Kommentar

Kassen wollen ihre Pfründe sichern

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Berlin -

Im Gesundheitswesen gilt jetzt: Jeder gegen jeden. Denn mit ihrem Spargesetz greift Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) (fast) allen Playern in die Tasche. Während die Einschnitte bei den Leistungserbringern im GKV-Lager beklatscht werden, wollen die Kassen ihre eigenen Pfründe sichern. Ein Kommentar von Chefredakteur Patrick Hollstein.

Die Kassen sind leer, jeder muss einen Beitrag zur Sanierung der GKV leisten. Dieser simplen Logik lässt sich argumentativ wenig entgegensetzen. Und so bleibt den Verbänden der Leistungserbringer nur, auf die eigene finanzielle Lage hinzuweisen und vor einer Destabilisierung der Versorgung zu warnen.

Die Kassen, die an den Sparvorschlägen munter mitgearbeitet hatten, könnten sich entspannt zurücklehnen, denn die für sie vorgesehenen Opfer sind marginal. Bisschen weniger Werbung, langsameres Wachstum bei den Vorstands- und Funktionärsgehälter – im Vergleich zu Zwangsrabatten klingt die Lage entspannt.

Kassenanzahl minimieren

Doch in der aktuellen Debatte kocht gerade ein Argument hoch, das für die „Hüter der Versichertengelder“ ungelegen kommt: Braucht es wirklich 90 Kassen, die Milliarden für Mitarbeiter, Gremien und Pensionen, Gebäude, Fahrzeuge und Betriebsausstattung, Kampagnen, Lobbying und Mitgliedschaften ausgeben? Alleine die Beiträge an Krankenkassenverbände summierten sich im vergangenen Jahr auf 419 Millionen Euro. Geld, das mit der Versorgung der Versicherten nichts zu tun hat.

So zeigen die Leistungserbringer, aber auch einige Politiker jetzt mit dem Finger auf die Kassen. Diese wiederum wollen davon natürlich nichts hören, versuchen das Thema abzuräumen. Verwiesen wird auf Österreich oder auf die PKV. Im internationalen Vergleich seien die Verwaltungskosten niedrig, gibt im Spiegel gerade ein Berater von Boston Consulting zu Protokoll – jener Unternehmensberatung, für die früher TK-Chef Jens Baas gearbeitet hat.

Kritik an Kassen muss sein

Gerade die überraschend dünnhäutige Reaktion der GKV-Bosse auf jegliche Form von Kritik zeigt, dass die Kritik richtig ist. Die Kassen wollen andere zur Ader lassen und gleichzeitig alle ihre eigenen Pfründe sichern. Statt sich selbst zu zerfleischen, sollten die Leistungserbringer gemeinsam hinterfragen, ob diese Großkunden die richtigen sind. Ärztinnen und Ärzte sowie Kliniken haben am Montag bereits gezeigt, dass gemeinsamer Protest möglich ist. Nur beeilen müsste man sich: Warken will das Spargesetz durchbringen, bevor eine echte Protestwelle entsteht.

Statt eines schnellen und vielleicht überstürzten Spargesetzes sollte sich die Regierung das System vornehmen. Ein Strukturwandel ist nötig, gerade mit Blick auf die demographische Entwicklung. Eine Neugestaltung des Systems im Sinne der heutigen und künftigen Versicherten sollte die Messlatte sein – doch dann müssten auch die Kassen auf den Prüfstand.

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