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Glaeske wird Restauranttester

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Berlin -

Neue Aufgabe für den Tausendsassa Professor Dr. Gerd Glaeske: Künftig soll er als anonymer Restaurantkritiker durchs Land reisen. Hier ein Taubenbrüstchen an Trüffelsauce, dort ein Himbeersorbet – es gibt schlimmere Jobs. Der Deal kam zustande, nachdem er gemeinsam mit Fernsehkoch Tim Mälzer die Erfolglosigkeit von Diät-Produkten belegt hatte.

Für die ARD hatten Pharmakritiker und Fernsehkoch kürzlich diverse Schlankheitsmittelchen aus der Apotheke unter die Lupe genommen und deren Wirkungslosigkeit angeprangert. Glaeskes schlaues Fazit: Dann lieber gleich die Fronten wechseln. Vor seinem ersten Einsatz will Glaeske ein zweitägiges Küchenpraktikum in Mälzers Hamburger Restaurant „Bullerei" absolvieren. Dabei sollen unter anderem kleine Feinheiten der Branche wie der Unterschied zwischen Rezept und Rezeptur verinnerlicht werden.

Womit wir schon beim nächsten Testkäufer wären: In und um Passau soll derzeit ein Kontrolleur der Kammer unterwegs sein, der wissen will, wie die Apotheker mit Salicylsäure zurecht kommen. Nicht jeder Kollege ist dafür, dass solche Besuche vorab in den Sozialen Medien bekannt gemacht werden. Wo bleibt der Lerneffekt – und vor allem: Was, wenn er mit einer schwierigeren Aufgabe wiederkommt? Frau Lehrerin, Frau Lehrerin!

Angst vor der Aufsicht haben muss auch die EU-Versandapotheke. Mehr als 1000 Nachfragen und Beschwerden von Kunden sind allein seit der Woche vor Weihnachten in Cottbus eingegangen. Insidern zufolge waren vorübergehend rund 8000 Bestellungen nicht verschickt worden, angeblich wegen eigener offener Rechnungen und mangelnder Liquidität im eigenen Haus. Jetzt muss sich Inhaberin Dr. Bettina Habicht gegenüber der Aufsichtsbehörde erklären. Die Zusammenarbeit mit einer „Partner-Apotheke“ in den Niederlanden wurde bereits wieder eingestellt.

Was Glaeske für seine Einsätze an der Kalorienfront bekommt, wird nicht verraten. Von solch Diskretion können die Apotheker nur träumen. Ihr Einkommen ist quasi öffentlich, seit das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) sein Weihnachtsgeschenk überreicht hat. Mag die Apobank doch kritisieren und vor herben Einschnitten waren: Den Kassen gefällt, was das BMWi da geliefert hat. Endlich sei klar, was Apotheker wirklich verdienten, frohlockt der AOK-Bundesverband. Wobei Verdienen nicht im anerkennenden Wortsinn gemeint ist. Her mit den Milliarden!

Die AOK Baden-Württemberg will das packungsbezogene Apothekenhonorar denn auch gleich durch ein „flexibles Höchstpreissystem“ ablösen. Angesichts der weiter sinkenden Apothekenzahl sei dies erfoderlich, um die Sicherheit der Arzneimittelversorgung zu gewährleisten, so Kassenchef Dr. Christopher Hermann. Na eben, fordern die flächendeckend Versendenden ja auch schon seit Jahren.

Wie gut, dass wenigstens die GroKo sich für den Erhalt der Apotheken vor Ort einsetzen will. Das geht jedenfalls aus dem 28-seitigen Konsenspapier hervor. Allerdings sind keine Maßnahmen zur Umsetzung konkretisiert, sodass im Grunde auch die FDP den Passus unterschreiben könnte. Kann ja auch die Kette vor Ort gemeint sein. Und irgendwie erhalten will ja jeder die Apotheke vor Ort – an welchem Ort, das ist eine andere Frage.

Eine Apotheke, für die der ganze GroKo-Aktionismus zu spät kommt, ist die Berliner Wissmann's Apotheke. Nachdem ein italienischer Investmentfonds das Haus, in dem sich ihre Apotheke befand,gekauft und eine saftige Mieterhöhung gefordert hatte, machte sie kurzen Prozess: Sie schloss ihr Unternehmen.

Bernhard Lobmeier aus dem Schwarzwald hat sich dagegen mit 33 gerade in St. Georgen selbstständig gemacht. Großstadt? Nichts für ihn. Er liebt und lebt die Vor-Ort-Apotheke und glaubt an ihre Zukunft. Und so lange es noch Kunden gibt, die beim Anblick eines Kommissionierers in Verzückung geraten, muss einem als Pharmazeut nicht bange sein.

Respekt sollte man allerdings vor Einbrechern haben, denn die sind oft unberechenbar. Das musste leider die Stifts-Apotheke in Dortmund erleben, die gerade ungebetenen nächtlichen Besuch hatte. Seltsam: Während sich andere Einbrecher auf den Tresor stürzen und nach Bargeld suchen, fehlten in Dortmund nur Vichy-Produkte. Die lassen sich gut als Hehlerware verkaufen.

Das wäre vielleicht nicht passiert, wenn der Inhaber eine Überwachungskamera installiert hätte. Oder mehrere. Wie ein Kollege aus dem Saarland: Der ließ, da sein Unternehmen massiv unter Warenschwund litt, seine Offizin mit drei, das Backoffice mit zwei Geräten überwachen. Der Datenschutzbeauftragte untersagte dies, der Apotheker klagte und bekam in zweiter Instanz Recht.

Vor Gericht läuft derzeit auch der Prozess in der sogenannten Datenaffäre des Bundesgesundheitsministeriums (BMG). Nachdem erst der Staatsanwalt und dann auch noch das BMG selbst keine gute Figur abgaben, konnte doch noch die Anklage verlesen werden. In der Eröffnungsrunde kam dann von der Verteidigung die nächste Überraschung: Hat das Ministerium Zeugen bezahlt? Am kommenden Freitag geht es in Berlin weiter.

Nicht vor Gericht, aber am Pranger stand in dieser Woche auch ein Apotheker aus NRW, der seinem Kunden im Rahmen einer Preisaktion aus Versehen ein Medikament mit kurzer Restlaufzeit mitgegeben hatte. Obwohl er anstandslos austauschte, landete er in der Zeitung. Denn das Ausweichprodukt war einen Euro billiger als das ursprüngliche. So schnell kann der Schuss nach hinten losgehen.

Genau hinsehen sollte man jetzt auch bei Nasenspray. Otriven 0,1 Prozent soll seit Neuestem erst ab zwölf Jahren eingesetzt werden. Alle anderen Hersteller bleiben bei der bisherigen Altersgrenze; wer daneben greift, bekommt es womöglich mit besorgten Eltern zu tun.

Sie haben unerklärlicherweise schlechte Laune, obwohl Wochenende ist? Dann schnell mal die Vitamin D-Werte checken. Ein Milliardengeschäft. Plan B: Auswandern! Neuseeland soll ein Paradies für Apotheker sein. In keiner anderen Region wurden in den vergangenen zehn Jahren so viele Wirkstoffe aus der Verschreibungspflicht in die Verantwortung der Pharmazeuten entlassen. Schnell Ticket buchen, schönes Wochenende!

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