Roter Afghane | APOTHEKE ADHOC
ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Roter Afghane

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Berlin -

Karl Lauterbach will SPD-Vorsitzender werden. So sehr, dass er sogar auf eine Zusammenarbeit mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) freiwillig verzichtet. Er will den Krankenkassen verbieten Homöopathie zu erstatten und Kiffern gestatten zu kiffen. Und wir fragen uns: Was hat das alles miteinander zu tun?

Nachdem Jan Böhmermann, und der will auch SPD-Vorsitzender werden, gestützt auf ADHOC-Zahlen, nachdem also dieser Jan Böhmermann seinen großartigen Anti-Globuli-Gospel inszeniert hatte, wusste Polit-Profi Lauterbach sofort, was die Stunde geschlagen hat. Er twitterte: „Im Sinne der Vernunft und der Aufklärung sowie des Patientenschutzes ist es auch in Deutschland falsch, dass Kassen aus Marketinggründen Homöopathie bezahlen.“

Bevor jetzt jemand dem scheidenden SPD-Vize vorwirft, er wäre nur aufgesprungen, sei daran erinnert, dass Lauterbach schon im vergangenen Jahr als Homöopathiekritiker aufgetreten ist. Ja, wer sich als Stimme der Vernunft in Partei und Koalition profilieren will, kleidet sich gern in Evidenz.

Nur humorlos darf man dabei nicht wirken. Hier kann Böhmermann sicherlich für Berufspolitiker nicht der Maßstab sein, man soll auch in der Satire Realist bleiben. Als gebürtiger Rheinländer genetisch bevorzugt muss Lauterbach aber einen Olaf Scholz sicherlich im Land des Lachens nicht fürchten. Dass er über viel Humor verfügt, hat Fliegen-Karl bei Böhmis Kollegin Hazel Brugger unter Beweis gestellt – ganz anders als Jens Spahn an selber Stelle.

Jetzt setzt Lauterbach alles auf eine Karte: Er verzichtet auf seinen Posten als Fraktions-Vize. Böse Zungen behaupten zwar, dass er damit seiner bevorstehenden Nichtwiederwahl zuvorgekommen ist, aber böse Zungen wispern in Wahlkampfzeiten auch immer noch böser. Spahn jedenfalls wird den langjährigen Weggefährten vermissen und schickt rührende Grüße hinterher. Die Apotheker haben ihrerseits werden den SPD-Mann nicht nur vermissen. Ob es mit seiner Nachfolgerin – einer früheren Kassenfunktionärin – leichter wird, ist allerdings fraglich.

Lauterbach will sich jetzt voll auf seine Bewerbung konzentrieren. Er geht sicher nicht als Favorit ins Rennen, aber das hat ihn noch nie vom Erfolg abgehalten. Als er ohne großen Rückhalt in der Partei einen vergleichsweise schlechten Listenplatz bei der Bundestagswahl zugewiesen bekam, holte er aus aussichtsloser Position das Direktmandat. Zweifellos: Lauterbach kann Wahlkampf. Man muss flexibel sein, aktuelle Themen aufgreifen: Kritisch gegen Alternativmedizin, gönnerhaft gegenüber alternativen Drogen: „Ich bin dafür, den Cannabis-Konsum zu entkriminalisieren. Wir sollten ihn zu einer Ordnungswidrigkeit herabstufen.“ Das Spiel gewinnt man Zug um Zug. Dass unlängst ausgerechnet im hessischen Ort Lauterbach eine Marihuana-Plantage hochgenommen wurde, ist einer dieser Scherze des Weltgeistes.

Für die Apotheker geht es vordergründig aber nicht um diese Personalie, sondern um die nachgelagerte Frage, wie es bei und mit der SPD weitergeht. Denn die Koalition steht auf dem Spiel und damit alle laufenden Gesetzgebungsverfahren – inklusive des Apothekenstärkungsgesetzes. Die SPD will das Gesetz erst im Dezember verabschieden, wenn Klarheit herrscht. Vielleicht gibt es dann nichts mehr zu verabschieden. Längst ist auch die geplante Honorarerhöhung im Bundesrat zur Verhandlungsmasse geworden, sogar eine für die Großhändler. Dass die Gesundheitsminister der Länder nicht nur den Botendienst schärfen wollen, sondern plötzlich ein Rx-Versandverbot fordern, gehört zu diesem Spiel. Ab jetzt wird gedealt und die Apotheker können nur hoffen.

Die Versender fragen sich, vielleicht doch ein bisschen nervös geworden, warum jetzt schon wieder über den Versandhandel diskutiert wird. Dabei gab es just in dieser Woche einen recht guten Aufhänger für genau diese Debatte: Illegale Versandapotheken erkennt man normalerweise daran, dass das Dimdi-Siegel ein bisschen verpixelt aussieht und Sildenafil-Generika ohne Rezept und meist auch ohne Sildenafil leicht unter Festpreis angeboten werden. Wer als Verbraucher ganz sicher gehen will, schaut im offiziellen Register des Dimdi nach, ob der Anbieter sauber ist. Nur sind Url dummerweise nicht auf Lebenszeit seriös, sondern können auch von zwielichtigen Gesellen übernommen werden.

So erging es der Nord-Apotheke in Gießen, die schon lange geschlossen ist und auch früher nicht unter Top 50 Versandapotheken der Republik im Netz aktiv war. Aber: Weil die Aufsichtsbehörde vergessen hatte, den Shop aus dem Dimdi-Register streichen zu lassen, verlinkte die offizielle Stelle in einen Abzocker-Shop. Der Fehler ist mittlerweile behoben, etwas erstaunlich ist die Gelassenheit auf Seiten der Behörden. Immerhin: Das Regierungspräsidium hat die Fake-Seite dem Landeskriminalamt gemeldet. Ausgang: gewiss ungewiss.

Bereits geschnappt hat die Polizei einen 78-jährigen Rentner. Der hatte seine Versicherung mit einem gefälschten Apothekenstempel um 75.000 Euro betrogen und wurde zu einer Geldbuße plus Bewährungsstrafe verdonnert. Trauriges Motiv: Seine Rente habe nicht zum Leben ausgereicht, sagte er aus. Nicht in die Armut führen, aber zumindest ärgern wird die Apotheker der BtM-Gebührensprung: Wer etwas ummelden muss, zahlt drauf.

Immerhin hat sich eine Tür für Hinzuverdienste wieder geöffnet: Kosmetikkabinen in Apotheken sind also doch erlaubt. Muss nicht jeder machen, aber wer es anbieten möchte, hat jetzt das Recht dazu.

Und wer gar kein Geld hat, muss es sich eben leihen: Noventi bietet jetzt an, die Rechnung des Großhandels zu zahlen, vorerst exklusiv für Gehe. Eine Umfrage bei aposcope zeigt, wie viele Warenlager tatsächlich schon heute fremdfinanziert sind. Kein Wunder, bei immer mehr Hochpreisern: Wobei: Die Treuhand rechnet vor, warum die eigentlich gar nicht so schlimm sind.

Andere Großhändler sortieren sich derzeit neu: Phoenix hat etwas überraschend die Spitze ausgetauscht und einen ehemaligen Otto-Manager ganz nach oben berufen. Seidel ersetzt Windholz. Gutes Gelingen. Und wir halten es jetzt zusammen mit Lauterbach und chillen ein bisschen. Ob mit Ordnungswidrigkeirt oder ohne, das überlasse ich Ihnen – schönes Wochenende!

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