Göttingen

Neue Apotheke dank Wasserschaden

, Uhr
Berlin -

Hätte stetig herabtropfendes Wasser ihr nicht den Garaus gemacht, hätte die Göttinger Altstadt-Apotheke ihr gediegenes altenglisches Interieur wohl noch lange behalten. So entschied sich Inhaberin Anke Lucht für einen radikalen Schnitt.

Anke Lucht studierte Pharmazie in Kiel und arbeitete dort noch bis 2009. „Dann kam ich nach Göttingen zurück, weil meine Mutter hier eine Apotheke hatte.“ Auch die Tochter machte sich selbstständig, übernahm am 1. Februar 2010 erst die Apotheke Grone Süd, fünf Monate später die Altstadt-Apotheke.

„Die Altstadt-Apotheke gab es zu diesem Zeitpunkt schon mehr als drei Jahrzehnte. Sie war sehr schön, mit einer Einrichtung und Schubkästen in englischer Eiche“, erzählt Lucht. Ihr nostalgisches Ambiente hätte die Offizin wohl noch weitaus länger behalten, hätte ihr im Oktober 2016 nicht ein Wasserschaden empfindlich zugesetzt. „Das Wasser tropfte langsam von oben herab, was wir erst bemerkt haben, als das Holz zu quellen anfing.“

Die Apothekerin entschied sich für einen glatten Schnitt. „Ich hatte keine Lust, hier eine Stelle und da eine Stelle auszubessern“, bekundet sie. „Wenn, dann lieber eine komplette Neugestaltung.“ Die Schubläden und Schränke wichen als Erstes. Dafür wurde später ein Kommissionierautomat eingebaut.

Der dunkle und – nach Meinung der Apothekerin – hässliche Fußboden in der Offizin musste ebenso weichen wie der abgewetzte Teppichboden in Rezeptur und Büro. Die alte Decke segnete das Zeitliche und mit ihr die alte Lichtanlage. „Wir haben Wände herausgerissen, eine neue Schleuse geschaffen, eine neue Beleuchtung und erstmals auch eine Klimaanlage eingebaut.“

Anfang März begannen die Arbeiten. Ihre Kunden ließ sie auf der Facebook-Seite am Baufortschritt teilhaben. Fast während der gesamten Renovierungsphase blieb der Betrieb gewährleistet. „Nur an drei Nachmittagen und an einem Samstag mussten wir mal schließen.“ Der HV-Tisch wurde auf Rollen gestellt, die Ware auf Tapeziertischen ausgebreitet, um den Weiterbetrieb flexibel auf die Arbeiten abzustimmen.

„Teilweise arbeiteten bis zu fünf verschiedene Betriebe gleichzeitig in der Apotheke. Mitunter gab es hier mehr Handwerker in der Apotheke als Mitarbeiter“, schildert Lucht. „Manchmal mussten wir Beratungsgespräche vor die Tür verlagern, weil es drinnen zu laut wurde. Am schlimmsten war aber der Dreck.“ Um die Moral ihrer Angestellten zu stärken, lud Lucht zu Baupausenpartys mit Eis oder Pizza.

Die Kunden hielten die Treue. „Am Umsatz habe ich komischerweise gar nichts gemerkt.“ Nicht alle registrierten sofort, dass sich hier etwas tut: „Eine Dame schaute nicht nach links und rechts. Erst als sie sich an den wackelnden HV-Tisch lehnte, registrierte sie das Treiben um sich herum.“ Andere nahmen rege Anteil. „Sie meinten, ich solle meinen Mitarbeitern eine Umbauzulage geben.“ Was sie selbstverständlich auch getan habe.

Doch glaubten Lucht und ihr Team, dass nach der Rundumerneuerung Ruhe einkehren würde, wurden sie schnell eines Besseren belehrt. Die Räume erstrahlten im neuen Design, die Flyer und Luftballons für die Neueröffnung waren bereits bestellt. Da begann der Hausbesitzer mit der Erneuerung der Hausfassade und setzte ihnen dafür ein Baugerüst vor die Nase. „Das kann man dann nur noch mit einer gesunden Portion Galgenhumor nehmen“, sagt die Apothekerin.

Umso mehr freute sie sich über den Zuspruch für die Eröffnungswoche, die am 19. August zu Ende ging. Jeder Kunde erhielt als Willkommensgeschenk einen kleinen Mörser. Immer um 10 und um 17 Uhr lud das Team zu einer Besichtigung hinter die Offizinkulissen ein. „Besonders die Herren waren vom neuen Automaten sehr fasziniert“, erzählt Lucht.

250.000 Euro hat sie insgesamt für den Umbau in die Hand genommen. Aber die Investition und all die Plackerei habe sich gelohnt: „Ich habe ja noch 20 Jahre Arbeit vor mir und will bis dahin meine Ruhe haben.“

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