Austausch in der Brücken-Apotheke

Assistierte Telemedizin: „Diese Chance sollten wir nutzen“

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Berlin -

Seit Mittwoch können Apotheken assistierte Telemedizin (aTM) anbieten. Inhaber Stefan Göbel sieht in der Neuerung eine enorme Chance – und hat gestern Abend Akteure aus Politik und Branche in seine Brücken-Apotheke im hessischen Heringen eingeladen. Gemeinsam diskutierten die Beteiligten über die Chancen, Herausforderungen und konkreten Umsetzungsmöglichkeiten im Versorgungsalltag.

„Wir sind sehr ländlich“, erklärt Göbel. Nach und nach verschwinde die Infrastruktur. Der öffentliche Nahverkehr fahre nur sporadisch in die nächste Stadt. Im Notdienst habe er teils mit Patientinnen und Patienten zu tun, die 30 bis 40 Kilometer fahren mussten.

Auch mit der Überalterung habe man in der Gemeinde stärker zu kämpfen. Im Bundesdurchschnitt seien rund 37 Prozent aller Hausärzte über 59 Jahre alt. „Bei uns sind es 64 Prozent“, erklärte er. Gleichzeitig werde auch die Bevölkerung stetig älter.

„Wir sind eine Region, in der nach und nach Versorgung verschwindet und die Menschen altern. Wir müssen überlegen, wie wir das überhaupt noch gestemmt bekommen – nicht nur heute, sondern auch noch in fünf Jahren“, erklärte er. Die öffentliche Apotheke könne viel mehr, sei er überzeugt.

Zukunftsthema Telemedizin

Vor diesem Hintergrund ist die assistierte Telemedizin für den Apotheker klar ein Zukunftsthema. Er will mit der Medivise-Box das neue Angebot in der Apotheke etablieren. Aktuell gebe es zwar noch ärztliche Praxen im Umfeld. Aber die Frage sei, wie lange noch. Denn Nachfolger für Praxen in der Region zu finden, sei schwierig. „Bei uns kommt nichts nach, die nächsten Universitätsstädte sind 100 bis 150 Kilometer entfernt; dass sich jemand aufs Land verirrt, ist selten“, erklärte er.

Das Angebot solle eine Ergänzung sein, insbesondere an Brückentagen, Mittwochnachmittagen und Freitagnachmittagen oder Samstagen, betonte er. „Wir bauen keine Konkurrenzstruktur auf.“

Assistierte Telemedizin sei ein niederschwelliges Zukunftsangebot. Wenn durch eine strukturierte Ersteinschätzung einfache Fälle abgefangen werden könnten, entlaste man zudem auch die Notaufnahmen. Von der Ärzteschaft habe er durchaus positive Rückmeldungen bekommen. „Es ist wichtig, alle Akteure von Anfang an mitzunehmen, zu zeigen, dass wir nichts Böses wollen, sondern Versorgung gemeinsam gestalten und uns gegenseitig unterstützen wollen“, so Göbel. Denn die Alternative sei, dass die Menschen auch mit Lappalien vor den Türen der Ärzte stünden. „Das muss nicht sein“, betonte er.

In der assistierten Telemedizin sehe er auch Vorteile und Chancen für die Ärztinnen und Ärzte. Das Konzept biete die Möglichkeit, dass die lokalen Ärzte mitmachten, als ergänzendes Angebot. Man gehe im Zwiebelprinzip vor: erst die lokalen Ärzte und dann die, die weiter weg säßen. „Ich finde das sehr elegant gelöst“, erklärte er.

Dadurch könnten auch neue Arbeitsweisen entstehen. Gerade junge Ärztinnen und Ärzte mit kleinen Kindern könnten von der Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, profitieren. So könne eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch bei kleinen Kindern ermöglicht werden.

Weitere Gespräche mit der Politik

Auch seitens der geladenen Landespolitiker habe es positive Rückmeldungen gegeben. „Die Politiker fanden das total spannend“, berichtete Göbel. So seien ihm weitere Gespräche unter anderem mit den gesundheitspolitischen Sprecherinnen angeboten worden.

Die Diskussion mit den Beteiligten darüber, wie es im Gesundheitswesen weitergehen könne und wie man gemeinsam die Versorgung interdisziplinär stemmen könne, habe er als wertvoll erachtet. „Ich wollte die Botschaft setzen, dass wir uns Gedanken um die Versorgung machen“, sagte der Apotheker. An vielen Ecken würden die Apotheken bereits heute Versorgung gestalten, zum Beispiel auch durch einen Botendienst, der den nicht mehr vorhandenen ÖPNV ausgleiche. „Ich konnte vermitteln, dass Apotheke mehr ist als eine Packung abzugeben.“ Die Potenziale der Branche müssten stärker aus der eigenen Bubble getragen werden.

„Assistierte Telemedizin kann eine Lücke schließen, wir können damit aber auch zusammen mit den Ärzten vor Ort eine weitere Versorgungsebene einrichten, die uns als Berufsstand aufwertet – diese Chance sollten wir wahrnehmen.“

Seitens der Politik waren die Landtagsabgeordnete Tanja Hartdegen, Landrat Torsten Warnecke (Kreis Hersfeld-Rotenburg) und Bürgermeister Daniel Iliev anwesend (alle SPD). Auch Stephan Hauschild von Jüttner Orthopädie, der Geschäftsleiter des Brücken-Sanitätshauses Jan Burhenn, Ramin Heydarpour von Pfizer sowie Andreas Rey von der Deutschen Automatenwirtschaft (DAW) nahmen an der Runde teil. Seitens der Apothekerschaft nahmen zudem Kammerpräsident Dr. Christian Ude und Vize Dr. Schamim Eckert teil.

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