„Migräne-Spritze“: Zurückhaltung statt Euphorie

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Berlin -

Monoklonale Antikörper sind die Hoffnungsträger bei chronischer Migräne. Erenumab (Aimovig, Novartis) ist der erste Vertreter der „Migräne-Spritzen“, der in Deutschland verfügbar war. Weitere Kandidaten sind Galcanezumab (Emgality, Lilly), Fremanezumab (Ajovy, Teva) und Eptinezumab (Alder BioPharmaceuticals). Studien zufolge können die Arzneistoffe die Zahl der Migränetage reduzieren. Aber ist diese Hoffnung begründet? Stiftung Warentest hat die Studien gesichtet und eine Bewertung abgegeben.

Im Juli 2018 hatte Erenumab als erster Antikörper zur Migräne-Prophylaxe die EU-Zulassung erhalten, im November kam das Arzneimittel schließlich auf den Markt. Im September erhielt Lilly für Galcanezumab grünes Licht. Die vier monoklonalen Antikörper sind die ersten Arzneimittel, die speziell für die Migräneprophylaxe entwickelt und zugelassen wurden. Bislang wurden Arzneistoffe eingesetzt, deren präventive Wirkung im Zusammenhang mit Migräne eher ein Zufallsfund war.

So können beispielsweise Betablocker die Zahl der Migränetage senken. Die beste Evidenz liegt für Metoprolol und Propranolol vor. Außerdem kommen der Calciumantagonist Flunarizin und das Antiepileptikum Topiramat zum Einsatz, wobei letzteres nur mit Einschränkung geeignet ist. Die klinische Evidenz ist übersichtlich gut, jedoch das Nebenwirkungsprofil nicht unerheblich und kann bei einer Dauereinnahme problematisch sein. Die Arzneistoffe müssen täglich eingenommen werden, was einen Abbruch der Prophylaxe in etwa 70 Prozent der Fälle zur Folge haben kann. Eine andere Möglichkeit ist die Injektion von Botox bei mehr als 15 Migränetagen pro Monat.

Die Antikörper verfolgen ein neues Therapieprinzip. Im Fokus der Wirksamkeit steht das Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP). Der Botenstoff wird bei einer Migräneattacke vermehrt freigesetzt und spielt als Entzündungsprotein dabei eine zentrale Rolle. Das proinflammatorische Neuropeptid ist eine der stärksten gefäßerweiternden endogenen Substanzen und maßgeblich an der Entstehung der Migräne beteiligt. Außerdem gilt das Peptid als Entzündungsmediator. Im Zentralnervensystem ist CGRP an der Regulation der Körpertemperatur beteiligt und moduliert die Schmerzübertragung. Erenumab greift gezielt am CGRP-Rezeptor an. Galcanezumab, Fremanezumab und Eptinezumab greifen nicht am CGRP-Rezeptor an, sondern nehmen gezielt Einfluss auf das Neuropeptid. Durch Bindung an CGRP kann dieses nicht mehr mit dem dazugehörigen Rezeptor interagieren.

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