„Besonders verwerfliche Gesinnung“

Pfusch-Apotheker: Die Urteilsbegründung Tobias Lau, 15.11.2018 10:16 Uhr

Berlin - Im Falle des verurteilten Pfusch-Apothekers Peter Stadtmann liegt nach vier Monaten die Urteilsbegründung des Landgerichts Essen (LG) vor. Die Ausführungen auf knapp 1600 Seiten zeigen in deutlichen Worten, welche ethische Verkommenheit die Richter dem Pharmazeuten für seine Taten zusprechen. Die juristische Bewertung einzelner Sachverhalte – insbesondere der strafmildernden – bleibt hingegen für viele Laien schwer zu verdauen.

Es ist einer der größten Medizinskandale der Nachkriegsgeschichte: Über mindestens fünf Jahre hinweg soll Stadtmann als Inhaber der Alten Apotheke in Bottrop Sterilrezepturen für schwer kranke Patienten gestreckt haben, um sich, wie es im Urteil heißt, „selbst ein Luxusleben zu finanzieren und sich in seiner Heimatstadt als Gönner und Wohltäter aufzuspielen“. Verurteilt wurde er zu zwölf Jahren Haft wegen Betrugs in 59 Fällen und vorsätzlichen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz (AMG) in rund 14.500 Fällen. Außerdem erhielt er ein lebenslanges Berufsverbot. Der Fall geht jetzt zum Bundesgerichtshof (BGH).

Die Urteilsbegründung des LG Essen zeichnet ein drastisches Bild des Apothekers: das eines Mannes nämlich, der für Geld und Anerkennung buchstäblich über Leichen geht und dann, als er auffliegt, auch noch mehr schlecht als recht versucht, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. „Eine besonders verwerfliche Gesinnung“ habe der Verurteilte und sich „bei seinen Straftaten, motiviert durch Profitgier, nicht von möglichen gesundheitlichen Auswirkungen auf mitunter schwerstkranke Patienten abhalten lassen“, so die Richter.

Die befragten Zeugen hätten anschaulich dargestellt, „dass das Leben des Angeklagten vom Streben nach materiellem Besitz, aber auch dem Präsentieren dieses Besitzes geprägt war“. Erkennen konnte man das demzufolge am Bau seiner Luxusvilla auf einem 18.000 Quadratmeter großen Grundstück, über die auch in den Medien ausgiebig berichtet worden war, sowie an hohen Ausgaben für Alltagsgüter wie Kleidung, großzügige Geschenke und hohe Spenden an gemeinnützige Einrichtungen. Rund die Hälfte des Umsatzes von zuletzt 40 Millionen Euro der Apotheke mit 90 Mitarbeitern entfiel auf den Bereich der Sterilherstellung.

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