Verunreinigung

Valsartan: Rückrufe und offene Fragen

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Berlin -

Seit mehr als einem Monat will im Fall Valsartan keine Ruhe einkehren. Die Politik ist gefragt und alle warten auf Antworten. Nun wurden Zahlen zur Belastung des von Zhejiang Tianyu Pharmaceutical produzierten Wirkstoffes bekannt.

In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass nicht nur Valsartan des chinesischen Wirkstoffherstellers Zhejiang Huahai Pharmaceutical mit dem potentiell krebserregendem N-Nitrosodimethylamin (NDMA) verunreinigt ist. Laut US-Zulassungsbehörde FDA ist auch die aktive Substanz von Hetero Labs aus Indien belastet. Kurz darauf meldete die Europäische Arzneimittelagentur (EMA), dass auch Valsartan vom chinesischen Wirkstoffproduzenten Zhejiang Tianyu Pharmaceutical nicht sauber ist.

So kam es zum Rückruf von Valsartan/HCT Aurobindo 320/25 mg in der Charge VZM18001-23B zu 56 Tabletten. Dass nur eine solch geringe Menge betroffen ist, deutet darauf hin, dass der Hersteller nur sporadisch und zum Ausgleich von Produktionsschwankungen seinen Wirkstoff in China einkauft. Denn der Mutterkonzern produziert die Substanz normalerweise selbst. In der ersten Runde hatte der Generikahersteller aus München nur Ware zurückrufen müssen, die noch aus der Zeit vor dem Verkauf an die Inder stammte. Betroffen waren Mitte Juli die Vertriebslinien Actavis und Puren.

Der Grad der Verunreinigung sei aktuell weitaus geringer als beim Wirkstoff von Zhejiang Huahai Pharmaceutical, hieß es. Die „Welt“ liefert erste Zahlen zur Höhe der Verunreinigung: Nach vorläufigen Daten der EMA sei in den betreffenden Chargen ein NDMA-Gehalt von 0,03 bis 2,0 ppm nachgewiesen worden, schreibt das Blatt. „Nach Angaben aus Fachkreisen dürften sich demnach in einer Tablette der betroffenen Charge mit 320 µg Valsartan etwa 0,5 µg NDMA befinden“, schreibt die „Welt“. Zum Vergleich: Bei den bisherigen Valsartan-Produkten mit Wirkstoff von Zhejiang Huahai bezifferte die EMA die durchschnittliche Konzentration der Verunreinigung im Wirkstoff auf 60 ppm.

Ausgehend von diesem Wert nahm die EMA ihre Risikobewertung vor. Von 5000 Patienten, die über einen Zeittraum von sieben Jahren täglich mit der höchsten Valsartan-Dosis von 320 mg behandelt werden, könnte es einen zusätzlichen Krebsfall geben, so die Behörde. Dies unter der Annahme, dass das in dem Wirkstoff vorhandene NDMA in der gleichen Menge in das Endprodukt übertragen wurde. Neben dem toxikologischen Risiko, das auch von Arzneimittelkommission (AMK) und FDA bewertet wurde, bleiben weitere Fragen offen.

Einige will die Fraktion Die Linke in einer kleinen Anfrage beantwortet wissen. Die Abgeordneten richten beinahe 30 Fragen an die Bundesregierung. Unter anderem zur der Gefährdung der Patienten, den Grenzwerten und wie lange deren Anwesenheit unentdeckt blieb. Die Bundesregierung soll beantworten, wie viele gesetzlich Krankenversicherte mit Valsartan behandelt werden und wie hoch der Umsatz ist, der mit NDMA-verunreinigten Präparaten erzielt wurde.

Erwartet werden auch Antworten auf Fragen bezüglich Qualitätsnachweise und ob der chinesische Lohnhersteller gegen geltendes Recht verstoßen hat. Die Fraktion will wissen, wie die Hersteller die Qualität der Arzneimittel nachweisen müssen und wie auf eine Umstellung der Herstellungsprozesse – sprich Synthesewege – reagiert wird und wer für ein Erkennen möglicher Verunreinigungen, die während der Synthese anfallen können, verantwortlich ist.

Wie hoch der Anteil der in Deutschland vermarkteten Arzneimittel mit Wirkstoffen aus China und Indien ist, will Die Linke wissen und inwiefern der Preisdruck durch Rabattausschreibungen an einer Verlagerung der Wirkstoffproduktion nach Fernost verantwortlich ist. Abschließend fragt die Fraktion nach dem Standpunkt der Bundesregierung zu einem Screening auf auftretende Krebserkrankungen der Patienten, die mit verunreinigtem Valsartan behandelt wurden.

Beim Jour Fixe „Liefer- und Versorgungsengpässe“ wurde über einen chargenbezogenen Rückruf valsartan-haltiger Arzneimittel gesprochen. Denn es stand bereits fest, dass Valsartan von Zhejiang Huahai mit NDMA verunreinigt ist. Noch am selben Tag – am 4. Juli – wurde öffentlich per Schnellinformationssystem darüber informiert. Informationen, ob und wie viel NDMA im Fertigarzneimittel enthalten und wie groß das gesundheitliche Risiko ist, waren zu dem Zeitpunkt noch nicht bekannt. Dies alles galt es schnellstmöglich zu klären. Die Experten rechneten bereits mit zahlreichen Rückrufen, da alleine bei den nationalen Zulassungen in zwei von drei Fällen der chinesische Lieferant hinterlegt war.

Den Arzneimittelherstellern wurde eine Frist bis Freitag den 6. Juli eingeräumt, um die betroffenen Chargen zu identifizieren. Dies erklärt, warum die Rückrufe der einzelnen Hersteller nach und nach veröffentlicht wurden. Die zuständigen Überwachungsbehörden der Länder wurden gebeten, den Rückruf „engmaschig zu verfolgen, dass zeitnah alle betroffenen Chargen identifiziert und Verzögerungen vermieden werden können“. Ein vorgefertigter Text sollte länderübergreifend für alle betroffenen Rückrufe verwendet werden. „Individuelle Absprachen/Lösungen werden vom JF in diesem konkreten Fall für nicht realisierbar angesehen.“

Das Protokoll des Jour Fixe hält zudem fest: „Betroffen sind, neben den regulär zugelassenen Arzneimitteln, auch sämtliche parallelimportierte Arzneimittel, da bei diesen keine Kenntnisse über die Herkunft des Wirkstoffes beim Parallelimporteur vorliegen.“ Zudem sollten die Fachgesellschaften „möglichst kurzfristig Empfehlungen aussprechen, auf welche alternativen Sartane und alternativen Wirkstoffe/Wirkstoffkombinationen“ umgestellt werden könne. Die Pharmaverbände wurden aufgefordert, sich „aktiv bei ihren Mitgliedsfirmen dafür einsetzen, dass die Identifizierung der betroffenen Chargen, wie auch die daraus folgenden Handlungen mit hoher Priorität erfolgt“.

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