Notdienst: Ansturm wegen Ausgangssperre

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Berlin - Die Polizei wartet vor der Automatiktür. Drinnen ist Notdienst. Der nächste Kunde hat schon wieder keinen Notfall, eher eine Notlage. Die Ausgangssperre treibt die Menschen in dieser Nacht in Scharen in die Apotheke.

Um Mitternacht stieg die Regierung mit Büffeltritt auf die Notbremse. Apothekerin Julia steht allein in ihrer dunklen Apotheke und denkt darüber nach, ob eine angekündigte und terminierte „Notbremse“ sprachlich eigentlich so gelungen ist. Packen wir den Ausdruck zum „Brückenlockdown“ und zu den „Soforthilfen“, denkt sie, als die Notdienstglocke sie jäh aus ihren Gedanken reißt.

Die junge Frau ist auf dem Heimweg und hat kein medizinisches Problem. Allenfalls erste Anzeichen Verfolgungswahn, denkt Julia. Denn die Kundin kauft schmerzfrei Ibuprofen, zahlt freudig die Notdienstgebühr und erklärt, das sei immer noch viel günstiger als ein Ordnungsgeld. Sie sei einfach zu spät dran – und der Weg über die Apotheke hebe die Ausgangssperre auf. Medikamente darf man sich schließlich immer holen. Julia schmunzelt, sie findet die Idee lustig. Noch.

Die ganze Nacht über geht das so weiter. Immer wieder kommen Kunden und kaufen sich Alibi-Nasenspray oder – offenbar bereits ein Running Gag auf Twitter – „Wick Wege Night“. Da klingelt das Telefon. Es ist die Polizei. Die Beamtin am anderen Ende fragt sehr direkt, ob eben ein junger Mann in der Apotheke gewesen sei und eine Flasche Bio-Rote-Bete-Mehrfruchtsaft gekauft hat. Da Julia gesundheitsbezogene Daten hier nicht übermäßig kompromittiert sieht, bejaht sie wahrheitsgemäß.

In den frühen Morgenstunden hat sich vor der Apotheke eine kleine Schlange gebildet, die Wartenden plaudern auf Abstand und kaufen dann in der Offizin gut gelaunt Salmiak-Pastillen. Auf dem Parkplatz vor der Apotheke steht ein Streifenwagen, das Blaulicht blinkt, die Beamten sind schlecht gelaunt, aber machtlos. Julia überlegt, ob sie die Öffnungszeiten ihres Testzentrums ausweiten soll.

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