Raubserie

Berliner Apothekenräuber: „Ich konnte Ihre Angst sehen“

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Berlin -

In Berlin hat heute der Prozess gegen einen 28-Jährigen begonnen, der vergangenen Herbst sieben Apotheken im Nordosten der Hauptstadt überfallen hat. Er zeigt sich reuig und versucht sein Verhalten umfassend zu erklären: Depressionen, Spielsucht, Perspektivlosigkeit. Mit seinen Opfern konfrontiert, bittet er um Vergebung. Die wiederum haben die Ereignisse durchaus unterschiedlich verarbeitet.

Schaut man sich Celio M. an, kann man sich nur schwer vorstellen, dass er ein siebenfacher Räuber ist. Die Hände wie zum Gebet verschränkt, sitzt er auf der Anklagebank der 12. Strafkammer am Berliner Landgericht. Mit sanfter, fast schüchterner Stimme und auf höfliches Auftreten bedacht erklärt er seine Taten und seinen Lebensweg, der in ihnen kulminierte. Rund 4700 Euro hat er erbeutet – von denen nichts mehr übrig ist. M. streitet nichts ab. Ob er etwas beschönigt, muss hingegen das Gericht entscheiden.

Gewalttätig ist er bei den Überfällen nicht geworden, wohl aber bedrohlich. Wegen schwerer räuberischer Erpressung in sieben Fällen muss er sich nun verantworten. Zwischen dem 9. Oktober und dem 16. November hat er die Apotheken in den Berliner Stadtteilen Weißensee und Hellersdorf stets nach dem gleichen Muster überfallen: In den Abendstunden, kurz vor Ende der Öffnungszeit, kam er in die Offizin und bedrohte die Mitarbeiter mit einem 13 cm langen Messer. „Das Zeigen des Messers war eindeutig so zu verstehen, dass er es auch anwenden würde“, heißt es dazu in der Anklageschrift.

Die befragten Zeuginnen werden das später weniger drastisch schildern, doch zuvor bekommt M. vom Gericht die Möglichkeit, sich ausführlich zu seinen Taten zu äußern. Und er nimmt sie wahr, holt zu Beginn seiner Stellungnahme weit aus. „In den letzten Jahren war mein Leben sehr unstet, ich hatte wenige Ziele und keine klare Struktur“, erklärt er. Dabei sei es bis kurz vorm Abitur einwandfrei gelaufen. „Ich habe eine gute Erziehung genossen, das kann ich sagen“, so der 28-Jährige. „Doch dann, mit 18 in der Abiturphase kam bei mir ein krasser Bruch.“ Er habe sich antriebslos gefühlt, sei immer öfter zu spät zur Schule gekommen, irgendwann dann gar nicht mehr. Die Diagnose: eine schwere depressive Episode. Ab da ging es nach seinen Aussagen abwärts.

In tagesklinischer Behandlung habe er Tabletten bekommen, die ihm „Aufwind“ gaben, wie er es ausdrückt. Sein Leben ganz in den Griff habe er dennoch nicht bekommen. Er habe nicht gewusst, was er mit sich anfangen soll. Auch ein freiwilliges soziales Jahr habe ihm nicht aufgezeigt, was er beruflich machen will. Dazwischen war er immer wieder wegen seiner psychischen Probleme in Behandlung. „Aber trotz all dieser Probleme haben Sie ja vorher nie Straftaten begangen“, wendet der Richter ein. Das stimmt, doch irgendwann kam die Spielsucht hinzu. Das Zocken am Automaten sei für ihn ein „extremer Ausgleich gewesen“, schildert er. „Wenn ich gespielt habe, war alles andere egal.“ Doch der Preis dafür war zu hoch, wie sich herausstellte. „Das war der Auslöser, dass finanziell so viel kaputt ging.“

Der Tiefpunkt ist 2018 erreicht. Nach einem Jahr geht die Beziehung zu seiner Freundin kaputt, einer 31-jährigen Lehrerin. Er hatte ihr Geld geklaut, um es zu verzocken. „Nach der Trennung war für mich dann alles vorbei“, erinnert er sich. Daraufhin lässt M. sich gehen, erscheint nicht mehr zur Arbeit, wird letztendlich gekündigt, zahlt keine Miete mehr. Nicht einmal zum Jobcenter sei er gegangen, das hätte ihm „eh nichts mehr gebracht“, wie er es ausdrückt. „Irgendwann lag ich dann auf dem Bett und hatte seit zwei Tagen nichts mehr gegessen. Da fiel die Entscheidung.“ Aber wieso ausgerechnet Apotheken? M. überlegt sichtlich angestrengt, kann die Frage des Richters aber nicht beantworten. „Ich weiß nicht mehr, warum“, sagt er. „Es hätten auch Reisebüros sein können.“ Wahrscheinlich, so mutmaßt er über sich selbst, sei ihm die Idee gekommen, weil er in Ahrensfelde regelmäßig Plasma spenden ging und direkt neben der Station eine Apotheke ist.

Die Tatwaffe habe er sich nicht extra besorgt, sie habe noch vom Vormieter seiner Wohnung im Keller rumgelegen. Und so zog er am Abend des 9. Oktober 2018 mit dem Mut der Verzweiflung los, um seine erste Apotheke zu überfallen. Ganz so kaltblütig, wie er auf seine Opfer wirkte, sei er dabei aber nicht gewesen – er habe große Angst gehabt, geschwitzt und gezittert. „Ich stand ewig vor der ersten Apotheke und habe mich selbst gefragt: Was machst du hier eigentlich?“ Das habe sich auch bei den folgenden Raubüberfällen nicht geändert. Zwei bis drei Stunden habe er teilweise vor den Apotheken verbracht und sich dabei nach eigenen Angaben mit „zwei bis vier Bier und manchmal Goldkrone mit Cola“ Mut angetrunken. „Letztendlich habe ich mir dann aber immer gesagt: Was hast du denn noch zu verlieren?“

Also öffnet er seinen Rucksack, nimmt das Messer heraus, läuft in die Apotheke und spult den Satz ab, der nach seiner Aussage zum Standardsatz bei allen Überfällen wurde: „Keine Diskussion, einfach das Geld raus!“ Innerhalb von Sekunden ist der Überfall vorüber. Er verlässt die Apotheke mit flottem Schritt, aber nicht fluchtartig. „Ich bin nicht gerannt, hab mich nicht versteckt, sondern hab mir was zu kiffen geholt und bin nach hause gegangen.“ Das erbeutete Geld habe er zum Spielen genutzt und um sich mit Freunden zu treffen. „Dabei habe ich dann gar nicht mehr an meine Taten gedacht.“ Als es ausgegeben war, musste die nächste Apotheke her. Keiner der Überfälle sei geplant gewesen, betont er. „Routine konnte gar nicht aufkommen, weil ich nach keiner Tat dachte, dass es eine weitere gibt.“

Auch dass er das Messer niemals eingesetzt hätte, beteuert er mehrfach. „Wenn die mir kein Geld gegeben hätten, wäre ich einfach wieder gegangen“, sagt er. Seine Opfer konnten das natürlich nicht ahnen. Vier von ihnen wurden noch am Dienstagvormittag vernommen: zwei Apothekerinnen, eine Pharmazieingenieurin und eine PTA. Den Ablauf schildern sie alle mehr oder weniger gleich, die Folgen der Ereignisse sind indes sehr unterschiedlich. Körperlich verletzt wurde keine von ihnen, nach seelischen Folgen gefragt, reichen die Reaktionen hingegen von Schulterzucken bis zu psychologischer Betreuung. „Ein paar schlaflose Nächte habe danach schon gehabt und manchmal ist mir etwas mulmig, wenn Kunden hereinkommen“, sagt eine der beiden Apothekerinnen. Krankgeschrieben oder in psychologischer Betreuung sei sie jedoch nicht gewesen.

Die andere Apothekerin klingt beinahe so, als könne sie dem Ereignis etwas Positives abgewinnen. Sie habe dadurch begonnen, sich mehr denn je um die Sicherheit ihrer Mitarbeiterinnen zu kümmern und die Sicherheitsmaßnahmen in ihrer Apotheke entsprechend hochgerüstet. Ganz anders sieht es die befragte PTA. Zwei Wochen sei sie krankgeschrieben gewesen, daraufhin in psychologischer Behandlung. „Ich gehe seitdem anders an die Arbeit, nicht mehr so ungezwungen“, berichtet sie. „Ich konnte Ihre Angst sehen und kann mich gut daran erinnern, dass sie gezittert haben“, sagt der Angeklagte ihr danach. „Und ich weiß, dass psychologische Therapie nicht schön ist, ich habe das auch schon durch. Ich hoffe, dass Ihnen so etwas nie wieder passiert.“

M. erhält nach jeder Zeugenaussage das Wort, um sich persönlich bei den Opfern zu entschuldigen und tut das auch jeweils individuell. Zumindest eine der Apothekerinnen zeigt sich dabei auch erkenntlich. Wie er da sitzt, ist ihm die Rolle des Reuigen auch durchaus abzunehmen. Dazu passt es allerdings auch, dass er sich selbst gestellt hat. Anfang Dezember sei er am Ende gewesen. „Nach der letzten Tat ging es mir psychisch sehr schlecht“, erinnert er sich. Auf dem Bett liegend habe er mit einem Freund per Whatsapp geschrieben und ihm einige Sachen gebeichtet, unter anderem, dass er keinen Job mehr hat und dass er „Scheiße gebaut“ habe. Da sei ihm das erste mal überhaupt die Idee gekommen, im Internet nachzuschauen, ob über seine Raubserie berichtet wird.

„Da habe ich gesehen, dass es da einen Artikel gibt, in dem auch die Opfer aussagen, und in dem stand, dass nach mir gesucht wird.“ Daraufhin sei er zusammengebrochen, habe geweint und Angstzustände bekommen. Er schickt ihn seinen Freunden und ruft sie zu sich. Die raten ihm, dem Spuk ein Ende zu bereiten. Am Abend des 3. Dezember geht er zur Polizeidirektion 61 in Hohenschönhausen und stellt sich. Seitdem wartet er hinter Gittern auf seine Strafe.

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