Notdienst: „Komme mir vor wie ein Pizzaservice“ | APOTHEKE ADHOC
Shitstorm

Notdienst: „Komme mir vor wie ein Pizzaservice“

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Berlin -

Apotheker Michael Mantell aus Dortmund hat mit einem spitzen Kommentar gegen die Rosinenpickerei der Online-Shopper ein starkes Echo entfacht. Nun schießt er in der Regionalpresse nach. Zwar gehöre der Notdienst zum Apothekerberuf dazu, manchmal komme er sich allerdings vor wie ein Pizzaservice. Seine Klagen stoßen auf der Facebook-Seite der Zeitung allerdings auf wenig Verständnis.

24 Stunden war Mantell, Inhaber der Hörder Stifts-Apotheke, am vergangenen Wochenende im Einsatz. Und das nach einer ganz normalen Arbeitswoche. Ein Notdienst wie jeder andere. Und das sei auch das Problem: Statt nach Medikamenten gegen hohes Fieber, Pseudokrupp, Asthma oder Allergien fragten die Kunden vor allem nach Nasenspray, Kondomen oder Pflastern. Dabei würden einige eine verstörende Erwartungshaltung an den Tag legen, kritisiert der Apotheker.

„Eine wohnortnahe, unverzügliche, sichere Arzneimittelversorgung gehört zu unseren Aufgaben als Apotheker“, sagt er. Mantell betont, wie wichtig ihm die sichere Versorgung der Menschen ist. „Aber das Anspruchsdenken ärgert mich“, sagt der Apotheker. „Die Kunden denken, ,die sind ja eh da‘, und legen langsam auch bei Medikamenten ein Konsumverhalten an den Tag wie bei Essen und Kleidung.“

Wenn Kunden in der Nacht anrufen und entrüstet fragen „Liefern Sie denn nicht?“, dann lässt das den erfahrenen Pharmazeuten schon etwas fassungslos zurück. „Ich komme mir manchmal vor wie ein Pizzaservice.“

Ein Kunde klingelte mitten in der Nacht und fragte nach einer Salbe gegen Fußpilz, erinnert er sich. „Ich habe gefragt, ob ihm das nachts erst aufgefallen ist, da hat er gesagt: ,Ich fahre morgen in Urlaub‘“, berichtet Mantell. Es sei vor allem für die jüngere Generation eben selbstverständlich, den Dienst der Apotheker in Anspruch zu nehmen. In der Notaufnahme in den Kliniken laufe das ähnlich oder sogar noch schlimmer.

Um auf die Problematik aufmerksam zu machen, hat der Apotheker auch mit der Regionalzeitung Ruhrnachrichten gesprochen. Die Kommentare, die auf der Facebook-Seite des Mediums von Lesern hinterlassen wurden, zeigen jedoch, dass Mantell damit auf keinerlei Verständnis gestoßen ist. Ganz im Gegenteil. In den meisten Kommentaren wird der Apotheker ziemlich forsch angegangen.

„Wenn es Ihnen nicht passt, dann machen Sie dicht“, schreibt eine Userin. „Es gibt noch andere Apotheken. Sie sind nicht der Einzige hier.“ „Und wenn ich nachts für meine Frau, meine Tochter oder für mich ein paar Ibuprofen brauche, dann fahre ich zur Notdienstapotheke und gut ist“, meint ein anderer Leser. „Dafür sind die doch da oder etwa nicht?“

Aus Sicht eines weiteren Kommentators soll der Apotheker froh sein, dass er überhaupt etwas verkaufen und Umsatz machen darf. Solange die Apothekerlobby zu verhindern wisse, dass einfache Medikamente in Drogerien zu bekommen sind, müssten die Apotheker eben damit leben, am Wochenende auch Kunden bedienen zu müssen, die nur „kleine Wehwehchen“ haben. „In zehn Jahren jammert er, dass keiner mehr zu ihm kommt, weil Versandapotheken per Drohne 24/7 innerhalb von einer Stunde, auch als Notdienst, liefern, ganz egal ob Medikamente oder Hygieneartikel“, prophezeit eine andere Userin.

Nur einige wenige appellieren an die Vernunft und lassen sich auf die Argumentation des Apothekers ein. „Ich stimme dem Mann zu in dem Punkt, dass viele Menschen wohl nicht verstehen, dass es sich um einen Notdienst handelt und nicht lediglich um eine zusätzliche Öffnungszeit“, schreibt eine Leserin.

„Ich verstehe nicht, warum man sich nicht eine Hausapotheke zulegen kann“, wundert sich eine weitere Userin. Dann hätte man Schmerz- und Fiebermittel, Nasenspray und Durchfallmedikamente zuhause und müsste weder in die Notdienstapotheke noch in die Notaufnahme.

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