60 °C bei Auslieferung

Studie: Temperaturverdopplung im Lieferfahrzeug

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Berlin -

Noch kein Patient zu Schaden gekommen – mit dieser Behauptung wehren sich die Versender und ihre Paketdienstleister gegen schärfere Temperaturkontrollen. Bei Trans-o-flex lässt man diese Ausrede nicht gelten. Schon 2020 hatte eine Studie des Speziallogistikers gezeigt, dass im Lieferwagen gefährliche Hotspots liegen. Ergebnis: Ohne Temperierung ist kein Transport sicher.

Bereits 2020 hatte Trans-o-flex flächendeckend die Temperatur in nicht-temperierten Auslieferfahrzeugen gemessen: An 17 über Deutschland verteilten Standorten wurden Auslieferfahrzeuge mit Temperaturloggern ausgestattet; dabei wurden jeweils drei Einsatzszenarios getestet: eine Überland-Tour, eine Stadt-Tour und eine Mixtour. Es gab Messungen sowohl im Sommer als auch im Winter.

Die eingesetzten Messgeräte speicherten alle 15 Minuten die Temperatur mit einer Abweichgenauigkeit von 0,5 °C. Insgesamt wurden auf diese Weise in den Testzeiträumen 152.920 Messwerte erhoben. Jeder Temperaturwert wurde mit der Außentemperatur in Beziehung gesetzt, die zeitgleich an einer Messtation des Deutschen Wetterdienstes festgestellt wurde, die dem Fahrzeug am nächsten lag. Um den Auswertungsaufwand zu reduzieren, wurden 40.151 Messwerte einbezogen, die montags bis freitags während der üblichen Lieferzeiten zwischen 8 und 16 Uhr erhoben worden waren.

60 °C im Ladenraum

Laut Analyse folgte die Temperatur im Laderaum der untemperierten Fahrzeuge dem Anstieg der Außentemperaturen im Tagesverlauf ohne nennenswerte zeitliche Verzögerung. Dabei heizte sich der Laderaum nicht langsam und parallel zum Anstieg der Außentemperatur auf, sondern teilweise exponentiell: Schon bei einer Außentemperatur von 16 °C wurden bei 10 Prozent aller Messungen im Laderaum Temperaturen von mehr als 25 °C festgestellt. Es kommt also schon bei normalen Außentemperaturen zu erheblichen Abweichungen, wenn keine aktiv temperierten Fahrzeuge eingesetzt werden.

Bei einer Außentemperatur von 23 °C wurden in den Fahrzeugen Spitzentemperaturen von mehr als 50 °C gemessen, bei einer Außentemperatur von 30 °C sogar von mehr als 60 °C. Die Farbe des Fahrzeugs – weiß oder anthrazitfarben – machten im Schnitt nur 1 oder 2 °C Unterschied aus.

Anders ausgedrückt: Das geringste Risiko für Abweichungen außerhalb des regulären Korridors gibt es bei einer Außentemperatur von 16 °C. Hier liegt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Sendung bei der Auslieferung in einem untemperierten Fahrzeug bei unter 15 oder über 25 °C befördert wird, bei 16 Prozent. Oberhalb und unterhalb dieser Temperatur steigt das Risiko sprunghaft an: Schon ab 23 °C liegt das Risiko für eine Überschreitung bei mehr als 50 Prozent, bei 11 °C ist eine Unterschreitung in mehr als der Hälfte der Fälle zu erwarten.

Diagramm zeigt Temperaturabweichungen im Transport
Im Fahrzeug verändert sich die Temperatur exponentiell.Grafik: Trans-o-flex

Hitzeproblem in Lagerhallen

Weitere Untersuchungen haben übrigens gezeigt, dass auch die Temperatur in den Umschlaghallen ein hohes Risiko für Medikamententransporte darstellt. Wenn nicht aktiv kontrolliert und gegengesteuert wird, steigt sie dort im Tagesverlauf kontinuierlich an. Der Höhepunkt wird dabei nicht mittags, sondern am späten Nachmittag erreicht – genau dann, wenn die Sendungen der Kunden eintreffen. Ist der Aufheizungsprozess einmal in Gang gekommen, kann aufgrund der großen Masse der Gebäude ein Temperaturanstieg, etwa über die Grenze von 25 °C, ohne aktive Klimatisierung nicht kurzfristig verhindert werden.

Verbraucher erwarten Kontrolle

2023 hatte Trans-o-flex auch in einer Blitzumfrage mehr als 1000 Verbraucherinnen und Verbraucher befragt, ob und unter welchen Umständen sie Medikamente online bestellen. 45 Prozent glaubten demnach, dass der Transport von Medikamenten mindestens genauso streng überwacht wird wie der Transport von Lebensmitteln. Nur ein Viertel der Befragten war gegenteiliger Ansicht. 30 Prozent konnten dazu keine Aussage treffen.

Eindeutig war hingegen die Erwartung der Menschen in Bezug auf die Qualität des Transports: 92 Prozent der Befragten gaben an, ihnen sei „der richtige Transport (z. B. Kühlung und Sicherheit) von Medikamenten“ wichtig.

Dabei hatten 11 Prozent schon einmal erlebt, „dass Medikamente direkt nach dem Kauf verändert oder unbrauchbar waren (z. B. Ausflockung oder Trübung von Flüssigkeiten, Verfärbung oder Verflüssigung von Salben, Gelen, Cremes oder Zäpfchen, Verfärbungen oder Risse in Tabletten, Geruchsveränderungen oder aufgeblähte Verpackungen)“. Zwar trat dies laut Umfrage in 57 Prozent der Fälle bei Käufen in einer stationären Apotheke auf – angesichts des geringen Marktanteils der Versender ließ das Ergebnis laut Trans-o-flex aber den Schluss zu: Der Anteil beschädigter Arzneimittel scheint im Versandhandel höher zu sein als in stationären Apotheken.

Wirkverlust oft unsichtbar

Der Hinweis auf eine geringe Anzahl dokumentierter Schadensfälle werde in der Diskussion häufig als Grund gegen eine Regulierung von Arzneimitteltransporten angeführt, sagt Eugen Günther, Geschäftsführer Vertrieb bei Trans-o-flex. Doch dieses Argument greife zu kurz: „Arzneimittelversagen ist häufig unsichtbar. Ein Patient bemerkt keine Temperaturüberschreitung oder -unterschreitung. Ein Arzt dokumentiert in der Regel keinen mutmaßlich transportbedingten Wirkverlust. Ein Therapieversagen erscheint im Alltag als Krankheitsverlauf, Anwendungsfehler oder individuelle Reaktion.“

Er dreht den Spieß sogar um: „Unsichtbarkeit von Fehlern ist im Arzneimittelversand kein Entlastungsargument, sondern Grund für strengere Absicherung. Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, den Fokus künftig stärker als bisher auf präventive Sicherungssysteme und nachvollziehbare Prozesse zu legen.“

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