Shitstorm wegen Attila Hildmann: Drohungen gegen Apotheke

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Berlin -

Apothekerin Karla Luhan hat es eiskalt erwischt: Wie aus dem Nichts erhielt sie hunderte Hassnachrichten, ihre Mitarbeiterinnen mussten plötzlich martialische Drohanrufe ertragen. Anfangs wusste sie gar nicht, was los ist. Ihr Fehler: Sie hatte Produkte von Attila Hildmann im Sortiment. Dass der sich innerhalb kürzester Zeit vom veganen Kochbuchautor zum rechtsradikalen Verschwörungsideologen entwickelt hat, hatte sie nach eigenen Angaben gar nicht mitbekommen. „Ich hatte die letzten Monate Wichtigeres zu tun“, sagt sie. Nun steht sie plötzlich im Kreuzfeuer. Der Shitstorm war so heftig, dass keine andere Möglichkeit mehr sah, als die Facebookseite ihrer Rathaus-Apotheke im brandenburgischen Senftenberg komplett zu löschen.

Wer Attila Hildmann bisher nicht kannte, dürfte ihn erst gar nicht ernst nehmen. Wer ihn hingegen kannte, bevor er zum rechtsextremen Verschwörungsideologen und Leugner der Covid19-Pandemie wurde, der dürfte schockiert sein: Hildmanns Radikalisierung spielte sich im Zeitraffer ab, innerhalb von Tagen wurde er vom „Zweifler“ zum Leugner der Pandemie und quasi zeitgleich vom Verschwörungstheoretiker zum Rechtsradikalen. Hitler-Verherrlichung, jüdische Weltverschwörung, „Impflüge“, Weltherrschaftspläne von Bill Gates, Merkel als Kommunistin – Hildmann zieht alle Register rechten Verschwörungswahns. Mittlerweile ermitteln Landeskriminalamt und Staatsanwaltschaft Berlin wegen Volksverhetzung gegen ihn, erst vergangenes Wochenende wurde zum zweiten Mal in Folge eine seiner Demonstrationen untersagt, nachdem er darüber schwadroniert hatte, dass er den Grünen-Politiker Volker Beck öffentlich hinrichten lassen würde, wenn er denn „Reichskanzler“ wäre. Der Fall Hildmann ist ein Lehrbuchbeispiel für gefährliche Selbstbestärkungs- und Radikalisierungsdynamiken in sozialen Echokammern.

Mit alldem hat Karla Luhan nichts zu tun. „Ich bin in sozialen Medien nicht so aktiv und habe nicht mal einen Fernseher“, sagt sie. „Ich lese lieber mal ein Buch.“ Der Abstieg Hildmanns sei nicht zuletzt deshalb vollkommen an ihr vorbeigegangen. „Der war für mich nur ein Fernsehkoch, der sich für Tierschutz einsetzt. Als Vegetarierin fand ich das gar nicht mal so schlecht“, sagt sie. Doch dann brach der Shitstorm mit aller Gewalt über sie herein. 541 Nachrichten über Facebook – und das nur am Freitag. Die Kommentarspalten des Profils ihrer Apotheke voll mit Hassbotschaften, Drohanrufe aus dem ganzen Bundesgebiet in der Apotheke. Luhan musste erst einmal selbst rekonstruieren, was da vorgefallen war.

Denn der Anlass der plötzlichen Empörung liegt schon Wochen zurück. Neben Kochbüchern und Restaurants verdient Hildmann seine Brötchen nämlich mit einer eigenen Produktreihe, unter anderem mit Matcha-Tees, Schokopaste, Matcha-Cookies und Bio-Energydrinks der Marke Daisho. Die hatte Luhan in einer lokalen Wochenanzeige beworben. „Die Daishos standen da schon eine Weile rum und ich wollte die loswerden, deshalb habe ich da eine Werbung geschaltet und habe das offenbar genau im falschen Moment getan“, sagt sie. Denn jemand wurde darauf aufmerksam und postete es, gepaart mit schweren Anschuldigungen, auf Facebook. So nahmen die Dinge ihren Lauf.

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