Apothekenketten

Walgreens und Microsoft gehen gemeinsam auf Datenjagd

, Uhr
Berlin -

Walgreens Boots Alliance (WBA) geht den nächsten Schritt seiner Digitalisierungskampagne: Am Dienstag gab der weltgrößte Apothekenkonzern eine strategische Partnerschaft mit Microsoft bekannt. Deren Kernstück ist eine auf mehrere Jahre angelegte Forschungs- und Entwicklungskooperation, der eine Reihe von digitalen Anwendungen, Technologien und „Einzelhandelsinnovationen“ entspringen soll. Konkrete Projekttitel oder -konzepte bleiben beide Unternehmen bisher schuldig. Dafür springt für Microsoft fast nebenher noch ein beachtlicher Großauftrag ab.

Der Apotheken- und der Softwaregigant sehen nach eigener Darstellung dieselbe Herausforderung: durch datengetriebene Erkenntnis die Convenience in der Gesundheitsversorgung zu verbessern. Dazu wollen sie Microsofts Software-Expertise, insbesondere die Cloud-Systeme des Konzerns und seine KI-Plattform, mit Walgreens‘ Kundenreichweite, Vor-Ort-Präsenz, Strukturen zur ambulanten Versorgung und Erfahrung in der Gesundheitswirtschaft kombinieren.

Es gebe einen starken Bedarf danach, „das System zu integrieren“, schreibt Walgreens. Was sperrig klingt, ist in der Praxis für den Kunden so einfach wie umstritten: Daten sammeln und verwerten, um so den Service zu verbessern – und an den Daten zu verdienen. „WBA wird mit Microsoft zusammenarbeiten, um die Informationen, die zwischen Patienten, Kostenträgern und Leistungserbringern fließen, zu nutzen, um über unser außergewöhnliches Netzwerk aus leicht zugänglichen Standorten neue Innovationen, höhere Mehrwerte und bessere Behandlungserfolge in Gesundheitssystemen rund um die Welt anzubieten“, erklärte WBA-Chef Stefano Pessina.

Für Microsoft wiederum ist die Kooperation eine Möglichkeit, sich stärker in der Gesundheitswirtschaft zu etablieren. „Behandlungsresultate zu verbessern und gleichzeitig Behandlungskosten zu senken, ist eine komplexe Aufgabe, die weitreichende Zusammenarbeit und starke Partnerschaft zwischen der Healthcare- und der IT-Industrie bedarf“, so CEO Satya Nadella.

Dabei wollen sich die Unternehmen darauf konzentrieren, Geräte und Anwendungen zu entwickeln, die Walgreens-Filialen mit und Gesundheitsdatenbanken mit den Kunden verbinden, „wo auch immer sie sind. Das wird den Menschen den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen ermöglichen – wann, wo und wie sie sie benötigen“, versprechen die beiden Konzerne.

Die Spanne soll dabei von der Prävention über Bagatell- bis hin zu chronischen Krankheiten reichen. Durch eine Mischung aus hauseigener Forschung und Entwicklung sowie externen Partnerschaften solle eine ganze Reihe von Anwendungen entwickelt werden, die das Internet der Dinge mit neuartigen KI-Technologien kombinieren.

Welche Anwendungen und Geräte genau in Planung sind, darüber schweigen beide Partner bisher. Allerdings können zumindest manche US-Kunden bald selbst bestaunen, was Walgreens aus dem Hut zaubert: In zwölf Filialen sollen im Laufe des Jahres sogenannte „Digital Health Corners“ entstehen, in denen die neuen Anwendungen vorgestellt werden und die dazugehörigen Gerätschaften gekauft werden können. Und die beiden Global Player denken bereits international: Es werde derzeit erörtert, in verschiedenen Schlüsselmärkten gemeinsame Innovationszentren auszubauen.

Für Microsoft springt dabei nebenher auch ein weiterer lukrativer Auftrag heraus: Gemäß dem Abkommen wird Walgreens seine gesamte Cloud-Infrasturktur auf Microsoft Azure umstellen. Außerdem müssen sich wohl hunderttausende Walgreens-Mitarbeiter in den kommenden Monaten auf neue Arbeitssoftware einstellen, denn das Unternehmen plant, alle Filialen weltweit auf die Office-Anwendung Microsoft 365 umzustellen. Diese beiden Änderungen würden Produktivität, Sicherheit und die interne Zusammenarbeit verbessern, schreibt Walgreens.

Welche Summen die beiden Konzerne für das Großprojekt in die Hand nehmen, teilen sie nicht mit. Walgreens hatte kurz vor Weihnachten bekanntgegeben, trotz eines Gewinnsprungs an der Kostenschraube drehen und eine Milliarde Dollar (877 Millionen Euro) einsparen zu wollen. Naheliegend ist es, zu vermuten, dass das Geld in eines der vielen Digitalisierungsvorhaben der letzten Monate fließen könnte.

So hat Walgreens letztes Jahr unter anderem Kooperationen mit der Supermarktkette Kroger und dem chinesischen Amazon-Pendant AliBaba gestartet und ist in das Telemedizin-Business eingestiegen. Die Digitalisierungsoffensive gilt – trotz der demonstrativen Selbstsicherheit von Pessina – als Reaktion auf Amazons Landnahme im Gesundheitswesen.

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Mehr zum Thema
EMA empfiehlt Antikörperpräparat
Beyfortus: Passive Immunisierung gegen RSV »
Zytostatikum & Immunsuppressivum
Melanomrisiko durch MTX? »
Mehr aus Ressort
Debatte um Wirkstoffverschreibung
Aut-idem: „In Österreich jedenfalls nicht“ »

APOTHEKE ADHOC Debatte

Weiteres
EMA empfiehlt Antikörperpräparat
Beyfortus: Passive Immunisierung gegen RSV»
Zytostatikum & Immunsuppressivum
Melanomrisiko durch MTX?»
EU-Kommission sichert 10.000 Einheiten
Affenpocken: Was kann Tecovirimat?»
Limit für geringfügige Beschäftigung erhöht
Minijob: 70 Euro mehr verdienen»
A-Ausgabe Oktober
90 Seconds of my life»
Kompetenter Begleiter für alle Leser:innen ab 60
my life Senioren»
Das Kindermagazin der my life Familie
Platsch»
Debatte geht in die nächste Runde
EMA befürwortet Biosimilar-Austausch»
Jede Verordnungszeile einzeln
Mehrfachverordnungen: Wie wird beliefert?»
Was wird von der Kasse erstattet
Retaxgefahr: Sprechstundenbedarf auf Rezept»