Kommentar

Medikamente aus dem Backofen

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Berlin -

Jedes Jahr im Sommer geht die Warnung raus: Kinder und Tiere nicht im Auto lassen. Lebensgefahr! Die Versender und ihre Paketdienstleister scheren sich um solche Themen nicht: Hauptsache, die Ware kommt möglichst billig an. Gerade ihr massiver Widerstand gegen die geplante Temperaturkontrolle beweist, dass ihnen Profit wichtiger als Patientenschutz ist.

In Berlin, vor allem aber in Brüssel sind derzeit die Lobbyisten der Versender massiv unterwegs. Schließlich gilt es, eine existenzbedrohende Entwicklung zu verhindern: Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat sich nach Jahren der Untätigkeit zu Verschärfungen bei der Temperaturkontrolle durchgerungen. Auch wenn DocMorris, Shop Apotheke & Co. nicht müde werden zu versichern, dass man längst alle nur erdenklichen Vorkehrungen getroffen habe – der erbitterte Widerstand zeigt umso mehr, dass dringender Handlungsbedarf besteht.

Längst sind es nicht mehr nur die Versender und ihre Verbände, die vor überbordenden Belastungen warnen. Auch ihre Logistikdienstleister wie DHL und Hermes gehen auf die Barrikaden. Und da es hier um Interessen von Großkonzernen geht, öffnen sich die Türen anscheinend noch viel schneller.

Doch ausgerechnet aus der Branche selbst kommt jetzt gefährliches Störfeuer. Seit vielen Jahren setzt Trans-o-flex auf temperaturgeführte Transporte speziell für den Arzneimittelbereich. Ja, auch der Speziallogistiker aus Weinheim würde gerne ins Geschäft mit den Versendern kommen. Aber eben nicht um jeden Preis.

Schon vor sechs Jahren hatte Trans-o-flex die Temperatur in den eigenen Fahrzeugen messen lassen. Fazit: Ohne Kühlung wären die transportierten Medikamente im Winter eingefroren und im Sommer verkocht. 40.000 Messungen stehen gegen die pauschale Behauptung von DHL & Co., man liefere Arzneimittel heute schon „sicher und effizient“.

Kosten vor Sicherheit

Im Grunde räumen die Konzerne unverhohlen ein, dass sie eine Verschärfung der Vorgaben vor allem deswegen ablehnen, weil sie sonst preislich nicht mithalten könnten oder sogar aus dem Markt gedrängt würden. Für sie geht es um ein äußert attraktives Geschäftsfeld: kleine Päckchen, hoher Wert, geringe Retourenquoten. Kein Wunder, dass die Deutsche Post sich von 1999 bis 2005 höchstselbst an der schweizerischen Mediservice (heute Teil von Redcare) beteiligt hatte.

In schöneren Worten, aber nicht weniger verräterisch liest sich die Argumentation von DHL so: „Indem den Logistikunternehmen einzigartige und belastende Verpflichtungen auferlegt werden, riskiert man eine Fragmentierung des Binnenmarktes und eine Manipulation des Wettbewerbs zum Nachteil der Verbraucher, begrenzt das grenzüberschreitende Angebot und schafft Barrieren für E-Apotheken, die von anderen Mitgliedstaaten aus operieren.“ Schreibt ein Konzern, bei dem der Bund nach wie vor größter Anteilseigner ist.

Bei der EU-Kommission läuft man mit solchen Argumenten nach wie vor offene Türen ein: Die Brüsseler Behörde hat die Apothekenreform nach der Intervention der Versenderallianz für weitere drei Monate gestoppt.

Bei DocMorris freut man sich: Die EU-Kommission sehe die Pläne als Verstoß gegen EU-Recht, wusste CEO Walter Hess heute bereits vor Analysten zu berichten. Das sei ein positives Signal. Und überhaupt rede man nur über einen ganz frühen Entwurf, man sehe die Sache als wirklich positiv. Heißt wohl übersetzt: So lange man Brüssel auf seiner Seite hat, kann man weiter Medikamente im Backofen ausliefern.

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