Die geplante Erhöhung des Kassenabschlags trifft die Apotheken hart. Denn viele Betriebe sind bereits am Limit. Steuer- und Apothekenberater zeichnen ein düsteres Bild und prognostizieren Rohertragsverluste im fünfstelligen Bereich. Zwei Apotheken- und Steuerberater zeigen, wie stark die Auswirkungen in Euro sein werden, welche Konsequenzen Inhaberinnen und Inhaber ziehen können und was die Sparpläne von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) für die pharmazeutische Versorgung bedeuten.
Die im Koalitionsvertrag festgeschriebene Erhöhung des Apothekenhonorars bekommt einen miesen Beigeschmack. Denn der Kassenabschlag soll mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz steigen – um 30 Cent auf 2,07 Euro. „Der Kassenabschlag wirkt direkt und vollständig ertragsmindernd, da er je abgegebener GKV-Packung anfällt und nicht kompensiert werden kann“, sagt Robert Fries von der Apothekenberatung Team Paracelsus.
Anhand eines Beispiels aus seiner Beratungspraxis zeigt Fries, wie sich für den betroffenen Inhaber ein jährlicher Rohertragsverlust von 13.855 Euro ergibt. Die Apotheke habe einen Jahresumsatz von rund 2,8 Millionen Euro und gebe rund 46.200 GKV-Packungen ab. Der erhöhte Abschlag reduziere das Betriebsergebnis nahezu 1:1, warnt Fries. „Bei typischen Gewinnmargen von lediglich 3 bis 6 Prozent ist dies ein erheblicher Eingriff in die wirtschaftliche Substanz.“
Ein Problem für die Apotheken sei: „Es gibt keine echte Gegenfinanzierung“, sagt er. Die aktuelle Kompensation des Anstiegs erfolge durch die Reduktion von Unternehmerlohn, aktive Ertragsoptimierung oder Kostensenkung. Langfristig sei dieses Modell nicht tragfähig. Die Stimmung im Markt sei „angespannt bis kritisch und geprägt von Unsicherheit und wachsender Frustration“.
Unter den Mandanten habe sich die Zahl der Sanierungs- und Restrukturierungsfälle in diesem Jahr „deutlich und sprunghaft“ erhöht. „Dies zeigt, dass die wirtschaftliche Belastung inzwischen eine kritische Größenordnung erreicht hat und zunehmend strukturellen Charakter annimmt.“ Ohne eine strukturelle Anpassung der Honorierung – insbesondere im verschreibungspflichtigen Bereich – sei die wirtschaftliche Stabilität vieler Apotheken langfristig nicht mehr darstellbar, sagt Fries.
Der Anstieg des Zwangsrabatts sei ein weiterer massiver Eingriff in die ohnehin knappe Ertragsstruktur der Apotheken. Auswirkungen seien steigende Schließungszahlen, zunehmende Nachfolgeprobleme und ein beschleunigter Strukturwandel. Der Apothekenmarkt werde weiter instabiler. „Gleichzeitig entsteht eine klare Differenzierung: Aktiv gesteuerte Apotheken werden sich behaupten, passive Strukturen geraten zunehmend unter Druck.“
Auch die Steuerberatung RST verweist auf die angespannte Lage. Angesichts des geplanten Anstiegs des Kassenabschlags seien hohe Rohertragsverluste zu erwarten: „Im Durchschnitt reden wir von einer Rohertragskürzung von 12.000 Euro“, sagt Chefanalyst Dr. Christian Knobloch. Die Anhebung treffe die Apotheke zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. „Abseits vom Durchschnitt sehen wir aus unserer täglichen Beratungspraxis eine klare Zweiteilung: Für manche Apotheken ist diese Erhöhung schlicht der Sargnagel – Betriebe, die ohnehin knapp kalkulieren müssen, werden damit in die Schließungsentscheidung gedrängt.“
Bei anderen seien keine „grundlegenden“ Auswirkungen zu befürchten, da sie wirtschaftlich solide aufgestellt seien. „Was viele unserer Mandanten aber besonders wurmt, ist das Gefühl, von der Politik verschaukelt zu werden. Im Koalitionsvertrag war eine Fixum-Erhöhung versprochen. Nun droht ein klassisches Linke-Tasche-rechte-Tasche-Spiel: Sollte die Fixum-Erhöhung über mehrere Jahre gestreckt werden, ist der Netto-Effekt für viele Apotheken im ersten Jahr schlicht null.“
Die Erhöhung des Kassenabschlags treffe auf ein bereits stark belastetes System, so Fries. Die Apotheken litten wegen des Skonto-Urteils weiter unter einem Rohertragsrückgang von etwa 1 bis 3 Prozent. Dazu kämen Tarifsteigerungen und ein damit verbundener deutlicher Anstieg der Personalkosten. Gleichzeitig stiegen die Kosten für Energie, IT oder Dienstleistungen. „In Summe ergibt sich eine strukturelle Erosion der Ertragsbasis.“
Ein zusätzlicher Belastungsfaktor sei die Strukturverschiebung im Packungsmix bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln: Immer mehr hochpreisige Arzneimittel mit Kosten über 100 Euro pro Packung würden verschrieben. Konsequenzen seien eine sinkende relative Vergütung im Verhältnis zum eingesetzten Kapital und eine steigende Kapitalbindung je Packung. „Diese Strukturverschiebung führt dazu, dass Apotheken bei höherem Kapitaleinsatz keine entsprechende Honoraranpassung erhalten. Sie verstärkt damit die wirtschaftliche Schieflage zusätzlich und wirkt als eigenständiger Belastungsfaktor.“
Auch die Zinskosten seien spürbar für Apotheken gestiegen, sagt Fries. „Viele Betriebe sind – insbesondere durch Investitionen in Warenlager, Umbauten, Digitalisierung oder Übernahmen – fremdfinanziert. Die Zinswende wirkt sich daher unmittelbar auf die Liquidität aus.“ Die Finanzierungskosten stiegen deutlich. „In Kombination mit der bereits beschriebenen Entwicklung hin zu hochpreisigen GKV-Packungen führt dies zusätzlich zu einer deutlich steigenden Kapitalbindung im Warenlager.“ In der Praxis gebe es zunehmend Apotheken mit stabilen Umsätzen, aber deutlich verschlechterter Liquiditätssituation.
Für Knobloch gibt es zusätzlich zu den Kostensteigerungen einen weiteren Punkt, der die Apothekenerträge schmälert: „Was häufig übersehen wird: Als letzte Stufe der Lieferkette sind Apotheken besonders von durchgereichten Konditionsverschlechterungen betroffen. Aktuelles Beispiel: Die Dynamisierung des Herstellerabschlags könnte die pharmazeutischen Unternehmen dazu bewegen, verlorene Margen zulasten der Apotheken zurückzuholen.“
Die Entwicklung der vergangenen Jahre mit Blick auf Apothekenschließungen gebe wenig Anlass zum Optimismus. „Wir sehen, dass der Markt immer weniger Fehler verzeiht, sei es eine schlechte Lage oder hohe Kostenstrukturen.“ Es gebe ein „Survival of the fittest im Apothekenmarkt“. Denn der Umsatz einer Apotheke, die schließt, komme in Teilen der benachbarten Apotheke zugute.
Der neue GKV-Abschlag belastet Apotheken massiv. Welche Folgen hat das Spargesetz? Kann ein angepasstes Fixum oder eine neue Verhandlungslösung die Lage noch retten? Darüber sprechen wir einen Tag nach dem Kabinettsbeschluss am Donnerstag, den 30. April, mit Dr. Sebastian Schwintek, Generalbevollmächtigter der Treuhand Hannover, Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK Dachverbandes, und Abda-Präsident Thomas Preis beim APOTHEKE LIVE um 13 Uhr. Jetzt kostenfrei anmelden und im LIVE Ihre Fragen stellen!