Verunreinigung im Analgetikum

Paracetamol enthält 4-Chloranilin

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Berlin -

Die niederländische Zeitung „Nieuwe Rotterdamsche Courant Handelsblad“ (NRC) und das niederländische Dokumentarfernsehen Zembla berichteten Anfang Juli über einen neuen möglichen Verunreinigungs-Skandal: Große Mengen des Analgetikums Paracetamol sollen mit einer chemischen Verbindung verunreinigt sein, die potenziell krebsauslösend ist. Die enthaltene Menge 4-Chloranilin pro Tablette ist nicht genau bekannt – das niederländische Medicines Evaluation Board (MEB) gibt an, mögliche Grenzwertüberschreitungen weiter zu überprüfen.

Drei Chargen Paracetamol, produziert im Frühjahr 2019, sollen mit 4-Chloranilin, kurz PCA, verunreinigt sein. Den Berichten der niederländischen Zeitung „Nieuwe Rotterdamsche Courant Handelsblad“ (NRC) zufolge, könnten aus der betroffenen Menge bis zu 36 Millionen Tabletten hergestellt werden. Für den Menschen wird das Chloranilin Isomer als karzinogen eingestuft. In Tierversuchen konnte das aromatische Amin mit Lebertumoren in Verbindung gebracht werden. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) spricht der Verunreinigung in vitro mutagene Eigenschaften zu. Laut der Agentur seien 34 µg 4-Chloranilin pro Tag seien bei lebenslanger Exposition vertretbar.

Keine Angaben zur Menge

Zur Menge an 4-Chloranilin werden keine genauen Angaben gemacht. Jedoch gibt die Zeitung die Auskunft, dass die EMA sechs kontaminierte Pillen pro Tag für akzeptabel hält. Dem entgegen steht die Einschätzung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) – für die Behörde stelle bereits mehr als eine kontaminierte Pille pro Tag ein inakzeptables Krebsrisiko dar, so die Zeitung.

Kein Risiko laut MEB

Das niederländische Medicines Evaluation Board (MEB) informiert darüber, dass die strenge Grenze von maximal 34 µg pro Tag bei den von NRC und Zembla untersuchten Chargen nicht überschritten wurde – die Tabletten würden weitaus geringere Mengen des kanzerogenen Stoffes enthalten. Laut MEB wird diese Grenze anhand eines Worst-Case-Szenarios ermittelt. Das bedeutet, die Maximalmenge der potenziell schädlichen Substanz wird anhand einer Person ermittelt, die während ihres gesamten Lebens täglich die maximale Paracetamol-Dosis einnimmt. Dabei liegt die berücksichtigte tägliche Maximaldosis bei sechs Tabletten à 500 mg Paracetamol.

Das MEB nehme jedoch die Sicherheit des Schmerzmittels sehr ernst. „Wir werden alle Hinweise darauf prüfen, dass es in den Niederlanden Paracetamol-Chargen gibt, die den genehmigten PCA-Schwellenwert überschreiten, und wir werden uns mit anderen Organisationen in Europa in Verbindung setzen, um unsere Ergebnisse zu besprechen. Wenn diese Konsultationen Anlass dazu geben, werden wir entsprechende Maßnahmen ergreifen.“

4-Chloranilin

4-Chloranilin, auch 1-Amino-4-chlorbenzol oder p-Chloranilin genannt, ist eines der drei Isomere von Chloranilin. Es handelt sich um einen farblosen bis leicht gelblichen Feststoff mit kristalliner Struktur und schwach aromatischem Geruch. Der Reinstoff wird in die Lagerklasse 6.1C eingestuft: Brennbare, akut toxische Katagorie 3 / giftige oder chronisch wirkende Gefahrstoffe. 4-Chloranilin ist kanzerogen, giftig, sensibilisierend und umweltschädlich. Die Kennzeichnung erfolgt mit den Gefahrenpiktogrammen „Totenkopf“ und „Umweltschädlich“. Chloraniline werden meist als Zwischenprodukte zur Synthese weiterer Stoffe benutzt. 4-Chloranilin wird zur industriellen Herstellung von Arzneimitteln, Pestiziden und Farbstoffen genutzt. 4-Chloranilin kann zur Herstellung einiger Wirkstoffe verwendet werden, darunter Benzodiazepine, Antihistaminika, Analgetika, Antiarhythmika und Antimykotika. Bei dem Stoff handelt es sich um einen Vorläufer von Chlorhexidin.

Erhöhte Nachfrage im März und April

Während der Hochphase der Corona-Pandemie kam es in deutschen Apotheken zu einer erhöhten Nachfrage nach Paracetamol. Zum einen wollten viele Bürger ihre Hausapotheke aufstocken, zum anderen geriet Ibuprofen in Verruf, sodass viele Menschen das NSAID gegen Paracetamol tauschten. Anfang März hatte Indien auf Produktionsausfälle aufgrund der Sars-CoV-2-Epidemie reagiert und Einschränkungen beim Export von 13 Wirkstoffen und Zubereitungen, die diese enthalten, verhängt. Betroffen war auch Paracetamol. Für den Wirkstoff gibt es in Indien vier Hersteller, fünf in China, und je einen in Frankreich und der Türkei, aber auch in den USA. Die Auswirkungen in der Apotheke seien aufgrund der Lieferketten erst Monate später merkbar. Unternehmen, die die aktive Substanz aus Indien beziehen, musste Mitte März eine zweite Quelle aktivieren. Welche Auswirkungen die Corona-Krise auf die Lieferfähigkeit des Analgetikums in den kommenden Wochen haben wird, ist derzeit noch unklar.

 

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