Ab dem 1. Juli sollen Apotheken im Rahmen der assistierten Telemedizin (aTM) auch Videosprechstunden anbieten können. Hierfür werden entsprechende Räumlichkeiten und eine technische Ausstattung notwendig. Einer der Anbieter für solche Lösungen ist Medivise. Das Berliner Unternehmen ist bereits in knapp 50 Apotheken vertreten und bekommt seit dem Schiedsspruch verstärkt Anfragen. Jetzt werde auch „Oma Erna“ per Telemedizin versorgt werden können, ist sich CEO Dr. Thorsten Hagemann sicher.
Medivise hat sich auf seine Telemedizin-Boxen spezialisiert. Hiermit könnten Apotheken auch ohne vorhandenen Beratungsraum eine Raum-in-Raum-Lösung erschaffen, die die nötigen Vorgaben für aTM erfüllt. Von der kleinsten Beratungsbox für eine Person vor dem Bildschirm über mehr Platz – beispielsweise für medizinisches Equipment, das direkt in die Fernsprechstunde integriert wird – bis hin zur Box inklusive Liege und Wasseranschluss für Impfungen und Blutabnahme: Medivise will für sämtliche Nutzungsszenarien eine Lösung bieten und Apotheken zum „Touchpoint“ machen.
Den Apotheken, die bereits über einen separaten Beratungsraum verfügen, werden entsprechend ausgestattete Beratungsplätze oder auch mobile Bildschirme inklusive Medizintechnik angeboten. „Wir sind in knapp 50 Apotheken demnächst“, so Hagemann. Werben müsse man derzeit kaum für die eigenen Produkte – die Anfragen kämen von ganz allein, angeregt durch den bundespolitischen wie auch standespolitischen Diskurs über derartige Angebote.
„Wir sind für die Apotheken Dreh- und Angelpunkt“, betont Hagemann dabei, immerhin wolle man bei dem Thema das Rundum-sorglos-Paket liefern. Dabei müsse man hier „sehr differenziert hinsehen“: „Man kann da durchaus auch Dinge falsch machen, Stichwort Zuweisungsverbot.“ Doch das Medivise-Konzept sei direkt entlang der Telematikinfrastruktur (TI) aufgebaut und sicher; er als Experte für die elektronische Patientenakte (ePA) und Co-Founder Tobias Leipold als E-Rezept-Experte wüssten genau um die regulatorischen Vorgaben für derartige Projekte.
Mit ihren Box-Systemen wollen sie in der Regelversorgung unterstützen, somit ist auch das Terminal für die elektronische Gesundheitskarte (eGK) dabei. Bei technischen Herausforderungen soll das Apothekenpersonal die Patient:innen „an die Hand nehmen“. „Auch Oma Erna wird erreicht. Sie geht einfach in die Apotheke ihres Vertrauens“, so Hagemann. Beim Eingeben der Daten helfe dann die Apotheke.
Medivise liefere neben der Box vor allem das Kernstück, das Wandmodul mit entsprechender Hard- und Software. Hierüber werde immer ein standardisiertes Bild erzeugt; Kamera, Licht und bald auch KI-Assistenten sollen helfen, die telemedizinische Sprechstunde mit digitalen Untersuchungsmöglichkeiten auf Basis des Kamerabildes zu unterstützen. So könne demnächst über eine integrierte Lösung auch die Herzfrequenz und der Blutdruck per Kamera gemessen werden. Über zusätzliche Medizintechnik in den Boxen könne auch heute schon die Lungenfunktion getestet oder kardiologische Untersuchungen vorgenommen werden, die Ergebnisse würden direkt über die Box an den behandelnden Arzt weitergeleitet.
Berührungsängste mit dem Thema versteht Hagemann. „Neues geht erst mal mit Sorgen einher. Das ist eine ganz neue Versorgungsform; es gibt noch gar keine Standards, keine Behandlungsleitfäden.“ Man sei noch „ein Stück weit vor der Welle“ und wolle auch nicht zu offensiv vorgehen, um niemanden „zu verprellen“. Grundsätzlich könne man aber auf alle Vorgaben und Anpassungen reagieren. „Wir sind perfekt aufgestellt für die Zukunft.“
Dabei seien spontane Akutfälle genauso gut über die Box machbar wie asynchrone Behandlungsszenarien, wie etwa eine Laborauswertung im Nachgang, zu der der Patient dann nicht noch einmal einen womöglich langen Weg zur Praxis auf sich nehmen müsste. „Das ist alles ein Stückweit eine Unbekannte. Aber wir haben eine Idee, wie solche Prozesse aussehen werden.“
Doch die Apotheken, die sich eine solche Box hinstellen wollen, sind nur die eine Seite – es braucht auch entsprechende Ärzt:innen, die die Videosprechstunden durchführen. Dazu gehe man auf die Niedergelassenen in der Nähe der entsprechenden Apotheke zu, so Hagemann. Diese würden angeschrieben und das Angebot beworben. Die regulatorischen Vorgaben zur Videokonsultation schreiben vor, dass zunächst Ärzt:innen aus der Gegend ins Ökosystem eingebunden werden sollen. Im Notfall weiche man auf andere Ärzt:innen von Plattformen wie Arztkonsultation aus.
Hagemann will keinen Fokus auf Krankschreibungen, auch um das Thema Cannabis mache man einen weiten Bogen. Es gehe um die Stärkung der Akteure; Apotheken sollen mehr sein als Arzneimittelausgabestellen.