Argumente am HV

Beratungstipps: Die gängigsten Corona-Mythen

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Berlin -

Die Corona-Pandemie zieht wieder an, doch auch das bringt die Stimmen vermeintlicher Kritiker nicht zum Schweigen. Auch jenseits kruder Verschwörungsmythen kursieren derzeit zahlreiche Halbwahrheiten und Falschinformationen, die viele Kunden verunsichern. Apothekenmitarbeiter kriegen das in der Offizin mit: Was kann man also Kunden am HV erwidern, die behaupten, es sei doch alles gar nicht so schlimm oder die Maßnahmen seien gefährlicher als die Pandemie selbst? Am besten sollte man durch einfache, aber wissenschaftlich fundierte Erklärungen aushelfen. Ein Leitfaden.

Corona ist nicht gefährlicher als die Grippe

Diese Auffassung ist auch weit über die Kreise von Verschwörungstheoretikern hinaus verbreitet: Dabei geht es einerseits um die Todeszahlen, andererseits um die durch die jeweiligen Viren ausgelöste Krankheit, also Influenza und Covid-19. Denn beide Krankheiten haben durchaus ähnliche Symptome: Husten, Schnupfen, Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit, Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns. Hier kann man als ausgebildeter Naturwissenschaftler ganz klar argumentieren: Natürlich sterben auch tausende Menschen im Jahr an Influenza, der aktuelle wissenschaftliche Stand zeigt aber eindeutig, dass Covid-19 die gefährlichere Krankheit ist.

Dabei spielt nicht nur die höhere Sterblichkeit eine Rolle: Bei einer normalen Grippeepidemie beträgt diese laut Robert-Koch-Institut (RKI) zwischen 0,1 und 0,2 Prozent der Infizierten. Über die genaue Sterblichkeitsquote bei Covid-19 herrscht seit nach wie vor Uneinigkeit – einfach, weil die Krankheit relativ neu ist und noch erforscht werden muss. Dass sie jedoch höher als bei der normalen Influenza ist, gilt jedoch mittlerweile als belegt. Und vor allem: Bei Covid-19 steigt die Sterblichkeit mit dem Alter rasanter als bei der Influenza. Einer jüngst veröffentlichten Studie aus den USA zufolge liegt sie bei Menschen zwischen 55 und 64 Jahren bei 0,75 Prozent, bei 65- bis 74-Jährigen schon bei 2,5 Prozent und bei Menschen über 75 gar bei 8,5 Prozent.

Doch abgesehen von der Sterblichkeit kann eine Covid-19-Erkrankung auch für jüngere Patienten langanhaltende Folgen haben: Die Studienlage hat sich nämlich in den zurückliegenden Monaten verdichtet und deutet klar daraufhin, dass Covid-19 langanhaltende Folgeschäden verursacht. Und ja, auch das gibt es bei der Grippe. Erneut gilt aber: Bei Covid-19 ist erstens die Wahrscheinlichkeit höher, ernsthafte Folgeschäden davonzutragen – und zwar selbst bei jüngeren Menschen, die nur einen leichten oder sogar symptomfreien Verlauf hinter sich haben. Und zweitens ist auch die Qualität der Langzeitschäden schwerwiegender als bei der Grippe: Berichtet wird von Diabetes, chronischem Erschöpfungssyndrom, kognitiven Einschränkungen bis hin zu schweren Nieren- und Lungenschäden. Es gibt sogar schon einen Begriff dafür: „Long-Covid-Syndrom“. Und eine jüngst veröffentlichte Studie ist diesbezüglich besorgniserregend: Demnach scheint Covid-19 nämlich bei vielen Menschen Autoimmunstörungen hervorzurufen, die wie bei Rheuma oder Lupus chronisch und nur sehr schwer zu behandeln sind.

Masken schaden mehr als dass sie nützen – mehrere Kinder sind bereits gestorben

Auch diese Geschichte hält sich hartnäckig, und zwar nicht zuletzt durch den Arzt und „Querdenken“-Aktivisten Dr. Bodo Schiffmann. Der behauptet immer wieder, es seien schon mehrere Kinder durch das Maskentragen gestorben. Meist wird damit argumentiert, es komme durch die behinderte Sauerstoffaufnahme aufgrund der Maske zu einer Kohlendioxid-Vergiftung. Hier kann man ganz einfach erwidern: Das stimmt nicht.

Konkret geht es derzeit um vier Fälle in Büchelberg, Wiesbaden, Nordfriesland und der Nähe von Schweinfurt. In jedem der Fälle haben die zuständigen Ärzte bereits dementiert, dass das Kind aufgrund der Maske gestorben sei oder es Hinweise darauf gebe. Im Fall des vermeintlichen Todesfalls in Schweinfurt ist der Fall sogar noch klarer: Dort hat die Polizei dementiert, dass überhaupt ein Kind mit Mund-Nasen-Schutz im Gesicht gestorben ist. „Ein derartiger Fall ist in ganz Unterfranken, insbesondere im Raum Schweinfurt nicht bekannt“, so die Polizei Unterfranken. Es handelt sich also um Fake News. Die Polizei hat sogar schon Ermittlungen wegen der Verbreitung dieser Falschmeldungen eingeleitet.

Dass das Masketragen überhaupt zum Tod führen könnte, haben Lungenärzte bereits widerlegt. Das sei „unmöglich“, betonte beispielsweise der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Und die Argumentation ist einfach und logisch: Masken sind natürlich luftdurchlässig genug, als dass sich in der eingeatmeten Luft nicht genug Kohlenstoffdioxid anreichern kann, um gefährlich zu werden. Was allerdings ein berechtigtes Argument ist: Trägt man eine Maske zu lange durchgängig und sie wird durch die Atemluft dauerhaft feucht, können sich dort Keime sammeln, die dann den Weg zurück in die Atemwege finden. Auch diese Gefahr ist Ärzten zufolge aber geringer als es oft dargestellt wird. Hier kann man den Kunden außerdem einen ganz einfachen Tipp geben: Tragen Sie die Maske nicht zu lange am Stück, sondern wechseln Sie sie regelmäßig.

Alltagsmasken schützen gar nicht

Einfache Alltagsmasken schützen überhaupt nicht effektiv vor Corona. Sich an die Maskenpflicht zu halten, macht deshalb gar nicht Sinn. Auch Menschen, die solche Masken tragen, haben sich schon mit Corona angesteckt, hört man oft. Hier gilt es, zu differenzieren, denn meist liegt dieser Haltung ein einfaches Missverständnis zugrunde: Ja, auch Menschen, die sich vorbildlich schützen, können sich unter Umständen mit Sars-CoV-2 anstecken. Das hat erst kürzlich wieder eine Studie aus Japan ergeben. Demnach ist eine Infektion selbst bei komplett luftdicht abgeschlossenen Masken nicht ausgeschlossen.

Dann kommt jedoch das große Aber: Denn es geht nicht um hundertprozentigen Schutz, sondern darum, die statistische Gefahr für sich selbst und andere zu verringern, sich anzustecken. Und da ist die Studienlage eindeutig. Der eben genannten Untersuchung zufolge verringert schon eine einfache Alltagsmaske die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, um knapp die Hälfte. Bei FFP2-Masken sind es demnach fast 80 Prozent. Und der Schutz geht nicht nur in eine Richtung – in die Atemwege des Trägers – sondern auch in die andere: Demnach gibt es bei den verschiedenen Maskenarten nur geringe Unterschiede, wenn es darum, geht Aerosole vom Austreten in die Umwelt abzuhalten. Der Grad des Virusschutzes der Umwelt lag bei allen Masken demnach bei rund 70 Prozent. Und welche große Bedeutung solche statistischen Unterschiede bei der Bekämpfung des Virus haben, kann der Kunde derzeit jeden Abend in den Nachrichten sehen.

Die Zahl der Corona-Fälle steigt nur so stark, weil mehr getestet wird

Auch diese Auffassung hält sich hartnäckig. In den USA betete sie gar der Präsident in den zurückliegenden Wochen hoch und runter. Hier ist die Antwort etwas komplexer. Es hilft aber, den Sachverhalt einzuordnen: Ja, natürlich haben die Zahl der Tests und auch die Teststrategie einen Einfluss auf die Zahl der gemeldeten Infektionen. So ist auch das Argument ernst zu nehmen, dass die Zahlen der zweiten Welle, in der wir uns gerade befinden, mit denen vom Frühjahr nur bedingt vergleichbar seien, weil damals eben weniger und nicht so zielgerichtet getestet wurde.

Allerdings muss man nicht bis zum Frühjahr zurückblicken, um zu sehen, dass die zweite Welle gerade mit voller Kraft einschlägt: Denn die Zahl der Tests ist seit Juli relativ stabil bei ungefähr einer Million pro Tag – die Zahl der positiv getesteten Patienten pro Tag ist im gleichen Zeitraum aber von unter 500 auf über 10.000 gestiegen.

Die Einschränkungen der persönlichen Freiheit sind unverhältnismäßig und grundgesetzwidrig

Hier handelt es sich eher um eine politische Frage als um eine naturwissenschaftliche – natürlich kann man im Detail über die Schärfe und die Umsetzung von Maßnahmen zum Infektionsschutz streiten. In einer offenen Gesellschaft sollte man das sogar! Allerdings geht dabei bei vielen Menschen die Verhältnismäßigkeit verloren: Wenn sie beispielsweise die Maskenpflicht als Maßnahme zum Infektionsschutz gänzlich ablehnen und das damit begründen, dass der Schutz vor Corona eine solche Einschränkung der persönlichen Freiheit nicht rechtfertigen würde.

Denn auch wenn es sich bei Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen um Maßnahmen handelt, die es so in Deutschland vorher noch nicht gab: Freiheitsrechte einzuschränken, um als höher erachtete Ziele zu erreichen, wird in anderen Bereichen unseres Lebens als ganz normal akzeptiert. Niemand ist vollkommen frei in der Erziehung seiner eigenen Kinder, denn es herrscht Schulpflicht (die im Übrigen auch die Bewegungsfreiheit fundamental einschränkt). Niemand darf überall so schnell Auto fahren, wie er will – zum Schutz anderer, aber auch vor sich selbst. Niemand darf jede Droge konsumieren, die er will – begründet wird das ebenfalls mit dem Schutz anderer und vor sich selbst.

Eine unkontrollierte Ausbreitung von Sars-CoV-2- würde vorhersehbar zum Kollaps des Gesundheitswesens führen und damit auch durch Nebeneffekte wie ausbleibende Behandlung anderer Krankheiten aufgrund fehlender Kapazitäten ungeahnt viele Menschenleben fordern. Viele vergessen, dass die Einschränkung von Freiheitsrechten deshalb durchaus rational begründet werden kann und entgegen anderslautender Behauptungen eben doch auf dem Boden des Grundgesetzes stattfindet.

 

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