Drohanrufe in Apotheken

Beratungsstelle: Bedrohung durch Querdenker gestiegen

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Berlin -

Mit Beginn der Corona-Impfungen haben mehrere Apotheken Drohanrufe von Impfgegnern und sogenannten Querdenkern erhalten, unter anderem in Niedersachsen. Die dortige Betroffenenberatung berichtet nun von einer zunehmenden Bedrohungslage. Doch wer bedroht wird, ist nicht allein.

„Wenn ihr impft, bringen wir euch um, es ist Krieg“, musste sich Inhaberin Dr. Anja Stelzer-Bohn am Telefon anhören. Vier- bis fünfmal hintereinander probierte es der unbekannte Mann in Mühlen Apotheke in Steinhagen. Jandirk Burchards aus Niedersachsen wurde angekündigt, dass „der Krieg begonnen habe“. Die beiden Inhaber sind nur zwei Beispiele von hunderten Menschen, die in den vergangenen Monaten von radikalen Impfgegnern bedroht wurden. Und die Zahl der Fälle nimmt zu.

Davon kann auch Ronny Wildehage berichten. Wenn er in Braunschweig auf eine Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen geht, kann es für ihn gefährlich werden. Der freie Journalist und Fotograf, der zum eigenen Schutz ein Pseudonym verwendet, berichtet für mehrere Regionalmedien über die unangemeldeten und als „Spaziergänge“ deklarierten Demonstrationen. Dabei sei er mehrfach angegriffen worden, sagt er. „Es wurde die Hand vor die Kamera gehalten, bis es tatsächlich dazu gekommen ist, dass mir jemand von denen ins Gesicht geschlagen hat.“ Ein anderes Mal sei er bespuckt und beleidigt worden. In Telegram-Chats würden Bilder und Videos von ihm veröffentlicht und mit den Worten „für solche Fälle habe ich immer eine Eisenstange im Kofferraum“ kommentiert.

Im vergangenen Jahr haben sich mehrere Dutzend Menschen an die Betroffenenberatung Niedersachsen gewandt, weil sie sich von Corona-Leugner bedroht fühlten. Insgesamt 51 Fälle standen nach Angaben der Beratungsstelle in Zusammenhang mit einer Bedrohungslage durch Reichsbürger, Verschwörungsideologen und sogenannte Querdenker. Das entspreche in etwa jeder fünften Anfrage. Die meisten Beratungen zu diesen Fällen habe es für Journalistinnen und Journalisten gegeben, sagt eine Sprecherin. Diese seien bei Demonstrationen besonders betroffen.

Zum Vergleich: Im Jahr 2020 habe es zwischen Juli und Dezember nur vier Fälle mit dem Tatmotiv Verschwörungsideologie gegeben. Da sich die Beratungsstelle seit Juli 2020 in neuer Trägerschaft befinde, könnten keine Angaben zur ersten Jahreshälfte gemacht werden.

Die Betroffenenberatung Niedersachsen ist eine Anlaufstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Niedersachsen. Sie besteht aus drei regionalen Beratungsstellen in Osnabrück, Nienburg und Hildesheim. Mit ihrem kostenlosen Angebot unterstützt sie Menschen bei der Bewältigung ihrer Erlebnisse und hilft, wenn nötig, bei der Vermittlung an Psychologen, Anwälte oder die Polizei. Das Geld kommt vom Land und vom Bund.

Der Sozialarbeiter Johannes Koch unterstützt seit etwa einem halben Jahr Menschen, die sich bei der Beratungsstelle melden. Auch Koch heißt eigentlich anders. Da er und seine Kollegen in der Vergangenheit Bedrohungen von Neonazis erhalten haben, verwenden sie ein Pseudonym, um sich zu schützen. Seit zwei Monaten betreut Koch nach eigenen Angaben einen Mann, der von seinem Bruder – einem Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugner – teils mit Waffengewalt bedroht wird. Der Mann geht nun vor Gericht gegen seinen Verwandten vor. Koch unterstützt ihn dabei. Für die Betroffenen sei er oft die wichtigste Vertrauensperson. „Im allerschlimmsten Fall haben die Todesangst.“

Dabei gehen die Berater auch bewusst auf Betroffene zu. Der Fotograf Wildehage zum Beispiel habe auf Twitter über die Angriffe auf ihn berichtet. Die Betroffenenberatung wurde darauf aufmerksam und bot ihm Unterstützung an. Seitdem ist der Journalist regelmäßig per Chat und Telefon mit einem Berater im Austausch. Die Bewegung der Corona-Leugner und „Querdenker“ vermischt sich nach Angaben des niedersächsischen Verfassungsschutzes inhaltlich und personell zunehmend mit Rechtsextremisten und Reichsbürgern. Insbesondere Chat-Gruppen böten eine Plattform zur kontinuierlichen Radikalisierung und zur Übernahme von Verschwörungstheorien und extremistischen Ideologien. Das Innenministerium beobachtet eine zunehmende Gewaltbereitschaft auf den Demonstrationen.

Wildehage fühlt sich durch den emotionalen Beistand der Betroffenenberatung inzwischen besser: „Es hat mich auch belastet und ich war mir selbst zwischenzeitlich nicht sicher, ob ich da komplett alleine durchkomme.“ Sozialarbeiter Koch betont, dass aggressive Verhaltensweisen im Netz und auf der Straße immer akzeptierter würden, wenn man gegen die ansteigende Gewalt und den Hass nicht vorgehe. Deswegen sei es wichtig, dagegen anzugehen und Betroffene bei allen Maßnahmen zu unterstützen. „Sonst wird es immer schlimmer und schlimmer“, sagt er.

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