Krankenhausaufnahme und -entlassung

eMedikationsplan: Barmer will Ärzte und Apotheker vernetzen

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BARMER Arzneimittelreport 2020 // Livestream
Berlin -

Die Barmer präsentiert ihren aktuellen Arzneimittelreport. Schwerpunkt ist die Information des Krankenhausarztes zur medizinischen Vorgeschichte. Vor allem für Polypharmazie-Patienten drohten bei fehlenden Kenntnissen lebensbedrohliche Folgen. Auch bei der Entlassung gefährdeten unzureichende Informationen an weiterbehandelnde Ärzte über Therapieänderungen die Patienten. Das soll ein gemeinsames Projekt von Kasse, Ärzten und Apothekern jetzt ändern.

Eigentlich sei es banal, dass Ärzte in Praxis und Klinik sich austauschten, so Barmer-Chef Professor Dr. Christoph Straub. Die Sektorengrenzen bestünden aber weiter, „der Informationsfluss stockt“. Aus diese Grund soll ab Oktober das Projekt „Top“ („Transsektorale Optimierung der Patientensicherheit“) gestartet werden, das vom Innovationsfonds gefördert wird: Alle Medikamente werden in einem standardisierten Medikationsplan erfasst, den auch der Patient via App einsehen kann.

„Top“ soll auch die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker fördern: Klinikapotheker sollen bei Aufnahme und Entlassung den Mediziner im Krankenhaus unterstützen; so sollen weiterbehandelnde Ärzte und Apotheker adäquat informiert werden. Auch im ambulanten Bereich sollen Ärzte und Apotheker zusammenarbeiten. Dies sei für die bestmögliche Versorgung erforderlich, so Professor Dr. Daniel Grandt, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I, Klinikum Saarbrücken und Mitglied im Vorstand der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ). „Das funktioniert im Einzelfall und regional schon ganz gut, aber systemisch gibt es hier Defizite.“ Bei „Top“ soll ein arbeitsteiliger Ansatz verfolgt werden; alle Abläufe sollen standardisiert sein, sodass der Informationsfluss sichergestellt ist. Auch eine „aufwandsadäquate Vergütung“ ist vorgesehen.

Das Projekt ist auf vier Jahre angelegt; 15 Kliniken machen mit. An Bord sind auch Kassenärztliche Vereinigungen (KV), Landesapothekerkammern sowie der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA). Dessen Präsident Professor Dr. Frank Dörje steht voll hinter dem Projekt. „Top“ soll als Grundlage für den eMedikationsplan dienen, deshalb würden die Standards der Gematik eingehalten, so Straub. Auch Grandt ist überzeugt: „Wir brauchen einen elektronischen Medikationsplan, Papier ist allenfalls ein nettes Add-on.“

Grandt bezeichnete die Aufnahme im Krankenhaus als „Hochrisikoprozess“. So hätten nur 29 Prozent der Patienten den bundeseinheitlichen Medikationsplan. 17 Prozent verfügten über gar keine aktuelle Aufstellung ihrer Medikamente. Vorhandene Pläne waren zudem häufig unvollständig. Sieben von zehn Patienten seien nicht in der Lage, korrekte und vollständige Angaben zu ihren Medikamenten zu machen. „Arzneimitteltherapie im Blindflug“ sei ein vermeidbares Problem, denn sie führe zu Behandlungsfehlern und gefährde die Patienten. Gerade weil die stationäre Aufnahme oft ungeplant erfolge, sei ein strukturierter Prozess wichtig.

Da eine Aufnahme aber 20 bis 30 Minuten dauere und der Arzt dabei noch häufig unterbrochen werde, sei dies in der Praxis oft nicht einfach. Hier soll „Top“ für mehr Erleichterung sorgen.

Genauso ausgeprägt sei das Problem aber bei der Entlassung, wie die Befragung von Ärzten und Patienten ergeben habe. 62 Prozent der Patienten erhielten im Krankenhaus neue Medikamente. Drei von zehn Patienten würden aber nicht ausreichend informiert, noch schlechter sei die Quote mit 36 Prozent hinsichtlich Nebenwirkungen. Dies gefährde die Compliance, so Grandt. Niedergelassene Mediziner erhielten keine Begründung für Änderungen bei der Medikation oder Hinweise auf notwendige Kontrollen.

Straub erhofft sich, dass die gemeinsam für „Top“ entwickelten Instrumente von den niedergelassenen Ärzten und Apothekern genutzt werden und in der Breite Anwendung finden. Dadurch soll auch der Interaktionscheck in der Apotheke gestärkt werden: Bislang hätten Apotheker gar keine Chance, Warnhinweisen aus der Software nachzugehen, da sie gar nicht wüssten, ob der Arzt die entsprechenden Präparate im Bewusstsein der möglichen Wechselwirkung verordnet habe. Im Medikationsplan soll eine Begründung enthalten sein, die auch die Apotheken einsehen und berücksichtigen könnten.

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