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Erlebnis-Apotheke – Das Seniorenparadies

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Berlin -

Der Mitgliedsbeitrag ist happig: 7000 Euro Aufnahmegebühr, 12.000 Euro Jahresbeitrag fordert die neue Kooperation „Apo-Future“ von ihren Mitgliedern. Die müssen sich entscheiden, ob sie künftig in ihrer Apotheke eine Spielecke für Senioren installieren oder lieber Compliance-Regel-Experten werden möchten. Es gibt sechs Kategorien, die den Erfolg der Apotheken langfristig sichern sollen. Wer nicht mitmacht, wird wirtschaftlich nicht überleben – warnen die Apo-Future-Experten. Hier lesen Sie, warum sie recht haben.

Mit der lauwarmen Ausrede „Wir sind aber Apotheker und keine Unternehmer“ kommt künftig niemand mehr durch. Werbeprofi Martin Dess hat mehr als 20 Jahre Erfahrung mit Apothekern und sechs Typen ausgemacht, denen er im Rahmen der knallharten pharmazeutischen Auslese Chancen einräumt.

Unsere Lieblingskategorie ist die „Mensch-im-Fokus-Apotheke“, der neue Ort sozialer Kontakte. In Anlehnung an das Konzept von Dess fordert Apo-Future eine Apotheke, in der vor allem Ältere andere, noch ältere Menschen treffen und länger verweilen können. Ein Abenteuerspielplatz für Senioren lässt sich in jeder Offizin problemlos einrichten, glückliche Omas kaufen mehr ein und ein ausgeglichener Großvater nimmt vielleicht noch OTC-Ware, Bonbons oder pflanzliche Aufputschmittel mit. Auch Varianten ähnlich der Kita-Idee, bei der man die nölige Oma morgens abgibt und nachmittags glücklich wiederbekommt, sind langfristig denkbar. Und wer noch den Blues im Blut hat, geht mit den Eheleuten Schwirtz von der Flores-Apotheke in Hude auf Biker-Tour.

Es gibt fünf weitere Kategorien, für die sich die Apotheker einschreiben können: Wer eine altmodische Apotheke in einem Ärztehaus hat, mutiert demnächst vielleicht zum „Logistik- und Performance-Apotheker“ mit ausgeklügelter IT. Bevor der Patient im dritten Stock richtig verstanden hat, welche Krankheit er hat, klingelt beim Apotheker im Erdgeschoss schon die Kasse, weil der Arzt online das Rezept geschickt hat.

In der „Coach-Apotheke“ werden gesundheitsbewusste Berufstätige nach allen Regeln der pharmazeutischen Kunst betreut, sie bekommen ihr persönliches Präventionskonzept mit allem Pipapo. Coaching kostet halt. Dafür bekommen sie das gute Gefühl, trotz 70-Stunden-Woche etwas für die Gesundheit zu tun. Solche Apotheker bitten auch schon einmal um ein Gespräch mit dem Minister, wenn es um ihre Kunden geht.

Der „Kompetenz-Apotheker“ von morgen hat nicht nur ein bisschen Ahnung von Homöopathie und dann noch ein bisschen von Krampfadern, sondern beherrscht vier Indikationen perfekt. Wenn sich das herumspricht, kann er seinen Stammkundenkreis erweitern. Dann kommen auch Menschen aus weiter gelegenen Ortschaften, um sich beraten zu lassen. Also bitte nicht erschrecken, wenn eine kichernde Großfamilie vor der Tür steht, weil sie in Mumbai (größte Stadt Indiens) gehört haben, dass in Gröde (kleinster Ort Deutschlands) eine Koryphäe in Sachen Verstopfungsbeschwerden sitzt.

Der „Compliance-Wirkungs-Apotheker“ ist auf Arzneimittelmanagement spezialisiert. Der Arzneimittelmanager sorgt dafür, dass alle Menschen ihre Medikamente richtig einnehmen, weshalb sie alle hundert Jahre alt werden. Klingt komisch? Nach diesem Satz von Dess nicht mehr: „Die Pharmahersteller würden doppelt so viel Umsatz machen, wenn Menschen ihre Medikamente richtig einnehmen würden.“ Dess ist natürlich Präsident von „Apo-Future“ und Platin-Berater im Arbeitskreis „Senioren-Abenteuerspielplatz“.

Die „regionale Online-Apotheke“ schließlich gewinnt den Wettbewerb, weil sie die Packung Kopfschmerztabletten um 28 Minuten schneller als die internationale Konkurrenz ausliefert. Dahinter stecken lokale Logistik-Profis (vormals: Apotheker), die die lokalen Wehwehchen ihrer Stammkunden besser kennen als jedes illegale Computer-Spähprogramm. Wer jetzt schon heimlich Daten sammelt, ist später vorne mit dabei.

Während ABDA-Präsident Friedemann Schmidt warnt, dass alleine in Sachsen 7000 Arbeitsplätze durch den Rx-Versand bedroht sind, wollen SPD und Grüne noch einmal ganz von vorne anfangen. Sie fordern nicht weniger als eine komplett „neue Apothekenlandschaft“. Beim Kongress der Versandapotheken verkündeten die Gesundheitspolitiker, dass das E-Rezept nach der Bundestagswahl rasch kommen muss. Parallel warf Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) von der Seite ein, dass die Online-Ärzte von DrEd doch dazu passen würden.

Eine weitere bahnbrechende Forderung kam von Parteifreundin Sabine Dittmar: „Alle Vertriebswege müssen offen gehalten werden.“ Dazu gehöre auch, dass die Apotheken vor Ort den Botendienst weiterentwickelten. In Baden-Württemberg will man zumindest diesen Punkt umsetzen. Vor fünf Jahren hätte man ihn dafür noch verdammt, jetzt klingt die Prophezeiung von Verbandschef Fritz Becker fast schon verheißungsvoll nach After Work-Entspannung: Er glaubt, dass immer mehr Apotheker nach Feierabend künftig auch noch den Boten machen müssen. Fakt ist: Die Zeit des Mauerns ist vorbei. Auch der MVDA sieht einen regionalen Versandhandel als Zukunftskonzept.

Beckers digitale Rezeptsammelstellen sind auch eine Abwehrstrategie gegen das DocMorris-Terminal in Hüffenhardt. Den Automaten will der Verband verbieten lassen, doch beim Prozess am Landgericht Mosbach mussten sich die Richter erst einmal zeitintensiv die technischen Details erklären lassen. DocMorris hat nämlich gar kein Auto – pardon: Lager in der Gemeinde. In zwei Wochen sind wir schlauer.

Auch die Doc Morris-Mutter ist nicht auf Rosen gebettet, sie braucht dringend 230 Millionen Euro und plant dafür den Börsengang. Dagegen sind die Kosten für eine Vor-Ort-Apotheke überschaubar, auch wenn Filialen laut Apobank-Analyse deutlich teurer geworden sind. Wem alles egal ist, der kann auch mit einem Euro Startkapital anfangen.

Manchmal meldet sich aber auch gar niemand, weder als Käufer noch als Filialleiter: Zuschüsse für Kindergartenbeiträge, Firmenwagen, Tank-Geld – und trotzdem möchte niemand als Approbierter bei Apotheker Hansmann nordöstlich von Bremen arbeiten. Ist ja schließlich eine jener tot gesagten Landapotheken.

Doch nicht nur das Arbeitsleben wird zunehmend zäher, auch die Altersvorsorge ist bedroht. Im Wahljahr Kürzungen bei den Versorgungswerken anzudrohen, ist politisch kühn, aber die Bundesregierung macht es trotzdem. Ein Ausweg: Die Privatapotheke! Ähnlich wie beim Herrn Doktor werden dann eben nur noch zahlungskräftige Patienten deluxe versorgt. 123 Millionen Euro zusätzlich spült das laut PKV-Verband alljährlich in die Kassen der Apotheken. Irgendwie muss die Miete ja reinkommen.

Das gilt umso mehr, als demnächst auch noch OTC-Blockbuster wie Bronchipret, Cystinol und Sogoon Konkurrenz aus der Drogerie bekommen könnten. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat schon eine Idee, wie die Phytohersteller die Umsatzverluste kompensieren könnten: Die Branche soll auf Cannabis umsatteln. 6,6 Tonnen Gras sollen bis 2022 in Deutschland legal und zu medizinischen Zwecken angebaut werden.

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