„Der politische Wille ist da“ | APOTHEKE ADHOC
Interview Fritz Becker (DAV)

„Der politische Wille ist da“

, Uhr
Berlin -

Fritz Becker wurde als Vorsitzender des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg (LAV) wiedergewählt. Im Interview mit APOTHEKE ADHOC spricht er über die Herausforderungen der kommenden Jahre, geplante Honorarverbesserungen und drohende Kürzungen, die Verantwortung der Apotheker vor Ort und die Vorstandswahlen beim Deutschen Apothekerverband (DAV) im Herbst.

ADHOC: Herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl. Was sind Ihre Ziele für die kommenden vier Jahre?
BECKER: Wir müssen die wirtschaftliche Basis der Apotheken sichern – das gilt für Baden-Württemberg genauso wie für den Bund. Zunächst muss die Vergütung für Rezepturen und dokumentationspflichtige Arzneimittel angehoben werden. Das würde den Apotheken jährlich rund 90 Millionen Euro bringen. Außerdem fehlen beim Nacht- und Notdienstfonds sechs bis zehn Millionen Euro im Jahr.

ADHOC: Die Forderungen sind nicht neu. Was stimmt Sie zuversichtlich?
BECKER: Es wird uns immer wieder versprochen – es fehlt lediglich der Gesetzentwurf. Aber im Frühjahr stehen das Ende des Pharmadialogs und einige kleinere Gesetzesvorhaben an. Der politische Wille ist auf jeden Fall da.

ADHOC: Die Regierung erwägt aber offenbar, den prozentualen Anteil des Honorars zu deckeln.
BECKER: Darüber hat man mit uns bislang nicht konkret gesprochen. Ich hielte das auch für vollkommen falsch, weil der 3-prozentige Aufschlag extrem wichtig ist: Die Apotheken tragen das Risiko eines Verlustes und werden mit der Vorfinanzierung belastet. Einige extrem teure Präparate sind so gut wie nicht über den Großhandel zu beziehen und haben im Direktgeschäft sehr kurze Zahlungsziele. Hier müsste man also auch einmal über die Kostenseite reden. Der prozentuale Aufschlag hat daher für mich absolut seine Berechtigung, auch bei Hochpreisern. Eine Senkung oder Deckelung müssten wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern.

ADHOC: Und wie soll es danach weitergehen?
BECKER: Wir brauchen dringend eine Anpassung des Fixums – und zwar nicht in Abhängigkeit vom Willen der Politik. Stattdessen sollte das Honorar jährlich oder mindestens zweijährlich überprüft und entsprechend angepasst werden. Genauso wichtig ist, dass die Berechnungsmethodik überarbeitet wird. Sonst wird die Vergütung auf dem Niveau von 2004 eingefroren.

ADHOC: Ist das Vergütungssystem an sich noch zeitgemäß?
BECKER: Grundsätzlich ist das System nicht schlecht. Aber was die Apotheken brauchen, ist eine Gebühr für Dienstleistungen. Zum Beispiel der Medikationsplan: Der ist mit dem Fixum nicht abgedeckt. Auch wenn wir Aufgaben in der Prävention übernehmen, etwa den Impfstatus bestimmen oder ein Diabetes-Screening durchführen, ist das von der Arzneimittelpreisverordnung nicht gedeckt.

ADHOC: Erst Geld, dann Leistung – ist das vielleicht der Grund, warum die Apotheken bislang gar nicht berücksichtigt werden?
BECKER: Wir müssen das Gespräch mit der Politik und dem GKV-Spitzenverband suchen. Wir brauchen ein faires Verhältnis zu den Krankenkassen. Da herrscht derzeit ein Diktat. Bei den Kassen stehen Einsparungen immer an erster Stelle. Im Schwäbischen ist das etwas Wichtiges, und bis zu einem gewissen Punkt unterstützte ich das auch. Aber der Patient sollte im Mittelpunkt stehen. Und da ist Sparen bis zum letzten Cent nicht immer angebracht.

ADHOC: Was tut sich denn im Kampf gegen Nullretaxationen?
BECKER: Die erste Runde des Schiedsverfahrens hat stattgefunden und jede Seite hat ihre Hausaufgaben bekommen. Im Februar findet der zweite Termin statt.

ADHOC: Und wie stehen die Chancen für die Abschaffung der Importquote?
BECKER: Es ist überholt, die Quote auf Teufel komm raus zu erfüllen, stattdessen sollte das pharmazeutische Know-how greifen. Die Importquote sollte beim Pharma-Dialog thematisiert werden, also warten wir die Ergebnisse ab, die am 12. April vorgestellt werden sollen.

ADHOC: Vor welchen Herausforderungen steht die Berufsvertretung?
BECKER: Es ist wichtig, dass es keine Animositäten zwischen Hauptamt und Ehrenamt gibt, denn beides hat seine Berechtigung. Der Bezug zur Praxis ist für viele Gesprächspartner sehr wichtig. Ich versuche, jede Woche in der Apotheke zu stehen, wenigstens am Samstag. Nur wenn man in der Apotheke arbeitet, weiß man, wie es ist, die Rabattverträge umzusetzen, den Patienten etwas erklären zu müssen oder was bei der Hilfsmittel-Abgabe zu beachten ist.

ADHOC: Immer wieder treiben Sie das Thema Selbstmedikation voran. Warum?
BECKER: Das OTC-Geschäft ist die Königsdisziplin. Die Apotheker müssen sich den Problemen ihrer Kunden stellen und offen kommunizieren: Wenn du Schwierigkeiten mit dem Arzneimittel hast, frag mich! Wir müssen die ersten Ansprechpartner in Sachen OTC sein, nicht die Medien oder irgendwelche Online-Plattformen. Wenn man aber nur eine Packung aus der Sichtwahl greift und nicht berät, dann entsteht der falsche Eindruck.

ADHOC: Warum ist das für Sie als Verbandschef wichtig?
BECKER: Die Apotheken vor Ort sind das Spiegelbild unserer politischen Arbeit. Denn jeder Politiker und jeder Krankenkassenfunktionär braucht mal ein Arzneimittel. Also muss jeder Apotheker seinen Beruf leben. Tut er das nicht, fällt uns das in den Verhandlungen auf die Füße.

ADHOC: Sie haben zuletzt eine bessere Zusammenarbeit der Landesorganisationen gefordert. Woran hakt es?
BECKER: Die Kommunikation untereinander ist ganz wichtig, zum Beispiel wenn ein Vertrag ausgehandelt wird. Wenn ein Apothekerverband Zugeständnisse macht, dann hat das Auswirkungen auf die Verträge in anderen Bundesländern. Die Kassen sind da gut vernetzt. Deshalb ist auch auf Seiten der Apotheker ein schneller Austausch wichtig, etwa über eine elektronische Plattform.

ADHOC: Aber Sie werden das ab 2017 nicht mehr als DAV-Chef koordinieren, oder?
BECKER: Aha? Ich fühle mich noch ganz fit.

ADHOC: Sie wollen im Herbst doch erneut für den Vorstand kandidieren?
BECKER: Ich halte auch meine Mitstreiter für sehr geeignet.

ADHOC: Also weder ein Ja, noch ein Nein?
BECKER: Genau. Warten wir mal ab.

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