„Apotheker, raus aus dem Hamsterrad!“

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Berlin - Die „Jäger von Röckersbühl“ gehören zu den gefragtesten Werbeagenturen im OTC-Bereich. Firmenchef Martin Dess arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Apothekern zusammen. Er macht sich Sorgen, dass der Berufsstand und die Branche insgesamt den Aufbruch in eine neue digitale Ära verschlafen. Ohne visionäre Ideen könnten Internetkonzerne wie Google Teile des Marktes übernehmen, sagt er.

ADHOC: Was hat Google mit Apotheken zu tun?
DESS: Google und Apple sammeln einen stetig wachsenden, immensen Wissenspool über den Gesundheitszustand von Patienten. Ärzte und Apotheker haben da das Nachsehen. Bewegungs- und Schlafverhalten, Vitaldaten und Essgewohnheiten werden digital erfasst und in Apps analysiert. Der nächste logische Schritt ist dann die Beratung und Empfehlung auf Basis eben genau dieser Daten. Das bringt alle Beteiligten im Gesundheitswesen unter Druck – wenn wir es akzeptieren, dass Internetkonzerne anhand der gesammelten Informationen bestimmen, welche Behandlung ratsam ist oder welche Medikamente vom Patienten eingenommen werden sollen.

ADHOC: Warum sollten sie das?
DESS: Patienten werden das Monitoring ihrer Gesundheit immer häufiger selbst in die Hand nehmen. Und das gilt nicht nur für Fitnessfreaks, die beispielsweise Socken kaufen, die das Abrollverhalten beim Laufen messen. Die US-Regierung hat einen Wettbewerb für ein Gerät ausgeschrieben, das bis zu 15 Krankheiten erkennen kann. Ziel ist es, dass diese Innovation in zwei Jahren als Prototyp verfügbar ist und zukünftig in jedem Haushalt zu finden sein wird. Aber damit längst nicht genug. E-Health wird in vielen Facetten zu uns nach Hause kommen und für jeden von uns verfügbar sein. Der Arzt wird per Videokonferenz bei Ihnen und mir im Wohnzimmer Sprechstunde halten. Schon heute können Sie selbst mit dem iPhone Fieber messen, mithilfe von Apps Ihr Hautkrebsrisiko bestimmen oder mit einem speziellen Pflaster die Schwellung nach einer Knieverletzung messen – und die passende Salbe wird in Kürze auch gleich dazu geliefert.

ADHOC: Glauben Sie wirklich, dass die Menschen Google so viele Informationen über sich preisgeben?
DESS: Es wird ihnen nichts anderes übrig bleiben. Der sensible Umgang mit den persönlichen Gesundheitsdaten ist natürlich wichtig. Nichtsdestotrotz werden die Erfassung und Weitergabe von Daten und Informationen weiterhin zunehmen. Die Dynamik der Informationen im Internet ist immens hoch. Da führt an einer intelligenten Selektion kein Weg vorbei. Und so viel steht fest: Der Nutzen aus den preisgegebenen Informationen wird die Skeptiker überzeugen.

Mehr als 20 Jahre ist es her, dass Martin Dess den elterlichen Bauernhof verkauft hat, um sich mit einer Werbeagentur selbstständig zu machen. Zu seinen ersten Kunden gehörten mehrere Apotheker; er kennt daher die Bedürfnisse und Besonderheiten des Berufsstands besser als die Konkurrenz. Der Phytohersteller Bionorica etwa wäre ohne die POS-Konzepte der „Jäger von Röckersbühl“ heute nicht dort, wo er steht. Auch für Klosterfrau, Johnson & Johnson, Bayer, Weleda, Pharmatechnik und Walter Bouhon sind oder waren die Experten aus der Oberpfalz bereits aktiv; jüngster Neuzugang ist Hexal. Ansonsten ist die Gruppe auch für Kunden außerhalb des Pharmasegments aktiv – Wissenstransfer über Branchen hinweg ist, lautet das Motto. An drei Standorten arbeiten rund 155 Mitarbeiter.

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