wir wollen unser Möglichstes dafür tun. Jetzt ist die Chance für einen Schulterschluss.“

Allerdings machte er bei „Visionäre der Gesundheit“ auch keinen Hehl daraus, dass es aus seiner Sicht zu einer Marktbereinigung kommen wird. Denn wahr sei auch, dass es keine 20.000 Apotheken brauche, um Deutschland mit Arzneimitteln zu versorgen. Dies habe das Gutachten des Bundeswirtschaftsministeriums gezeigt. Auch Automaten werden seiner Meinung nach irgendwann dazu gehören. „Das wird kommen – auch wenn es dazu noch regulatorische und prozessuale Veränderungen braucht.“

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