Nikotin – der zweite Versuch

Corona-Antigene aus Tabakpflanzen

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Berlin -

Zuletzt geriet das Rauchen in die Schlagzeilen, da Nikotinkonsum als Schutz vor Covid-19 diskutiert wurde. Die Hypothesen aus französischen Studien-Preprints wurden bislang nicht valide belegt – Nikotinersatzpräparate sollten nicht zum Infektionsschutz genutzt werden. Nun gelangen Tabak und Nikotin erneut in die Schlagzeilen, diesmal aber ohne gesundheitsgefährdenden Konsum. Der Lucky-Strike Hersteller British American Tobacco versprach bereits Anfang April Impfstoff aus Tabakpflanzen. Nun scheint es der Konzerntochter Kentucky Bioprocessing gelungen zu sein, einen Teil der genetischen Sequenz des Virus zu klonen und Antigene in den Pflanzen zu vermehren.

Antigene aus Tabakpflanzen – das klingt zunächst ungewöhnlich, scheint aber Realität werden zu können. Der Tabakkonzern British American Tobacco, der unter anderem die Marke Lucky-Strike produziert, scheint mit ersten Experimenten bezüglich der Vermehrung von Antigenen in Tabakpflanzen erfolgreich gewesen zu sein. Die Vermehrung der Antigene in den Pflanzen muss sehr effektiv sein und reibungslos verlaufen, denn der Konzern hofft, in bereits weniger als vier Wochen mit der Herstellung von Impfstoff beginnen zu können.

Die Idee, Tabakpflanzen zur Impfstofffertigung zu nutzen, ist nicht neu. Bereits 2015 beschäftigten sich die Tabakkonzerne im Zuge der grassierenden Ebola-Krise in Afrika mit der Thematik. Da die Zigarettenverkäufe generell eher rückläufig waren, witterten die Unternehmen eine neue Einnahmequelle in der Antigenvermehrung. Damals gelang es nicht, einen wirksamen Impfstoff gegen Ebola aus den Pflanzen zu entwickeln.

Experten gehen aber davon aus, dass die pflanzliche Variante sogar effektiver sein könnte als die nach herkömmlichen Methoden hergestellten Impfstoffe. Bislang werden die meisten Vakzine in Eiern produziert. Ohne Eier gibt es beispielsweise aktuell keinen Grippeimpfstoff. Noch werden jährlich zwischen 450 und 500 Millionen Hühnereier allein für den Influenza-Impfschutz benötigt.

Kann die Tabakindustrie helfen?

Bislang spielte die Tabakindustrie bei der Entwicklung neuer Medikamente kaum eine Rolle, zudem gibt es wenige Branchen, die so oft an den Pranger gestellt werden wie die Tabakproduktion. Dennoch versuchen einzelne Unternehmen immer wieder, in das Arzneimittelgeschäft einzusteigen. „Menschen können zynisch sein“, sagt Hugh Haydon, CEO von Kentucky BioProcessing. „Tatsache ist jedoch, dass wir möglicherweise helfen können.“ Das Unternehmen hatte auch das US-Gesundheitsministerium über seine Coronavirus-Forschung informiert und angekündigt, erste Proben zu Verfügung zu stellen. British American Tobacco verweist darauf, dass es durch die pflanzliche Herstellung möglich sein könnte, große Mengen zu produzieren. Ein weiterer Vorteil laut Unternehmen: Tabakpflanzen können keine Krankheitserreger aufnehmen, die auf den Menschen übertragen werden könnten.

Schnellwachsende Pflanzen von Vorteil

Um Impfstoffe im Bedarfsfall kurzfristig in großen Mengen herstellen zu können, suchen Forscher nach innovativen Techniken, um Antigene schnell und billig herstellen zu können. Das Fraunhofer-Center für molekulare Biotechnologie produzierte bereits 2014 erste Impfstoffe in amerikanischen Tabakfarmen. Forscher des Institutes erklären, weshalb Pflanzen eine kostengünstige Alternative sein könnten, wie folgt: „Aus einem Gramm Samen entstehen innerhalb von vier Wochen 50 Kilogramm Biomasse. Das ist Faktor 50.000. Dadurch wird das zu einer sehr günstigen Quelle von Biomasse.“ Je mehr Biomasse, desto mehr Antigene. Es geht also nicht direkt um die Tabakpflanze, sondern um eine schnellwachsende Spezies. Für Impfstoffe gegen den Schweinegrippe- und den Vogelgrippe-Erreger sind Phase-I-Studien abgeschlossen. Die Wissenschaftler prüfen auch die Antigenherstellung für eine Behandlungsoption von Malaria oder Anthrax.

Rauchen und Covid-19

Eine französische Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen dem täglichen Rauchen und der Anfälligkeit für Sars-CoV-2-Infektionen. Zu den Teilnehmern zählten 343 stationär aufgenommene Patienten – Durchschnittsalter 65 Jahre, 206 Männer und 137 Frauen – etwa 4 Prozent davon waren tägliche Raucher. Zur zweiten Gruppe zählten 139 ambulante Patienten – Durchschnittsalter 44 Jahre, 62 Männer, 77 Frauen – etwa 5 Prozent rauchen täglich. Die Rate derer, die täglich rauchten, war bei den ambulanten und stationären Covid-19-Patienten signifikant niedriger (80,3 Prozent beziehungsweise 75,4 Prozent) als in der französischen Allgemeinbevölkerung.

Das Fazit der Wissenschaftler: „Unsere Querschnittsstudie sowohl bei ambulanten als auch bei stationären Covid-19-Patienten deutet stark darauf hin, dass tägliche Raucher im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine sehr viel geringere Wahrscheinlichkeit haben, eine symptomatische oder schwere Sars-CoV-2-Infektion zu entwickeln.“ Die Forscher gehen davon aus, dass der nAChR-Signalweg am entzündlichen Covid-19-Syndrom beteiligt ist. Nikotin könne bei der Kontrolle des Covid-19-Zytokin-Ansturms eine Rolle spielen und möglicherweise eine blockierende Wirkung von Sars-CoV-2 auf den AChR besitzen.

 

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