Interview Dr. Patricia Ex (BMC)

Neue Dienstleistungen: „Keine Apotheke hat Bestandsschutz“

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Berlin -

Apotheker sollten sich wesentlich intensiver und engagierter als bisher in die Entwicklung neuer Versorgungsformen einbringen. Das fordert Dr. Patricia Ex, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Managed Care (BMC): „Wir haben rückblickend immer bedauert, dass Apotheker in vielen Versorgungsmodellen so gut wie keine Rolle gespielt haben.“ Es sei der Eindruck entstanden, dass Apotheker viel zu sehr auf Defensive ausgerichtet gewesen seien: „Sie haben ihre Strukturen verteidigt“, sagte sie im Interview mit APOTHEKE ADHOC.

ADHOC: E-Rezept, ePatientenakte und eMedikationsplan stehen kurz vor der Einführung und werden den Gesundheitsmarkt verändern. Das müssten doch goldene Zeiten für Managed-Care-Angebote werden.
EX: Goldene Zeiten, das müssen wir abwarten. Aber es kommt natürlich Bewegung in den Markt. E-Rezept und eAkte sind eine gute Grundlage, um mehr Managed Care – also mehr koordinierte Versorgungsstrukturen – in den Markt zu bringen. Es geht ja darum, verschiedene Versorgungsbereiche, verschiedene Heilberufe und Gesundheitsprofessionen zusammenzubringen. Der Apotheker erfährt mehr vom Arzt und umgekehrt. E-Rezept und ePatientenakte sind als digitale Daten- und Kommunikationsplattform sozusagen der Kleber zwischen den Beteiligten. Wir erwarten, dass dadurch die Zusammenarbeit leichter wird.

ADHOC: Wie man hört, gibt es aber überall Widerstand gegen sektorübergreifende Versorgungsmodelle.
EX: Richtig, die Akteure müssen trotz aller technischer Erleichterungen zusammenarbeiten wollen, damit in der Praxis etwas passiert. Wir haben beispielsweise in Estland, dem Musterland der Digitalisierung, beobachtet, dass trotz technischer Voraussetzungen gegenseitige Vorbehalte zwischen Apothekern und Ärzten weiterhin bestehen. Auch nach der Einführung von E-Rezept und ePatientenakte muss die Zusammenarbeit erst mit Leben gefüllt werden. Das wird noch ein langer Weg werden.

ADHOC: Auch wenn sich die technischen Voraussetzungen verbessern, sind Versorgungs- und Selektivverträge immer noch gesetzlich geregelt. Ist das ein Hindernis? Muss da etwas geändert werden?
EX: Selektivverträge sind im Sozialgesetzbuch (SGB V) festgeschrieben. Dadurch gibt es erhebliche Einschränkungen. Das spüren wird auch bei den Modellprojekte des Innovationsfonds. Da könnte es deutlich mehr Experimentierfreude geben, zum Beispiel bei der Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Wir brauchen eine Vertragsgrundlage, die unabhängig von den Sektorengrenzen im SGB greift. Man müsste den Paragrafen 140 a sozusagen vor das SGB ziehen, damit alle Versorgungsbereiche erfasst werden können. Das würde die Zusammenarbeit erheblich erleichtern.

ADHOC: Auch die Apotheker sollen mit dem Apothekenstärkungsgesetz neue Dienstleistungen anbieten können. Ich das eine neue Chance? Was stellen Sie sich da vor?
EX: Wir haben rückblickend immer bedauert, dass Apotheker in vielen Versorgungsmodellen so gut wie keine Rolle gespielt haben, sehr abgegrenzt waren. Die Apothekerverbände haben sich auch nicht nach vorne gedrängelt. Je mehr das Gesundheitswesen charakterisiert ist von multimorbiden Patienten, werden die Koordination zwischen Gesundheitsprofessionen und die Kommunikation mit Patienten noch wichtiger. Hier ist der Bedarf an Arzneimitteltherapieunterstützung, Adhärenz und Wechselwirkungsmanagement riesig. Ich glaube, dass Apotheker dabei eine ganz hervorragende Rolle als niederschwellige, hoch qualifizierte Anlaufstelle spielen können. Den Apothekern selbst würde das als Instrument zur Kundenbindung große Vorteile bringen.

ADHOC: Was ist aus Ihrer Sicht die Ursache für die bisherige Zurückhaltung?
EX: Von außen entstand der Eindruck, dass die Apotheker viel zu sehr auf Verteidigung ausgerichtet waren, als konstruktiv an Zukunftslösungen mitzugestalten und ihre wichtige Kompetenz einzubringen. Sie haben ihre Strukturen verteidigt.

ADHOC: Mit den neuen Dienstleistungen öffnet sich aber jetzt wieder eine Tür. Der DAV möchte Dienstleistungen für alle Apotheken definieren und vereinbaren. Denkbar wäre aber auch Wettbewerb.
EX: Ich denke, dass Wettbewerb um bessere Lösungen gerade zu Beginn effizienter ist. Kleinere Einheiten, Apothekenkooperationen etwa, können zu schnelleren Lösungen kommen, als wenn immer alle Apotheken mitmachen können müssen. Im Wettbewerbsmodell können zunächst mal die mitmachen, die sich bewegen wollen. Dann kämen wir schneller voran.

ADHOC: Hat der BMC konkrete Vorstellungen, wo Apotheker mitwirken sollten?
EX: Pharmazeutische Kompetenz fehlt in vielen Bereichen. Apotheker müssen im Ansehen der Patienten den ersten Platz bei der pharmazeutischen Kompetenz von den Ärzten zurück erobern. Das muss ihr Ziel sein. Das heißt, sie müssen überall präsent sein, bei der Chronikerberatung, beim Medikationsmanagement, sie müssen sich einbringen zum Beispiel auch beim Service für jüngere Leute. Apotheker müssen sich als die Arzneimittelexperten vor Ort etablieren. Apotheker sind zwar hervorragend ausgebildet, aber viele Patienten empfinden Apotheken vor allem als Arzneimittel-Abgabestelle und nach unserem Eindruck nicht als Nummer 1 für pharmazeutische Kompetenz.

ADHOC: Apotheker sollen demnächst in Modellversuchen Grippeimpfungen übernehmen.
EX: Wenn die Impfquoten so gering sind wie hierzulande, muss man sich tatsächlich Gedanken machen, welche neuen Wege ausprobiert werden können und inwiefern Grippeimpfungen über Apotheken erfolgen könnten. Man muss hervorheben, dass dieser Vorschlag nicht hochgradig riskant ist. In anderen Ländern – unter anderem in England, Portugal und in allen US-Bundesstaaten – machen Apotheken das seit langem. Warum nicht auch in Deutschland?

ADHOC: Aber nicht alle Apotheken können oder wollen beim Impfen und möglicherweise auch bei den neuen Dienstleistungen mitmachen.
EX: Dass eine Apotheke bessere Angebote macht als eine andere, gehört zur Marktwirtschaft, sogar im streng reglementierten Apothekenmarkt. Der Bedarf an mehr gesundheitsrelevanten Dienstleistungen durch Apotheken ist so groß, dass man die Apotheken dafür auch ruhig in die Pflicht nehmen kann. Apotheken, die nicht mithalten können oder wollen, bleiben dann auf der Strecke. Apotheker müssen damit rechnen, dass neue Angebote wie die Kooperation von DocMorris und den Fachärzten auf den Markt kommen. Wenn solche Angebote besser sind, werden sich diese am Markt durchsetzen. Die inhabergeführte Apotheke als solche hat keinen Anspruch auf Bestandsschutz, wenn sie sich nicht weiterentwickelt und konkurrenzfähig ist. Wir brauchen ein Flächennetz von Apotheken, wir brauchen mehr Dienstleistungen von Apotheken. Ob das von Vor-Ort-Apotheken oder digital geleistet wird, wird sich zeigen. Wir wünschen uns, dass die Vor-Ort-Apotheken hier aktiver werden.

ADHOC: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat bereits viele Gesetze auf den Weg gebracht und teilweise umgesetzt. Er hat kleinteilig an vielen Stelleschrauben gedreht, manche sagen an zu vielen. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?
EX: Minister Spahn hat in dieser Legislaturperiode wirklich viel angegangen und dabei notwendige Impulse in die Wege geleitet. Ein wichtiger Ansatz ist zudem, dass nicht nur an Gesetzen gearbeitet wird, sondern auch an der Struktur. Insbesondere bei der Digitalisierung benötigen wir neben konkreten Änderungen eine Zielvorstellung: Digitalisierung ist gut und richtig. Aber wohin wollen wir damit? Wie sieht die Strategie dahinter aus? Digitalisierung ist nur ein Instrument, aber was ist das Ziel? Hier gibt es noch viel Arbeit, um die Gesundheitsversorgung aus der Sicht der Patienten zu definieren.

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