„Alternativlosigkeit ist keine Wahl“

Kammerwahl Bremen: Apotheker fordert Kurswechsel

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Berlin -

Am 18. Mai trifft sich die Apothekerkammer Bremen zur Vollversammlung. Dabei steht auch die Wahl eines neuen Vorstands an, inklusive des Präsidenten. Zur Wahl stehen zwei Apotheker: neben dem bisherigen Vizepräsidenten Sebastian Köhler auch der Apotheker Mobin Tawakkul. „Alternativlosigkeit ist das Gegenteil einer Wahl“, erklärt er. Alternativen müsse es in einer Demokratie nicht nur personeller, sondern auch inhaltlicher Natur geben.

„Ich kandidiere, weil ich etwas verändern will am Gesamtzustand und den Eindruck habe, dass sich nur dann bundesweit etwas ändern kann, wenn die Zahl der jüngeren Kandidaten zunimmt und wir eine echte Wahl mit mehr als nur einem Kandidaten des Establishments haben“, erklärt der Inhaber der Nordsee-Apotheke in Bremerhaven und der Kronen-Apotheke in der Gemeinde Cadenberge in Niedersachsen. Ein Amt bei der Kammer hat er nicht bekleidet, allerdings ist er Mitglied bei der Freien Apothekerschaft (FA).

Er habe den Eindruck, dass sich eher Ältere berufspolitisch engagierten. „Die Zeitperspektive von älteren Kollegen ist schlicht eine andere als bei den Jüngeren“, erklärt er. Jüngere Kollegen, die vielleicht gerade ihre erste Apotheke gekauft und sich dafür hoch verschuldet hätten, seien in einer ganz anderen Situation als ältere Kollegen, die ihre Schulden bereits tilgen konnten. Zusätzlich zum unternehmerischen Risiko komme noch ein politisches hinzu; auch damit müssten besonders die Jüngeren leben. „Jüngere haben mehr Druck im Nacken“, betont er. Zwar könne der Erstaufwand höher sein; man wage es nicht, komplett neue Wege zu gehen. Anstelle eines „Weiter so“ will er auf einen klaren Neustart setzen, mit interner Neuorganisation der Kammerarbeit, höherer medialer Präsenz und transparentem Lobbyismus.

Eine repräsentative Instanz, welche die Apothekerinteressen vertrete, müsse unabhängig und fair agieren. „Wenn die Landesapothekerkammer nicht frei und selbstständig agieren kann, sondern gebunden ist an andere Institutionen, dann ist das auch schon problematisch“, findet er. Man verlasse sich von oben auf die Bundesapothekerkammer (BAK).

Abda und DAV reformieren

So plädiert Tawakkul für eine Strukturreform der Abda und des DAV. „Als Ansprechpartner und Repräsentanten nach außen haben wir den DAV und die Abda und der DAV wiederum hat einige Aufgaben an die Abda abgegeben – die beiden gehören also zusammen. Der Dachverband DAV hat wiederum Landesverbände und alle anderen Vereinigungen und Verbände, die freiwillig sind, sind außen vor, die werden nicht gefragt und nicht gehört“, kritisiert er.

In der Satzung der Abda heißt es hierzu in § 14 A, Satz 2: „Eine Mitgliedschaft weiterer Apothekervereine/-verbände aus diesen Kammerbezirken ist ausgeschlossen.“

Auch die Freie Apothekerschaft, der Bundesverband Deutscher Apothekenkooperationen (BVDAK) und viele andere sollten seitens der Politik gehört oder mit einem Vetorecht in bestimmten Fällen ausgestattet werden.

Er hoffe, als Kammerpräsident in den Abda-Vollversammlungen mit Gleichgesinnten Allianzen schmieden zu können. „Überall gibt es ein paar Gute. Und wenn die Guten zusammenkommen und Koalitionen schmieden, dann könnte es sein, dass Bremen und diese Wahl das Zünglein an der Waage wird für diese Strukturreform. Alleine schaffe ich das nicht, aber es gibt überall Leute.“

Vergütung für jede Leistung

In der aktuellen Debatte gehe es vornehmlich um das Fixum. Das ist laut Tawakkul zu kurz gegriffen. „Zu einer Verhandlung gehört, dass man alle Aspekte mit einbezieht, nicht nur ein Tauziehen um einen Aspekt veranstaltet. Wir sind sonst immer die Verlierer, weil die andere Seite stärker ist.“ Sein Ziel sei klar: „Mehr Honorar ohne Kassenabschläge.“

Kostenersparnis durch Präventionsmaßnahmen

„Die Kassen könnten eine größere Ersparnis dadurch haben, dass sie uns besser vergüten und wir im Gegenzug effizienter auf die bislang unberücksichtigten Bedürfnisse und Interessen der GKV eingehen“, glaubt er. „Hier sehe ich tatsächlich ein großes Win-Win-Potenzial, wenn wir pharmazeutischer und gleichzeitig unbürokratischer werden dürfen. Die großen Volkskrankheiten, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder psychische Leiden, können nur gemeinsam beseitigt werden.“ Die Apotheker seien hier als Gesundheitslotsen, Aufklärer und Coaches gefragt. Durch die Vermeidung von Komplikationen, bessere Therapietreue durch persönliche Beratung und Betreuung und auf lange Sicht die Vermeidung von Krankheiten durch weitere Präventionsleistungen ergeben sich langfristig enorme Einsparpotenziale für die Kassen.

„Es kann doch nicht sein, dass wir über eine Vergütung sprechen, aber nicht über die Aufgaben, die dahinterstehen“, kritisiert er. Die Aufgabenlast steige seit Jahren, aber nicht die Vergütung der Aufgaben.

Man müsse bei einer Verhandlung auch immer schauen, welche Interessen die Gegenseite habe und auf einen gemeinsamen Nenner kommen; auch der Kassenabschlag müsse einbezogen werden. „Jahr für Jahr wurde die Vergütung inflationsbereinigt weniger – trotz steigernder Aufgaben und temporär steigenden Abschlägen“, so der Apotheker. Das sei paradox.

Er könne sich eine separate Entlohnung vorstellen für beispielsweise die Umsetzung eines Rabattvertrages als Ausgleich für die zusätzlichen Lagerhaltungskosten, den Inkassoservice und das Ausfallrisiko bei Krankenkassen-Zuzahlungen sowie die heilberufliche Aufklärungsarbeit, die der Versandhandel nicht persönlich vornehmen kann. „Wenn wir unsere Forderungen nicht mit Nachdruck und Selbstbewusstsein präsentieren, dann fehlt die Verhandlungsmasse.“

Wettbewerbsnachteil durch Versandhandel

Auch bezüglich des Versandhandels sieht der Apotheker politisch noch Handlungsbedarf. „Im Rahmen der geplanten Apothekenreform muss auch geklärt werden, wie Rabatte auf die Zuzahlung durch ausländische Aktiengesellschaften unterbunden werden können“, betont Tawakkul. Es könne nicht sein, dass die großen Versender die gesetzlich verpflichtende Zuzahlung über das Sponsoring ihrer Marketing-Budgets erlassen können – zulasten der echten stationären Apotheken. Auch die anderen Wettbewerbsverzerrungen wie bei der Temperaturkontrolle müssten ein Ende finden.

Außerdem müssten die Versender seiner Meinung nach für ihre Rosinenpickerei einen finanziellen Ausgleich leisten – zum Beispiel durch eine Umlage bei der Notdienstvergütung. „Apotheken sollten für den Nacht- und Notdienst eine öffentliche Umlage erhalten von Onlineversendern und allen Logistik-Unternehmen mit einem Non-Rx-Arzneimittel-Angebot – oder wir erhalten eben auch eine Wahlfreiheit, uns zum gleichen Preis von der Notdienstpflicht freikaufen zu können“, erklärt er.

Appell zum Wählen

„Ich bin für Basisdemokratie, die einzelnen Apotheker sollen die Kammervertreter wählen, um die Interessen zu vertreten. Dazu muss die Wahl eine echte Wahl sein, keine Pseudowahl“, erklärt Tawakkul. Deshalb appelliert Tawakkul klar an seine Kollegen: „Nehmt euch die Zeit und wählt am 18. Mai!“

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