Ab dem 1. Juli soll es losgehen: Dann sollen Patientinnen und Patienten assistierte Telemedizin in Apotheken nutzen können. Wie bereiten sich die einzelnen Akteure vor? Gibt es überhaupt ein Interesse an der Leistung? Und wenn ja, finden sich überhaupt Ärztinnen und Ärzte, die das Angebot bedienen wollen und können?
Eine Lösung bietet die 2024 gegründete Firma Symptox. Ursprünglich hatte das Unternehmen eine digitale Lösung entwickelt, um die Patientensteuerung in Kliniken, Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und für Hausärzte, insbesondere in Notaufnahmen, zu unterstützen. Nach einer ersten Einschätzung am Tresen gehen Patienten, die nicht sofort behandelt werden müssen, in eine Kabine. Dort wird mithilfe eines von Symptox entwickelten Gerätes eine strukturierte Anamnese durchgeführt – komplett per KI-gestützter Sprachsteuerung.
„Die Bedienung passiert komplett per Sprache – ganz ohne Vorkenntnisse“, erklärt Gründer Andreas Noack. Das Gerät könne über 50 Sprachen erkennen. Die behandelnden Ärzte können dann die so erfassten Informationen inklusive einer Zusammenfassung einsehen und haben so direkt Zugriff auf die zur Behandlung notwendigen Daten. „Ärzte sehen im Cockpit die Anamnese, sie sind also vorinformiert und der Patient hat in Ruhe alle relevanten Informationen zu seiner Beschwerde übergeben. Ein Zeitgewinn für beide“, erklärt Noack.
Einen Umbau und Platz für eine große Kabine brauchen die Apotheken allerdings nicht: Für die assistierte Telemedizin hat Symptox ein Tischgerät entwickelt, das einfach im Beratungsraum aufgestellt werden kann. Dabei gilt: Das Gesamtsystem ist kein eigenständiges Medizinprodukt. Die qualifizierte Ersteinschätzung ist jedoch als zertifiziertes Medizinprodukt der Klasse 2a eingestuft.
Der Gründer erklärt den Ablauf an einem Beispiel: Ein Patient kommt in die Apotheke und schildert seine Beschwerde. Nach Einschätzung des Pharmazeuten könnte zum Beispiel ein verschreibungspflichtiges Medikament benötigt werden, ein Fall für die Notaufnahme ist der Patient aber eigentlich nicht. Eigentlich würde der Apotheker den Patienten nun zur nächsten Hausarztpraxis verweisen, doch der Patient ist erst auf dem Rückweg von der Arbeit in die Apotheke gekommen und die Hausarztpraxis hat gerade geschlossen. Vielleicht befindet man sich auch in einer unterversorgten Region oder die letzten Praxen arbeiten bereits an ihrer Kapazitätsgrenze und können keine Neupatienten mehr aufnehmen. In genau solchen Fällen könne der Apotheker nun den Patienten in seinen Beratungsraum bringen und dort einen Arzt konsultieren.
Das Tischgerät sieht aus wie ein übergroßes Tablet. Die Technik sei einfach und barrierefrei, erklärt er. Im ersten Schritt findet eine Ersteinschätzung statt, um sicherzustellen, dass kein Rettungsdienst benötigt wird. Dies geschieht über einen Touchscreen-Katalog, bei dem auch Basisdaten wie Name, Alter und Geschlecht erfasst werden. Zudem muss der Patient natürlich seine Einwilligung zur Behandlung erteilen. Danach folgt die Sprachassistenz zur Beschreibung der Symptome. Die hinterlegten Fragen seien auf hausärztliche Fragebögen abgestimmt.
Nach der Ersteinschätzung und Anamnese kann dann die Videosprechstunde starten. Symptox verfügt über ein eigenes Ärztenetzwerk. Um eine schnelle Reaktionszeit zu gewährleisten, werden im Pool der gerade online verfügbaren Mediziner immer fünf Ärzte gleichzeitig angerufen. „Jeder qualifizierte Hausarzt, muss in einer bestimmten Zeit auf den Anruf reagieren – innerhalb von bis zu fünf Minuten“, erklärt Noack. Der Arzt, der den Anruf zuerst entgegennimmt, startet die Sprechstunde und versorgt den Patienten. Für die restlichen Angerufenen steht der Patient dann natürlich nicht mehr zur Verfügung. Wie in den Kliniken könnten die Ärzte die Informationen aus der strukturierten Befragung gebündelt einsehen – das spare auch in der Online-Sprechstunde Zeit.
Das Angebot hat nach Noacks Einschätzung nicht nur Vorteile für die Patienten und die Apotheke: „Die Videosprechstunden können auch aus dem Homeoffice bedient werden“, erklärt er. So entstehen auch für die behandelnden Ärzte flexible neue Arbeitsmodelle – zum Beispiel für junge Familien, in denen die Kinderbetreuung nur halbtags gesichert ist. Diese können dann den halben Tag klassisch in der Praxis arbeiten und in der restlichen Zeit die telemedizinische Betreuung von Patienten übernehmen.
Aktuell besteht das Netzwerk aus 25 Hausärzten. Um weiter zu wachsen, hofft Noack auch auf die Apotheken, die lokale Praxen, mit denen sie ohnehin im Austausch stehen, auf das Angebot aufmerksam machen können.
Die Anforderungsliste für die digitale Lösung ist kurz: Das Tischgerät muss lediglich im Beratungsraum aufgestellt, an eine Steckdose angeschlossen und mit dem Internet verbunden werden. „Es braucht keine Infrastruktur, kein Ärzte-suchen; das System ist eine All-in-one-Lösung,“ erklärt er. Die Erstanschaffung des Gerätes kostet einmalig 2999 Euro. Danach wird flexibel per Nutzung abgerechnet: „Es gibt einen Nutzungstarif nach Gesprächsminuten, circa 3 bis 5 Euro pro Vorgang“, erklärt er. Wenn keine Sprechstunde stattfindet, fallen auch keine Gebühren an. „Wenn es keiner benutzt, kostet es auch kein Geld – man kann also relativ risikolos mitmachen“, erklärt er. Er glaube, dass sich das System schnell verbreiten werde.
Bisher haben laut Noack rund zehn Apotheken Interesse an dem System angemeldet. Allerdings habe man die Lösung im Zuge der neuen Regulierung auch erst vor gut zwei Wochen kommuniziert. Einer dieser Apotheker ist René Große. Die Lösung von Symptox sei extrem simpel und schlank, lobt der Inhaber zweier Apotheken in Rotenburg und Gnarrenburg. „Der Vorgang ist relativ einfach und schnell zu verstehen und durchzuführen“, erklärt er. „Meiner Ansicht nach werden alle relevanten Dinge kurz und knapp angefragt.“
Er kann sich gut vorstellen, dass die Lösung angenommen wird – auch von den Ärzten. „Es geht nicht darum, eine Konkurrenz zu den Ärzten aufzubauen“, betont er klar. Es sei ein ergänzendes Angebot und auch eine Möglichkeit für die Ärzte, die eigene Sprechstunde zu digitalisieren. Es gebe schon heute Menschen, die eingeschränkte Servicezeiten immer weniger akzeptieren: „Medizinische Bedarfsfälle richten sich eben nicht immer nach Öffnungszeiten“, betont der Apotheker. Insbesondere in Gegenden, in denen die ärztliche Versorgung nicht sichergestellt sei, oder bei fehlenden Kapazitäten der Arztpraxen sehe er großes Potenzial in der assistierten Telemedizin. Er habe im Haus zwar eine Arztpraxis, zu der er Patienten während der Öffnungszeiten direkt verweisen könne, aber auch dort gebe es eben Randzeiten. Ein Klassiker sei der Freitagnachmittag oder Samstagmorgen, auch wenn Patienten zum Beispiel ein Medikament ausgeht und sie sich fragen, wo sie schnell ein Rezept herbekommen.
Andere klassische Fälle seien beispielsweise Patienten mit einem dicken Auge oder mit einem Insektenstich. „Wenn kein Arzt verfügbar ist, muss der Patient im Zweifelsfall über den ärztlichen Notdienst gehen – oder kann nun dieses Angebot nutzen.“ Damit werde auch die Steuerungsfunktion der Apotheke gestärkt – gerade in den Fällen, in denen der Patient nicht sicher ist, ob er in die Notaufnahme gehen müsse.
„Ich denke, es ist ein weiterer Baustein der zunehmenden Serviceleistungen“, findet er. Die Apotheke entwickle sich immer mehr weg vom reinen Logistiker hin zum Gesundheitsdienstleister. „Wir wissen alle, dass wir von der reinen Logistik nicht mehr leben können“, sagt er. Die Apotheken müssten daher andere Einnahmequellen über Dienstleistungen erschließen. Die assistierte Telemedizin könne hierbei ein weiterer digitaler Baustein sein, um zum Deckungsbeitrag beizutragen.
Auch seitens der Ärzteschaft bietet die assistierte Telemedizin in Apotheken Vorteile. Das findet jedenfalls das Ehepaar Tanja und Jan Gerlach. Gemeinsam betreiben sie die „Avatarpraxen“, ein hybrides Modell aus physischer Praxis und telemedizinischer Versorgung aus dem Homeoffice. „Wir haben immer einen Arzt im Homeoffice und einen Arzt vor Ort. Vom Homeoffice aus können wir dann auch solche Angebote bedienen “, erklärt Tanja Gerlach. Sie kümmert sich als Innovationskoordinatorin um die Verwaltung, das Netzwerken und den Strukturaufbau im Hintergrund der Praxis. Ihr Mann ist Facharzt für Allgemeinmedizin. Der Versorgungsanschluss sei garantiert, weil zusätzlich Ärzte in den Praxen zur Verfügung stehen. „Wir können das eben darstellen“, so Gerlach. Insgesamt gibt es bereits drei Avatarpraxen.
„Ich finde es echt schön und es ist sinnhaft“, lobt sie das Konzept. Sie und ihr Mann haben sechs Kinder; ein normaler Praxisalltag mit einer 60-Stunden-Woche würde für sie nicht funktionieren. Auch junge Kolleginnen und Kollegen seien zunehmend an flexibleren Arbeitszeiten interessiert.
In digitalen Tools sehen die beiden vor allem eine erhebliche Zeitersparnis, beispielsweise durch Self-Check-in-Terminals. Es gehe schnell für alle Beteiligten und bündele Ressourcen. Dadurch schaffe man mehr Freiraum für das Wesentliche in den Praxisräumen, denn es gebe immer medizinische Anliegen, die ein Arzt physisch vor Ort behandeln müsse. Natürlich sei diese Form der medizinischen Versorgung nicht geeignet für Notfälle. Assistierte Telemedizin in Apotheken sei definitiv eine sinnvolle Ergänzung und das Konstrukt der Avatar-Praxis ein idealer Partner.
Die assistierte Telemedizin sei nicht nur ein neues Angebot für die Apothekerschaft, sie könne auch die Praxen bei kleinen Alltagsproblemen wie einem aufgekratzten Mückenstich entlasten. „Es ist ein praktischer Ansatz für die Patienten, der gleichzeitig die überfüllten Arztpraxen entlasten kann“, sagt Jan Gerlach.
„Wir reden ja nicht vom Chroniker, der neu eingestellt werden muss“, ergänzt Tanja Gerlach klar. Telemedizinische Konzepte würden in anderen Ländern seit Jahren erfolgreich laufen. Man könne neuen Ansätzen gegenüber durchaus positiv gestimmt sein.
Zudem könne man mit dem Konzept junge Ärzte virtuell gewinnen. Man müsse keine 60-Stunden-Woche mehr in der Praxis ableisten. Wenn man das mit der Apotheke verknüpfe und Randzeiten anbiete, sei das ein großer Gewinn. Auf diese Weise könne man auch samstags Patientinnen und Patienten bedienen.
„Es macht einfach Spaß und schafft Räume für andere Zeitstrukturen“, sagt Tanja Gerlach. Ein akuter Wespenstich passe nicht planbar in das Arbeitsleben der Menschen, betont sie. Wie schön sei es da, wenn man solche medizinischen Anliegen auch freitagabends oder samstagmorgens erledigen könne. Ihr Fazit lautet: „Das wird funktionieren.“