Lieferengpässe und Securpharm

Venlafaxin: Siegeldefekt als Grund für Lieferausfälle?

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Berlin -

Millionen von Menschen sind aktuell von Lieferengpässen betroffen – so auch Patienten, die das Antidepressivum Venlafaxin einnehmen. Der Generikahersteller Heumann besitzt – aufgrund der Rabattverträge – einen Marktanteil von über 50 Prozent. Vor einigen Monaten kam es zu Lieferschwierigkeiten. Zu den Hintergründen wurden auf Nachfrage keine Angaben gemacht. Apotheker erhielten bei Heumann telefonisch die Antwort, dass die Ursache für den Ausfall Probleme mit dem Securpharm-Siegel ist. Doch ist dies realistisch?

Um das Risiko zu minimieren, dass gefälschte Arzneimittel bis zum Endkunden gelangen können, wurde im Februar 2019 Securpharm eingeführt. Neben einem Data-Matrix-Code und einer individuellen Sicherheitsnummer muss seitdem auch ein Anti-Tampering-Device auf der Umverpackung aufgebracht werden. Dieser Erstöffnungsschutz soll einen direkten optischen Hinweis darauf liefern, ob das Medikament innerhalb der Lieferkette bereits geöffnet wurde.

Genau dieser Erstöffnungsschutz soll im Falle Venlafaxin Heumann für den Lieferengpass gesorgt haben – das ist die Information, die Apotheker telefonisch vom Hersteller erhalten haben. Da alle Chargen und Wirkstärken eine Zeit lang nicht lieferbar waren, müsste es sich um ein generelles Problem im Verpackungsmanagement gehandelt haben. Vorstellbar wäre, dass Kleber und Verpackung nicht zusammengepasst haben und es bei der Lagerung zu einer Ablösung kam. Nicht alle Kleber haften gleich gut auf den Faltschachteln – je nach Bedruckung ist die Oberfläche rauer oder glatter. Bei veränderten Lagerbedingungen (hohe Temperaturen oder Luftfeuchtigkeit) könnte es passieren, dass sich der Schutz ablöst.

Bei der Umsetzung des Erstöffnungsschutzes können die Pharmahersteller zwischen vier Varianten wählen: Siegel, Heißleim, Perforierung oder Einfolierung. Letzteres findet kaum Anwendung, da das komplette Einhüllen der Verpackung aufwendig ist. Zudem muss das Entfernen der Folie nachträglich sichtbar sein; sie müsste daher stellenweise mit dem Umkarton fixiert werden, sodass dieser beim Entpacken eindeutig beschädigt wird.

Die Unternehmen wurden auf die Veränderungen bei den Packungsvorgaben zeitnah informiert, sodass Änderungen in den Produktionslinien fristgerecht umgesetzt werden konnten. Hennig Arzneimittel baute beispielsweise eine neue Halle: „Wir bei Hennig haben passend zum Securpharm-Start eine neue Halle zur Konfektionierung errichtet. Alleine die Verpackungslinie wurde um drei bis vier Meter erweitert, um alle Bedruckungen und das Siegel anzubringen“, erklärt Dr. Tom Waldmüller, Leiter Rx-Marketing.

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) spricht von einer weitestgehend reibungslosen Umsetzung der Securpharm-Vorgaben. Lieferausfälle, die durch minderqualitative Anti-Tampering-Devices entstanden sind, sind bisher nicht bekannt. Thomas Brückner, Leiter des Bereiches Pharmazie, Medizinprodukte und Normung, erklärt, dass bislang keinerlei Hinweise zu dieser Problematik eingegangen seien. Durch Securpharm bedingte Lieferengpässe seien bisher nicht bekannt.

Auch in der Verpackungsindustrie scheint die Thematik weitestgehend unbekannt. Die Auswahl von Verpackung und Kleber unterliegt, wie andere Prozesse auch, den GMP-Rahmenbedingungen. Dieter Mößner, Key Account Manager beim Verpackungsspezialisten Edelmann erklärt, dass der Schutz bis zu einem Jahr nach Ablauf der Haltbarkeit gewährleistet sein muss. Bis zum sogenannten „Point of dispense“ müssen Verpackung und Kleber eine Einheit bilden. Edelmann produziert Faltschachteln und Rohlinge.

Mößner erklärt weiter, dass die Auswahl des Klebers nach einheitlichen Kriterien abläuft. Das Originalitätskennzeichen, die Verpackung und der Verpackungsprozess müssten so qualifiziert sein, dass die Anforderungen an die Kennzeichnung erfüllt sind. „An die Umverpackung sind die gleichen Anforderungen hinsichtlich Qualität gestellt wie an die Arzneimittel selbst.“ Die Spezifikation eines Klebers sei eine reguläre GMP-Tätigkeit – hierzu gehören auch die Auswirkungen von Lagerbedingungen wie Luftfeuchte und Temperatur.

Zur Umsetzung der Vorgaben steht den Herstellern die ISO-Norm „Packaging – Tamper verification features for medicinal product packaging“ zu Verfügung. Innerhalb dieser Norm werden alle Varianten, Regeln, geforderten Qualifizierungen und Überprüfungen beschrieben. Auf mehr als 20 Seiten sind die genauen Vorgaben mit Text und Bild erklärt. Bei der gewählten Variante muss sichergestellt werden, dass der Apotheker eine vorangegangene Öffnung direkt erkennen kann, beispielsweise dadurch, dass die Packung stark beschädigt ist.

Zwei Drittel aller Fertigarzneimittel sind mit Heißleim verschlossen. Der Großteil der Arzneimittel wird in Deutschland oder der EU verpackt. Länder wie Indien und China, die häufig im Zusammenhang mit Lieferengpässen stehen, exportieren weitestgehend Wirksstoffe zu Weiterverarbeitung. Innerhalb der Rohstoffproduktion kam es in den letzten Jahren häufiger zu Lieferausfällen. Neben Bränden oder technischen Problemen waren teilweise auch unzureichende Hygienebedingungen die Ursachen. Eine abschließende Quantifizierung des Quarantäne-Anteils der außerhalb der EU verpackten Arzneimittel kann nicht erfolgen. Experten zufolge scheint der Anteil jedoch so gering, dass Securpharm-bedingte Lieferausfälle weitestgehend ausgeschlossen werden können.

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