Zyto-Skandal

Kontrollaktion Zytok: Bottrop wurde nicht geprüft

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Berlin -

Seit Bekanntwerden des Skandals um den mutmaßlichen Pfusch-Apotheker Peter S. stehen Forderungen nach einer strengeren Kontrolle von Zytoapotheken im Raum. Jetzt hat das Recherchekollektiv Correctiv aufgedeckt, dass es in Nordrhein-Westfalen bereits 2012 eine Prüfung gab. Ausgerechnet die Alte Apotheke aus Bottrop entging laut Bericht der Kontrolle.

Das Landeszentrum für Gesundheit (LGZ) hatte fast 200 Zubereitungen von knapp 100 Zytoapotheken kontrollieren lassen. Die bundesweit einmalige Aktion trug den Namen „Projekt Zytok“. Aus jeder Apotheke sollten zwei 5-Fluorouracil-Zubereitungen gezogen werden. Man habe sich für diesen Wirkstoff entschieden, da er von allen Zytoapotheken zubereitet würde und vergleichsweise günstig ist.

Die Stadt Bottrop weigerte sich zusammen mit Gelsenkirchen und Recklinghausen an Zytok teilzunehmen. Darum wurden etwa 40 Zytoapotheken in NRW nicht kontrolliert, unter ihnen auch die Alte Apotheke. Scheinbar hatte man in Bottrop „datenschutzrechtliche Bedenken“. S. soll enge Beziehungen zur Stadtspitze gehabt haben. „Eine Beteiligung von Herrn Peter S. an der Entscheidungsfindung, ob an diesem Projekt teilgenommen werden soll oder nicht, ist nicht bekannt“, sagt ein Stadtsprecher gegenüber Correctiv. Definitiv ausschließen könne er es nicht. Die Anwälte von S. ließen die Frage unbeantwortet.

Der Verband der Zytostatika herstellenden Apotheker (VZA) kann die datenschutzrechtlichen Bedenken nicht nachvollziehen. Gegenüber Correctiv hieß es, man habe das Projekt ausdrücklich befürwortet. Bei dem Apotheker Peter Müller in Düsseldorf wurden Proben gezogen. Er fand das Projekt „wichtig“, datenschutzrechtliche Bedenken sehe er keine. Müller belieferte unter anderem den Brustkrebsspezialisten Mahdi Rezai mit Zytostatika, bis S. die Versorgung der Patientinnen von Rezai übernahm.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat angekündigt, Apotheken in Zukunft genauer kontrollieren lassen. Es werde klare Vorgaben für Umfang und Schwerpunkte der Inspektionen geben und die Ergebnisse der Untersuchungen sollen einmal jährlich im Internet veröffentlicht werden. „Vertrauen kann nur durch Transparenz entstehen“, sagte Laumann. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach will die Zyto-Apotheken ganz abschaffen. Chemotherapien sollen nur noch in spezialisierten Kliniken zubereitet und durchgeführt werden dürfen, forderte Lauterbach im Interview mit dem NDR. Dort herrsche das Mehraugenprinzip. „Dort gibt es keine Selbstständigen, die Millionengewinne damit machen“, so Lauterbach.

Die ABDA will ein anderes Vergütungsmodell für Zytoapotheken. Künftig dürfe nur noch die Herstellung der Mittel vergütet werden, forderte ABDA-Präsident Friedemann Schmidt im September. Geld sollten die Apotheker „nur noch für tatsächlich erbrachte Leistung“ bekommen und nicht mehr für die Wirkstoffe. Bei der Honorierung der Produktion würden „falsche Anreize gesetzt“.

Die Städte im Umkreis von Bottrop haben bereits Konsequenzen gezogen. Bei unangekündigten Inspektionen sollen Krebsmedikamente auf ihren Gehalt analysiert werden. Durch stärkere Kontrollen erhoffen sich die Kommunen die Verhinderung solcher Fälle. Kontrolliert werden sollen in den Monaten November und Dezember insgesamt fünf Apotheken in Essen, Mülheim und Oberhausen, die individuelle Chemotherapie für Patienten herstellen. Die kostspieligen Untersuchungen sollen zu Lasten der betroffenen Apotheker gehen. Die Ergebnisse der Tests würden im Januar erwartet.

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