Umsatzeinbußen

Rekord: Zehn Jahre Baustelle vor der Apotheke

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Berlin -

Deutschlands ungekrönter Baustellenkönig unter den Apothekern ist Patrick Kwik aus Karlsruhe. Vor seiner Congress Apotheke wurde vor sechs Jahren eine Großbaustelle eröffnet – mit wechselnden Zugangsmöglichkeiten für die Kunden. Der tapfere Pharmazeut hat noch nicht einmal die Halbzeit erreicht, erst 2021 soll das Großprojekt abgeschlossen sein.

Stammkunden von Kwik googeln oft, bevor sie sich auf den Weg in ihre Lieblingsapotheke machen. Nur schnell mal checken, wie man heute am besten in die Ettlinger Straße 5 gelangen kann. Auf direktem Wege geht das schon seit Langem nicht mehr. Und auch parken kann man nicht immer, seit der erste Bagger hier anrückte.

„Kombilösung“ heißt das Zauberwort, das so manchem Karlsruher die Nerven raubt: Im Zuge eines gigantischen Bauprojektes sollen einige Straßenbahnen-Linien der Stadt in einem Tunnel verschwinden. Das soll helfen, das ständig wachsende Verkehrsaufkommen zu entschärfen. Eigentlich eine gute Idee, wenn es nur nicht so lange dauern würde.

„Als ich die Apotheke im Jahr 1998 eröffnet habe, ahnte ich nicht, dass ich von den Bauarbeiten betroffen sein würde“, erzählt Kwik. „Ich dachte, es gehe um Innenstadt-Baupläne, wir sind ja eher Randlage.“ Dass es auch für ihn ernst werden würde, erkannte er, als die Bahnhaltestelle stillgelegt wurde. „Hier fährt erst 2021 wieder ein Zug, dann unterirdisch.“

Fragt man den Apotheker nach dem Sinn der Bauarbeiten, lächelt er. „Es macht für Karlsruhe und Reisende überhaupt keinen Sinn. Vielleicht soll die Bahn ja einfach nur zeigen, dass sie auch im Dunkeln, also im Tunnel, fahren kann“, sagt er. „Jeder schimpft. Ärzte hier belegen zum Beispiel manche Termine schon vierfach.“ Weil sie davon ausgehen, dass viele Patienten auf dem Weg zu ihnen sowieso kapitulieren.

Wutausbrüche sind Kwiks Sache nicht. Mit asiatischer Gelassenheit versucht er, seine zwölf Mitarbeiter und sich durch zehn Jahre Bauarbeiten zu lotsen. „Vor unserer Haustür wird sich die Situation in diesem Jahr verbessern, denn dann wird die Oberfläche wieder hergestellt.“ Über den Ablauf der diversen Bauabschnitte schüttelt er nur den Kopf: „Erst haben die Stadtwerke ihre Arbeit verrichtet.“ Danach wurden alle Baugruben wieder zugeschüttet. Anschließend wurde für die Gasleitungen flink wieder alles aufgerissen: „Wenn wir so in der Apotheke arbeiten würden ...“

Drei seiner Kollegen in der näheren Umgebung, so berichtet Kwik, hätten in den vergangenen Jahren ihre Apotheken schließen müssen. Dies allein den Bauarbeiten zuzuschreiben, wäre vielleicht ungerechtfertigt; vielmehr glaubt er, dass jeweils mehrere Faktoren zusammengekommen sind. Schlechte Geschäfte, die allgemeine Krise der Apotheker – wer dann nicht einen langen Atem und finanzielle Reserven hat, hat schlechte Karten.

Kwik ist ein Kämpfer. Er will durchhalten. Und er will sein Personal behalten, bislang ist ihm das gelungen. Einen Teil der Umsatzeinbußen bekommt er von der Stadt, doch die Entschädigungszahlungen reichen nicht aus, um das Minus auszugleichen. „Ich musste einen Teil meiner Altersvorsorge, Anteile an Wohnungen, verkaufen, um überleben zu können“, sagt er. Genaue Zahlen möchte er nicht nennen. „Die Stadt hat mich nicht umfassend informiert, dass es so derart enorme Einbußen geben würde.“

Statt zu jammern, entwarf der Karlsruher Apotheker neue Zukunftspläne: „Wir haben den Botendienst ausgeweitet, liefern jetzt rund 50 Prozent mehr.“ Wenn der Patient nicht zur Apotheke kommen kann, kommt die Apotheke eben zu ihm. „Zudem hat uns gerettet, dass wir auf Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) spezialisiert sind. Das hat unsere finanziellen Verluste zumindest teilweise ausgeglichen. Wir habe durch Vorträge und Mundpropaganda unser Portfolio erweitert.“

Immer das Positive zu sehen, ist die bislang erfolgreiche Überlebensstrategie der Congress Apotheke. „Immerhin sind wir derzeit gut zu erreichen, es gab zeitweise nur einen schmalen Steg. Auch Rollstühle und Fahrräder mussten darüber geschoben werden.“ Auch mit Aktionen hat Kwik es probiert, dann aber festgestellt: „Wir können uns in unserer derzeitigen Situation gar keine Riesen-Rabatte leisten. Außerdem gibt es dann sofort immer jemanden, der noch aggressiver ist.“

Mit kleinen Aktionen versucht er, seine Kunden bei Laune zu halten. So macht er derzeit zum Beispiel bei der Aktion „Spiel mich!“ mit. Er ist einer von 14 Karlsruher „Paten“, die sich darum kümmern, dass tagsüber Pianos vor ihren Unternehmen stehen. „Ich spiele leidenschaftlich gern Klavier, von klein an“, sagt Kwik. Am liebsten Mussorgski oder Chopin. „Ich habe bis ins hohe Jugendalter oft gespielt, dann eine Zeitlang wenig und jetzt wieder mehr“, sagt er.

Jeden Morgen schiebt er derzeit mit seinen Kollegen das Klavier vor seine Apotheke. Über die Stadt verteilt warten sechs Wochen lang 14 Klaviere auf Musiker. Die Idee stammt vom Stadtmarketing und läuft noch bis zum 6. August. Partner aus Kultur und Handel organisieren zusätzlich zu den spontanen Auftritten Konzerte und musikalische Inszenierungen. Nach der Aktion werden die Musikinstrumente für wohltätige Zwecke versteigert.

Dass Kunden seiner Apotheke den Rücken gekehrt haben, kann Kwik durchaus nachvollziehen: „Der Mensch ist bequem. Wenn er keinen Parkplatz vor der Haustür bekommt, fährt er eben zu einer anderen Apotheke.“ Umso größer ist die Freude, wenn die Kunden den Mitarbeitern besondere Komplimente machen: „Manche sagen, sie kommen extra zu uns, weil wir so schwierig zu erreichen sind. Ich hätte lieber einen anderen USP“, sagt Kwik. Auch Schokolade haben Stammkunden schon vorbeigebracht. Die gute Nachricht: Derzeit gibt es Parkplätze vor der Congress Apotheke. Und in vier Jahren ist alles wieder gut.

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