Universität Witten/Herdecke

Neue Leitlinie: Fieber nicht vorschnell senken

, Uhr
Berlin -

Die neue S3-Leitlinie zum Fiebermanagement bei Kindern und Jugendlichen markiert einen Richtungswechsel in der medizinischen Versorgung. Erarbeitet unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und koordiniert von Professor Dr. David Martin von der Universität Witten/Herdecke, rückt das Regelwerk das allgemeine Wohlbefinden des Kindes in den Mittelpunkt. „Fieber ist in den meisten Fällen eine sinnvolle Reaktion des Körpers – wir sollten es nicht reflexhaft bekämpfen, sondern das Kind in den Blick nehmen“, erklärt Martin.

13 Fachorganisationen und ein Patientenverband entwickelten die Ergebnisse mit Förderung des G-BA-Innovationsfonds. Das Projekt „Fit Für Fieber“ prüft derzeit die Umsetzung nun in einer Studie mit 60.000 Kindern.

Ampelsystem zur häuslichen Einschätzung

Zur praktischen Umsetzung führt die Leitlinie ein „Ampelsystem zur Risikoeinschätzung einer schweren Erkrankung bei fiebernden Kindern und Jugendlichen“ ein, das auf internationalen Standards basiert.

Das Ziel dieses Systems ist laut Leitlinie, eher auf das Befinden und Verhalten des Kindes zu achten als nur auf die Zahl auf dem Thermometer. Es gehe darum, den Gesamtzustand anhand klarer Merkmale zu bewerten, anstatt das Fieber reflexhaft zu senken. Eine ärztliche Begutachtung sei bei Grün nicht erforderlich, bei Gelb geboten, und bei Rot dringend:

  • Grün: Der Allgemeinzustand ist kaum beeinträchtigt. Das Kind zeigt ein normales Verhalten, lächelt, spielt, kommuniziert und ist wach. Die Hautfarbe ist unauffällig. Die Schleimhäute sind feucht und das Weinen ist normal. Eine ärztliche Begutachtung ist in diesem Fall in der Regel nicht erforderlich.
  • Gelb: Der Allgemeinzustand ist reduziert. Eine Untersuchung in einer Praxis ist geboten, wenn die Aktivität vermindert ist oder das Kind blass beziehungsweise marmoriert erscheint. Als Warnzeichen gelten unter anderem eine beschleunigte Atmung, Rasselgeräusche beim Atmen, trockene Schleimhäute, geschwollene Gelenke oder Fieber, das länger als drei Tage anhält.
  • Rot: Der Allgemeinzustand ist stark reduziert. Medizinische Hilfe ist dringend notwendig, wenn das Kind nicht normal auf Ansprache reagiert, nicht aufwacht oder auffällig schrill weint. Weitere kritische Zeichen sind eine graue oder bläuliche Hautfarbe und Atemnot mit Einziehungen der Brust (über 60 Atemzügen pro Minute). Gleiches gelte bei Hauteinblutungen, einer vorgewölbte Fontanelle und Nackensteifigkeit. Ein Kriterium bei Säuglingen unter drei Monaten ist außerdem eine Körpertempertu ab 38 Grad Celsius.

Messmethoden und Fiebersenkung

Diese Kriterien definieren laut den Empfehlungen auch den Einsatz von Medikamenten. Bei Kindern und Jugendlichen ist Fieber ab einer Temperatur von 38,5 Grad Celsius definiert. Bei Säuglingen in den ersten drei Lebensmonaten gilt bereits ein Wert ab 38 Grad Celsius als abklärungsbedürftig.

In dieser Altersgruppe definiert die Leitlinie allein die rektale Messung als verlässliche Methode; ab einem Jahr genügt das Messen im Ohr. Vom Messen unter dem Arm raten die Expert:innen grundsätzlich und ausdrücklich ab.

Schmerzmittel zur Verbesserung des Wohbefindens

Fiebersenkende Mittel wie Paracetamol oder Ibuprofen seien zur Schmerzlinderung und Verbesserung des Wohlbefindens vorgesehen, nicht zur alleinigen Temperatursenkung. Eine medikamentöse Behandlung sei demnach erst bei erkennbarem Leidensdruck des Kindes angezeigt.

Die Leitlinie rät von einer Routine-Kombination der Wirkstoffe ab. Zudem betonen die Fachgesellschaften, dass Fieber allein keine Antibiotika-Gabe rechtfertige.

Ein-Tages-Regel für die Rekonvaleszenz

Für den häuslichen Alltag enthält die Leitlinie Hinweise zum Umgang mit den verschiedenen Phasen eines Infekts. Im Stadium des Fieberanstiegs stehe der Wärmebedarf des Kindes im Vordergrund.

Erst in der Plateauphase bei warmen Extremitäten sollten Maßnahmen wie körperwarme Wadenwickel angewendet werden. Außerdem sollte ein ruhig schlafendes Kind für Messungen oder Medikamente nicht geweckt werden.

Die Fachgesellschaften halten fest, dass Antipyretika Fieberkrämpfe nicht verhindern und nicht prophylaktisch nach Impfungen gegeben werden sollten, um die Immunantwort nicht abzuschwächen. Zur Genesung wird empfohlen, dass Kinder mindestens einen Tag fit und ohne Medikamente fieberfrei sein sollten, bevor sie wieder Gemeinschaftseinrichtungen besuchen.

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Mehr zum Thema
ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick
50 Prozent mehr Zuzahlung: PTA gibt Spartipps
Olopatadin und Azelastin/Fluticason
Neue Therapieoptionen für Allergiker

APOTHEKE ADHOC Debatte