Mit dem Primärversorgungsmodell sollen unnötige Arztbesuche verhindert und Aufwand und Kosten gesenkt werden. Die Hausärztinnen und Hausärzte fordern mehr Geld und die Rücknahme von Regelungen aus dem Spargesetz, anderenfalls werde das Vorhaben scheitern. Gleichzeitig bringen sich auch die Apotheken als Lotsen in Stellung. Eine Evaluation des Hausarztprogramms in Baden-Württemberg zeigt, mit welchen Effekten tatschlich zu rechnen ist.
Die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) in Baden-Württemberg gibt es seit 2008. Mehr als 4000 Ärztinnen und Ärzte nehmen teil; diese sollen regelmäßig an Fortbildungsmaßnahmen teilnehmen und zur eigenen Entlastung bestimmte Aufgaben an sogenannte Versorgungsassistentinnen (VERAH) übertragen. Mittlerweile gibt es acht Verträge mit nahezu allen Krankenkassen, hinzu kommen Vereinbarungen mit Fachärztegruppen.
Mehr als 3,3 Millionen Versicherte sind laut Hausärzteverband eingeschrieben. Sie verpflichten sich dazu, stets zunächst den Hausarzt zu kontaktieren.
Das hat erwartungsgemäß zur Folge, dass es mehr Besuche in den Praxen gibt: So gab es laut einer Evaluation des Sachverständigenratsmitglieds Professor Dr. Ferdinand Gerlach aus Frankfurt im Jahr 2020 in der HZV-Gruppe durchschnittlich 12,85 Hausarztkontakte pro Kopf, während es in der Kontrollgruppe 8,37 waren. Auch die Zahl der kontrollierten Facharztbesuche lag mit 3,96 höher als in der Regelversorgung mit 2,42.
Dagegen gab es im Durchschnitt 1,5 unkoordinierte Facharztbesuche weniger. Auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen, Krankenhaustage und Krankenhauswiedereinweisungen lag nach Adjustierung niedriger.
In Summe: 2,1 Millionen zusätzlichen Hausarztbesuchen und 1,7 Millionen zusätzlichen koordinierten Facharztbesuchen standen 1,9 Millionen weniger unkoordinierte Facharztbesuche gegenüber sowie 27.000 stationäre Behandlungen weniger, 125.000 weniger Krankenhaustage und 5500 weniger Wiederaufnahmen. Auch der Notdienst musste seltener in Anspruch genommen werden.
Doch nicht nur die Zahl der vermeidbaren Klinikaufenthalte und die stationären Kosten konnten gesenkt werden, sondern auch die Arzneimittelkosten. Statt 1534 Euro gaben die Kassen 1439 Euro aus, also rund 95 Euro weniger. Die Polymedikation sank genauso wie die Zahl rot hinterlegter Präparate, sodass knapp 96.000 Wirkstoffe und 1,2 Millionen Verordnungen eingespart werden konnten.
Auch insgesamt sanken die Versorgungskosten, und zwar von 3700 Euro auf 3662 Euro nach Adjustierung.
Mit rund 30 Publikationen zur HZV handelt es sich laut Gerlach um das am besten untersuchte Versorgungsprogramm in Deutschland. Der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin Johann-Wolfgang-Goethe-Universitä war Mitglied der Finanzkommission Gesundheit und berät das Bundesgesundheitsministerium (BMG) auch im Zusammenhang mit der für Herbst angekündigten Strukturreform.
Zum Primärversorgungsmodell gibt es noch keinen Gesetzentwurf, nur im Digitalgesetz (GeDIG) waren erste technische Weichenstellungen enthalten.
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