Vollsperrung

Bauruine gefährdet Apotheke

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Berlin -

Vollsperrung wegen Einsturzgefahr: Weil ein heruntergekommenes Haus saniert wird, lassen sich die Geschäfte in einer Görlitzer Straße schon seit Ende November nicht mehr mit dem Auto erreichen. Die wegfallende Kundschaft macht auch einer Apotheke schwer zu schaffen.

„Görlitz ist eine sehr schöne alte Handelsstadt mit wertvollen mittelalterlichen Strukturen“, erzählt die Besitzerin, die namentlich nicht genannt werden will. „Hier wird Wert darauf gelegt, dass die Häuser sehr schön saniert werden, dafür gibt es jede Menge Fördergelder.“ Die 57.000-Einwohner-Stadt liegt im äußersten südöstlichen Zipfel von Sachsen, direkt an der Grenze zu Polen. Im Vergleich zu großen Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München seien die Immobilienpreise hier sehr gering. „Man kann hier günstig Häuser erwerben oder wunderschöne, wertvolle Wohnungen zu geringen Mieten finden.“

Den einen oder anderen habe das über die Jahre aber dazu verführt, Häuser als reine Spekulationsobjekte erst zu erwerben und dann verfallen zu lassen. Das Gebäude gegenüber ihrer Apotheke sei schon lange ein Schandfleck gewesen. „Gefühlt stand es seit 25 Jahren leer. Ende November bekam ich mit, dass eine Begehung stattfand“, erzählt die Pharmazeutin. „Ich dachte mir, super, jetzt wird endlich saniert, dann geht es hoffentlich schnell voran.“

Leider nein: Bei der Begehung am 30. November habe der Statiker festgestellt, dass das Gebäude akut einsturzgefährdet sei, teilte die Stadt mit. Um das Gebäude zu sichern, den gesamten Schadensumfang und mögliche Auswirkungen auf umliegende Gebäude zu untersuchen, wurde die Straße mit sofortiger Wirkung für den Autoverkehr gesperrt.

Dank eigens eingerichteter Schutztunnel ließen sich die Geschäfte zumindest zu Fuß erreichen. „Damals ahnte ich noch nicht, wie lange sich das hinziehen wird“, sagt die Apothekerin. „Die Sperrung dauert noch immer an, und kein Ende ist derzeit in Sicht. In den vergangenen Tagen habe ich immerhin wieder Arbeiter auf dem Dach gesehen.“

Die betroffene Straße zähle zum Einzugsgebiet der Altstadt. „Weil die Straße gesperrt ist, können die Autofahrer nicht mehr vor den Geschäften parken“, berichtet die Apothekerin. Das sei gefährlich. „Irgendwann wählen sie eine andere Route, spätestens nach drei bis vier Monaten hat sich der Kopf neu sortiert. Dann suchen sie auch dauerhaft andere Geschäfte auf.“

Sie beobachte, wie sehr der Schlüsseldienst oder Friseur, der Blumenladen oder der Obst- und Gemüsehändler, der Dönerimbiss oder die Pizzeria in ihrer Straße schon zu kämpfen hätten. „Die Betreiber verzeichnen alle einschneidende Umsatzeinbußen.“ Sie selbst arbeite gerade zwischen zwei Baustellen. „Auch das Haus nebenan wird gerade saniert, das ist für einen kleinen Betrieb nicht so schön.“

Sie hoffe nicht, dass auch ihre Existenz auf dem Spiel stehe. „Von 16 noch vorhandenen Apotheken mussten zwei im vergangenen Jahr schließen“, erläutert die Inhaberin. „Görlitz ist eine kleine Stadt mit kleinen Durchschnittsapotheken. Wir haben nicht so die überbordenden Umsatzgrößen wie Kollegen in den großen Städten. “

Die Sperrung ihrer Straße fällt in eine für die Stadt ohnehin bewegte Zeit. Die Großunternehmen Bombardier und Siemens haben angekündigt, ihre lokalen Standorte in den nächsten Jahren dicht zu machen. „Die Menschen, die dort arbeiten, verdienen gut, ansonsten ist das Lohnniveau eher niedrig“, sagt die Apothekerin. „Das merken wir schon jetzt in der Straße. Zwei Geschäfte haben hier schon geschlossen, Neuansiedlungen gab es nicht. Ich sehe die Gefahr, dass jetzt das ganze Zusammenspiel der Geschäfte zerbricht.“

Bei allem Ärger habe sie vollstes Verständnis für die Stadt, bekundet die Apothekerin. „Ich finde es toll, wie schnell sie reagiert hat, es wäre nicht auszudenken, wenn jemand von herunterfallenden Dachziegeln getroffen würde.“ Erst habe sie überlegt, wegen der fehlenden Einnahmen gemeinsam mit den anderen Gewerbetreibenden vor Gericht zu ziehen. „Aber die Stadt hat mir bedeutet, dass sie für die Sanierungsarbeiten und die Straßensperrung in Vorleistung getreten ist und Ansprüche beim Hausbesitzer geltend macht. Die Chancen sind eher gering, dass ich Schadensersatz bekomme.“

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