„Corona ist im Team angekommen“

Drei Approbierte infiziert: Apotheke muss schließen

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Berlin -

Mit mehreren Approbierten im Team hat sich Apotheker Henning Pusch personell gut aufgestellt gefühlt – eigentlich. Denn die aktuelle Infektionswelle trifft den Inhaber zweier Apotheken in Niedersachsen plötzlich. Drei Approbierte sind infiziert; Vertretungen zu bekommen, ist eine Herausforderung. Die Situation sei ein „Notfall“, heute Nachmittag muss er die Filiale wegen des Personalmangels schließen.

Seit mehreren Tagen sucht Pusch dringend Vertretungsapotheker:innen. Coronabedingt benötigt er Unterstützung, denn drei Apotheker:innen sind plötzlich ausgefallen. „Sie wurden nacheinander positiv getestet“, sagt der Inhaber der Apotheke am Markt in Stadthagen. Die Ansteckung sei nicht im Team geschehen. „Wir testen hier sehr engmaschig.“ Sie hätten sich vermutlich bei ihren Familien angesteckt.

Die personelle Situation in seinen Betrieben ist angespannt. Heute ist Pusch in seiner Filiale und hat nur eine Mitarbeiterin zur Seite. „Bisher habe ich mich entlanghangeln können, aber heute Nachmittag muss ich die Filiale schließen.“ Die Situation in den Apotheken ist angespannt: Wie eine aktuelle aposcope-Umfrage zeigt, ist derzeit knapp jeder zweite Betrieb von Ausfällen im Team betroffen.

„Sitzvertretungen“ sind keine Alternative

Ersatz zu finden, ist eine Herausforderung. „Ich bin in einer sehr komfortablen Personalsituation, dachte ich.“ Pusch meldete sich bei vier Vertretungsportalen, von einem sei sofort eine Absage gekommen. Ein anderes vermittle nur sogenannte Sitzvertretungen. „Das kann ich mir nicht erlauben, ich kann meinen Mitarbeitern nicht zumuten, dass einer sich nur hinsetzt und das Vierfache an Gehalt dafür bekommt.“ Denn in der Apotheke sei viel zu tun.

Für heute erwartet er eine Zusage einer Vertretung, die ab Mittwoch bei ihm einsteigen könnte. Bis dahin versucht er, die Arzneimittelversorgung seiner Kundschaft mit den verbliebenen Angestellten zu meistern. „Man muss damit rechnen, dass noch mehr wegen Corona ausfallen werden. Das kommt bei den PTA auch noch an“, erwartet er. Die Zahl der Infektionen steige aktuell sehr, das sei jedoch sein „subjektiver Eindruck“. „Corona kommt jetzt im Team an.“

Neuer Druck auf angespannte Personalsituation

Steigen die Zahlen weiter, könnten weitere Schließungen folgen. Denn angesichts der ohnehin angespannten Personalsituation in Apotheken kann es für Inhaber:innen schwer werden, kurzfristig Vertretungen zu finden. Auch die Hausärzt:innen in Nordrhein warnen bereits vor Praxisschließungen und machen angesichts steigender Infektionszahlen vor einer massiven Belastung und Engpässen im Gesundheitswesen.

Tatsächlich steigt die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz wieder seit neun Tagen an. Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten binnen eines Tages 252.836 Corona-Neuinfektionen. Die Dunkelziffer soll jedoch deutlich höher liegen. Im Landkreis Schaumburg, zu dem die Kreisstadt Stadthagen gehört, liegt die Inziden aktuell bei 1679,2.

Flexible Öffnungszeiten

Die Kammern wiesen zuletzt noch einmal auf die Möglichkeit von Ausnahmeregelungen hin. Apotheken können ihre Öffnungszeiten bei hohem Krankenstand anpassen. Folgende Kernöffnungszeiten sind etwa in Berlin ohne Genehmigung möglich:

Montag bis Freitag: 9 bis 12 Uhr und 15 bis 18 Uhr
Samstag: 9 bis 12 Uhr

Des Weiteren empfiehlt die Kammer in der Hauptstadt die Intensivierung von Hygiene- und Abstandsregeln. Vorgaben, wie der getrennte Aufenthalt im Pausenraum, könnten erneut eingeführt oder weiterhin beibehalten werden. Auch das Arbeiten in Teams könnte eine Option darstellen. Das dauerhaft getrennte Arbeiten verfolgten zahlreiche Apotheken bereits zu Beginn der Pandemie. Im Februar vergangenen Jahres empfahl die Bundesapothekerkammer hierzu: „In Betrieben mit mehr als zehn Beschäftigten sind die Beschäftigten in möglichst kleine Arbeitsgruppen einzuteilen. Personenkontakte zwischen den einzelnen Arbeitsgruppen im Betriebsablauf sowie Änderungen dieser Einteilung sind auf das betriebsnotwendige Minimum zu reduzieren. Zeitversetztes Arbeiten ist zu ermöglichen, soweit die betrieblichen Gegebenheiten dies zulassen.“

Was ist jetzt anders?

Personen, die eine Booster-Impfung erhalten haben, müssen als Kontaktperson nicht mehr in Quarantäne. Es empfiehlt sich, auf Symptome zu achten und die Selbsttestung zu intensivieren. Doch bleiben die Ergebnisse negativ, so kann weitergearbeitet werden. Nach der Grundimmunisierung ist die Quarantänepflicht für drei Monate aufgehoben, gleiches gilt für Genesene. Die Kammer rät dazu, dass Inhaber:innen ihren Mitarbeitenden die Booster-Impfung empfehlen sollten.

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